China
Wen Jiabao verspricht Angela Merkel Reformen
Chinas Premier hat offenes Ohr für Sorgen deutscher Wirtschaft. Fraglich, ob sich an Bürokratie und Protektionismus etwas ändert.
Tianjin. Es war wie in der Schule. Premierminister Wen Jiabao, selbst Sohn eines Lehrers, rief den mächtigen Chef der Staatlichen Kommission für Entwicklung und Reform, Chang Ping, auf, zu antworten. "Chang Ping: Du nimmst Stellung!" Der stand gehorsam auf. "Premier, wir sind dabei, unsere Transportlogistik von Chongqing nach Europa effizienter zu machen. Wir haben noch Schwachstellen. Die werden wir abbauen." Der Vorstandschef der Deutschen Bahn, Rüdiger Grube, jubelte innerlich. Später sagte er: "Ich habe einst fünf Jahre in China gelebt. Ich weiß, was solche Worte bedeuten. Da wird sich jetzt etwas tun."
Grube hatte sich bei einem besonderen deutsch-chinesischen Wirtschaftsforum in Tianjin zu Wort gemeldet, das Premier Wen zu Ehren der Chinabesucherin Angela Merkel ausrichten ließ. 20 deutsche und 20 chinesische Wirtschaftsführer, Herren über Zehntausende Mitarbeiter, saßen sich am Freitag zu einer Aussprache gegenüber, wie ihre Konzerne besseren und faireren Zugang zu den jeweils anderen Märkten erhalten. Die Kanzlerin, die mit Wen die Debatte moderierte, habe ihm den Ball zugespielt, sagte der deutsche Bahnchef. "Herr Grube, sprechen Sie." Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Sein Unternehmen bediene seit vergangenem November den 11 000 Kilometer langen Güterverkehr von Leipzig nach Nordostchinas Industriemetropole Shenyang. Mit der Bahn hätten sich die Transportzeiten von 46 Tagen, die Schiffe brauchen, auf 23 Tage halbiert. "Wir könnten aber noch weitere neun Tage Fahrtzeit einsparen", sagte Grube. "Wir brauchen ein einheitliches Transportrecht, schnellere Abfertigung an den Grenzen und vor allem einen von China anerkannten internationalen digitalen Frachtbrief."
+++ Merkel würdigt Beziehungen zu China +++
Premier Wen zeigte sich nicht irritiert. Im Gegenteil. Er unterstützte Grube: Chinas Handelsaustausch mit Deutschland werde intensiver. Daher sei es an der Zeit, die Verkehrslogistik des Landes zu optimieren. Für Grubes Großkunden BMW, der sich für sein China-Autowerk in Shenyang per Bahn täglich 44 Waggons Zulieferteile von Deutschland aus anliefern lässt, sind das gute Nachrichten: für kürzere Frachtzeiten und geringere Kosten. Mit einem digitalen Frachtbrief werde alles besser, sagt Grube. Bisher brauche seine Bahn für eine Fahrt von Deutschland nach China 14 Frachtbriefe. In China verlange jede Provinz einen. "Je weiter wir nach Osten kommen, desto länger stehen unsere Züge, statt zu fahren."
Die Unterstützung des Premiers für eine deutsche Forderung nach Bürokratieabbau war Wens wirtschaftliches Abschiedsgeschenk für die Bundeskanzlerin, die mit ihren Ministern zum zweitägigen Gipfel beider Regierungen nach Peking gekommen war. Zum Abschlusstag der Reise begleitete er Merkel am Morgen zuerst bei einem Rundgang durch den Kaiserpalast, fuhr mit ihr im Hochgeschwindigkeitszug zum Wirtschaftsforum in seine Heimatstadt Tianjin und nahm mit ihr gemeinsam an der Feier zur Auslieferung des 100. Airbus A320 im Airbus-Endmontagewerk teil. Dort hielt Wen eine, wie er selbst sagte "improvisierte" Lobrede auf die Kanzlerin. In den sieben Jahren seit ihrer Wahl 2005 sei er mit ihr 20-mal auf internationalen Tagungen und bei zwölf bilateralen Gipfeltreffen zusammengetroffen. In dieser Zeit hätten sich die chinesisch-deutschen Beziehungen so "überragend" entwickelt, dass sie weltweiten "Modellcharakter" gewonnen hätten.
Ebenso überschwänglich hatte sich Wen auch auf dem deutschen Wirtschaftsforum als reformfreudiger Gastgeber präsentiert. Von deutschen wie chinesischen Wirtschaftsführern wollte er wissen, wo sie der Schuh drückt.
+++ Wir brauchen ein stabiles China +++
Als chinesische Konzernchefs von ZTE und Minmetal oder auch Siemenschef Peter Löscher mit ihren Antworten eher vage blieben, drängte Wen: "Ihr seid zu höflich." Auch Merkel ermunterte zur offenen Debatte. "Die Karten müssen auf den Tisch." BASF-Vorstandsmitglied und APA-Sprecher Martin Brudermüller kritisierte die inflationäre Masse dubioser chinesischer Patentanmeldungen, die weder transparent noch online zugänglich seien und Wettbewerbern das Leben schwer machten. Wen sagte, dass China diese Kritik bei der Novellierung seines Patentschutzes 2014 bedenken werde. Über Probleme beim Marktzugang klagte auch Fresenius-Chef Ulf Markus Schneider. China verwehre seinem Unternehmen, private Dialysezentren zu betreiben, oder schiebe Zulassungszeiten für medizinische Produkte auf die lange Bank. Konzernchef Ulrich Grillo, BDI-Ausschussvorsitzender für Rohstoffpolitik, nannte Chinas restriktive Politik gegenüber Rohstoffen und Seltenen Erden die "Achillesferse" für ausländische Investoren in China. "Das sind sehr konkrete Fragen", sagte Wen und versprach baldige Abhilfe. Er nannte es auch ein Missverhältnis, dass Deutschland mit 7000 Unternehmen in China mehr als 26 Milliarden Euro investiert hat, während von Chinas Firmen nur Projekte für weit unter zwei Milliarden Euro in Deutschland angeschoben wurden.
Ob sich nun etwas tut, wie Bahnchef Grube hofft, bleibt allerdings unklar. Denn der Premier, der der Kanzlerin ein allerletztes Mal einen großen Bahnhof in China bereitete, ist ein Auslaufmodell geworden. Wen gestand es bei seiner emphatischen Laudatio auf Merkel im Airbus-Werk selbst ein: "Ich werde in wenigen Monaten in den Ruhestand treten, aber unsere Kooperation wird blühen und gedeihen."















