12.09.12

Angriff auf US-Konsulat

Wut und Gewalt gegen USA - Botschafter in Libyen getötet

Die USA ermitteln, ob der Angriff auf das US-Konsulat in Bengasi ein anlässlich des Jahrestags von 9/11 geplanter Terroranschlag war.

Foto: REUTERS/ZGBZGH
The U.S. Consulate in Benghazi is seen in flames during a protest
Bei Angriffen auf das US-Konsulat in Bengasi sind mindestens vier Menschen getöten worden

Tripolis/Kairo. Erneut schlägt den USA Wut und Gewalt in der muslimischen Welt entgegen. Amerikas Botschafter in Libyen wird in Bengasi getötet, in Kairo gibt es Proteste. Als Auslöser gilt ein islamfeindliches Video bei YouTube.

Neuer schwerer Gewaltausbruch gegen die USA: Bei einem Angriff auf das US-Konsulat in der libyschen Stadt Bengasi ist der amerikanische Botschafter getötet worden. Neben Chris Stevens starben in der Nacht zum Mittwoch drei weitere Amerikaner, wie US-Präsident Barack Obama bestätigte. Angestachelt von einem islamfeindlichen Internetvideo hatten bereits zuvor aufgebrachte Muslime in Kairo versucht, in die dortige US-Botschaft einzudringen. Als Auslöser gilt ein in den USA produzierter Filmtrailer, in dem der Prophet Mohammed verunglimpft wird. International wurde die Gewalt scharf verurteilt. Zugleich wuchs die Angst vor Anschlägen.

Die Angreifer setzten in Bengasi Brandbomben und Panzerfäuste ein. Botschafter Stevens, der sich zu einem Besuch in der ostlibyschen Stadt aufhielt, starb arabischen Medienberichten zufolge an einer Rauchvergiftung. In Kairo erkletterten aufgebrachte Islamisten die Mauer der Botschaft und rissen die US-Flagge herunter. An die Wand des Botschaftsgebäudes sprühten sie am Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September den Namen Osama bin Laden.

+++ Obama sichert Zusammenarbeit zu - Auch Libyer unter den Opfern +++

Nach US-Medienberichten könnte die Attacke in Bengasi geplant gewesen und Protest gegen den Film als Ablenkungsmanöver benutzt worden sein. Wegen der schweren Bewaffnung der Angreifer in Libyen sei das wahrscheinlicher als eine außer Kontrolle geratene spontane Demonstration, hieß es unter Berufung auf nicht näher bezeichnete Washingtoner Regierungsquellen.

Nach Informationen des Senders CNN will US-Präsident Barack Obama Drohnen nach Libyen schicken, um mögliche Islamisten-Camps aufzuspüren. Etwaige Angriffe würden aber Libyen überlassen, hieß es unter Berufung auf Quellen in Washington weiter. Die US-Regierung schickte laut Medienberichten am Mittwoch 200 zusätzliche Marines nach Bengasi, um die Diplomaten zu schützen.

In den auf YouTube veröffentlichten Sequenzen des mit einfachen Mitteln produzierten Films "Innocence of Muslims" ("Unschuld der Muslime") wird der Prophet als Trottel und Weiberheld dargestellt. Im Islam ist die Darstellung Gottes oder seines Propheten verboten.

+++ Islamisten töten US-Botschafter in Libyen +++

Obama kündigte an, die Verantwortlichen des Angriffs von Bengasi zur Verantwortung zu ziehen. "Der Gerechtigkeit wird Genüge getan", versprach er. "Die Welt muss zusammenstehen, um diese brutalen Aktionen eindeutig zurückzuweisen", forderte er. Es gebe "absolut keine Rechtfertigung für diese Art sinnloser Gewalt". Die Getöteten stünden für Werte, denen sein Land verpflichtet sei. Die USA erteilten jedweder Erniedrigung religiöser Überzeugungen anderer eine Absage, sagte Obama.

Auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilte den Angriff aufs Schärfste. Die Gewalt sei durch nichts zu rechtfertigen, erklärte er. Ähnlich äußerte sich Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen. Es sei wichtig, "dass das neue Libyen sich auch weiterhin zu einer friedlichen, sicheren und demokratischen Zukunft" hinbewege.

Für die Bundesregierung ist es "tragisch und schwer erträglich, dass in Bengasi vier Menschen, darunter ein Diplomat, Opfer dieses religiösen Fanatismus geworden sind", wie Regierungssprecher Steffen Seibert sagte. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sagte: "Ich fordere die Regierungen in Ägypten und in Libyen eindringlich auf, die Sicherheit der Botschaften und Konsulate in ihren Ländern in vollem Umfang zu gewährleisten." Das Bundesinnenministerium zeigte sich besorgt. Die Sicherheitsmaßnahmen für US-Einrichtungen und andere Missionen blieben auf einem sehr hohem Niveau.

+++ Obama bestätigt und verurteilt Tötung von US-Botschafter in Libyen +++

Frankreichs Präsident François Hollande nannte den Angriff auf das Konsulat ein abscheuliches Verbrechen. Italiens Staatschef Giorgio Napolitano sprach von einem feigen terroristischen Akt. Auch der Vatikan wandte sich gegen die "völlig inakzeptable Gewalt". Israels Außenminister Avigdor Lieberman sprach von "bösartigen Terroranschlägen, die gegen die freie Welt und den ganzen Westen gerichtet" seien.

Autor, Regisseur und Produzent des Films ist nach Informationen des "Wall Street Journals" Sam Bacile. Der 52-Jährige, der in Besitz der israelischen und der amerikanische Staatsbürgerschaft sei, habe für den rund zweistündigen Film fünf Millionen Dollar (3,9 Millionen Euro) von rund 100 jüdischen Spendern eingesammelt. In einem Interview mit dem Blatt habe er gesagt, "Islam ist wie Krebs".

+++ Obama verurteilt Angriffe und sichert Libyen Hilfe zu +++

Der Trailer zum Film war dem Bericht zufolge seit Juli auf YouTube zu sehen. Aufmerksamkeit errege er aber erst, seit sich der als Koranhasser bekanntgewordene Pastor Terry Jones aus Florida für den Film eingesetzt habe. Eine Koran-Verbrennung in der Kirche von Jones hatte im März vergangenen Jahres gewalttätige Proteste von Muslimen ausgelöst. In Afghanistan starben damals sieben UN-Mitarbeiter.

US-Außenministerin Hillary Clinton erklärte: "Die USA missbilligen jeden absichtlichen Angriff auf die religiösen Gefühle von Andersgläubigen."

+++ Libysches Parlament verurteilt Angriff auf US-Konsulat +++

Der republikanische Herausforderer Obamas bei den Präsidentenwahlen im November, Mitt Romney, nutzte die Angriffe auf die US-Vertretungen zum innenpolitischen Schlagabtausch. Er warf seinem Kontrahenten mangelnde Führungskraft vor.

In Libyen zeigten sich Aktivisten und Politiker entsetzt von der Gewalt. Parlamentspräsident Mohammed Magariaf entschuldigte sich im Namen des libyschen Volkes bei den USA. Der libysche UN-Botschafter Abderrahman Schalgam bezeichnete Stevens in einer Sitzung des Sicherheitsrates in New York als "wahren Freund des libyschen Volkes". "Wir können nicht verstehen, warum einige Menschen diesen wunderbaren Menschen töten konnten", sagte er.

Andere Regierungsvertreter in Tripolis äußerten die Vermutung, Anhänger des 2011 gestürzten Machthabers Muammar al-Gaddafi könnten hinter der Atacke stecken, "um Rache an den Amerikanern zu üben". Die USA hatten sich an den Nato-Luftangriffen beteiligt, die letztlich den Sturz des Gaddafi-Regimes herbeiführten.

Auch die ägyptische Muslimbruderschaft verurteilte den Angriff auf das Konsulat. Wer gegen den Film auf die Straße gehe, solle seinen Ärger friedlich zum Ausdruck bringen, mahnte die Organisation.

Libyen wählt neuen Regierungschef – Kompromisskandidat gewinnt

Wenige Stunden nach dem tödlichen Angriff auf das US-Konsulat in Bengasi hat das Parlament in der libyschen Hauptstadt Tripolis den Ministerpräsidenten einer neuen Übergangsregierung gewählt. Der amtierende Vize-Ministerpräsident Mustafa Abu Schagur setzte sich bei einer Stichwahl am Mittwochabend gegen den Vorsitzenden der Mehrheitsfraktion, Mahmud Dschibril, durch, wie mehrere arabische Medien übereinstimmend berichteten. Schagur galt bereits im Vorfeld als Kompromisskandidat.

Im ersten Wahlgang hatte zunächst Dschibril die meisten Stimmen für sich verbucht. Er verfehlte jedoch die nötige Mehrheit. Insgesamt hatten sich acht Kandidaten zur Wahl gestellt.

Abu Schagur, der lange Jahre an Universitäten in den USA und am Golf gelehrt hat, war erst kürzlich aus dem Exil zurückgekehrt. Er steht jetzt vor der schwierigen Aufgabe, für mehr Sicherheit und Stabilität in dem nordafrikanischen Land zu sorgen und die Milizen zu entwaffnen.

Der unterlegene Dschibril war hingegen schon während des Aufstandes gegen das Regime von Muammar al-Gaddafi von einem inzwischen aufgelösten Übergangsrat zum Regierungschef ernannt worden. Er spielte eine wichtige Rolle bei den Gesprächen mit westlichen Regierungen, die den Nato-Einsatz in Libyen unterstützten. Später wurde Dschibril von dem aktuell amtierenden Ministerpräsidenten Abdel Rahim al-Kib abgelöst.

USA evakuieren Botschaft in Libyen – Flüge nach Deutschland

Die beim Angriff auf das US-Konsulat in der libyschen Stadt Bengasi getöteten und verletzen Amerikaner sind nach US-Angaben nach Deutschland geflogen worden. Das teilte das Außenministerium in Washington mit. Zudem sei ein Großteil des US-Botschaftspersonals aus Bengasi evakuiert und auf die Airbase im pfälzischen Ramstein gebracht worden, sagte eine Außenamtsmitarbeiterin in einer Telefonkonferenz weiter. Die US-Botschaft in Tripolis arbeite nur noch mit wenigen Mitarbeitern in einer Art Notbetrieb.

Mit Material von dpa

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