07.08.12

Syrien-Konflikt

Iran will Regimewechsel in Syrien nicht hinnehmen

Teheran will das Zerbrechen der "Achse des Widerstands" gegen Israel nicht zulassen. Ein Abgesandter von Chamenei spricht Assad Mut zu.

Foto: dpa/DPA
Der iranische Spitzenpolitiker Said Dschalili nimmt ein Zerbrechen der "Achse des Widerstands" gegen Israel nicht hin
Der iranische Spitzenpolitiker Said Dschalili nimmt ein Zerbrechen der "Achse des Widerstands" gegen Israel nicht hin

Damaskus/Teheran/Beirut. Der Iran hat seine Unterstützung für das Assad-Regime in Syrien bekräftigt und will seinen Verbündeten unter keinen Umständen fallenlassen. "Wir werden es nicht zulassen, dass irgendjemand die Achse des Widerstands (gegen Israel) zerbricht", sagte der iranische Spitzenpolitiker Said Dschalili am Dienstag bei einem Besuch in Damaskus. Dort war er mit dem von einem bewaffneten Volksaufstand bedrängten syrischen Präsidenten Baschar al-Assad zusammengetroffen. Die "Achse des Widerstands" bezeichnet in der iranischen Diktion die israelfeindlichen Kräfte in der Region, zu denen neben dem Iran selbst und Syrien unter Assad die schiitische Hisbollah-Bewegung im Libanon und die radikal-islamische Hamas im palästinensischen Gazastreifen gehören.

+++ Aleppo unter Beschuss: Massenflucht aus Syrien setzt ein +++

Assad erklärte nach dem Treffen mit Dschalili, einem Vertrauensmann des iranischen Revolutionsführers Ajatollah Ali Chamenei: "Das syrische Volk und seine Regierung sind entschlossen, das Land von den Terroristen zu säubern und sie ohne Unterlass zu bekämpfen." Als "Terroristen" bezeichnet das Assad-Regime die Aufständischen, deren Revolte keine Anzeichen eines Nachlassens zeigt. Am Vortag war Assads Ministerpräsident Riad Hidschab in Jordanien zu den Rebellen übergelaufen.

Dschalili beriet sich in Damaskus auch wegen der Verschleppung einer iranischen Pilgergruppe durch syrische Rebellen. Teheran werde "alle zu Gebote stehenden Mittel" einsetzen, um die Geiseln freizubekommen, sagte er. Rebellen mit islamistischem Hintergrund hatten am Wochenende in Damaskus 47 iranische und einen afghanischen Pilger verschleppt. Sie unterstellen ihnen, Agenten der iranischen Revolutionsgarden zu sein. Der Iran bestreitet dies vehement.

Am Montag behaupteten die Geiselnehmer, dass drei der Iraner im Granathagel der Regimestreitkräfte getötet worden seien. Weitere Geiseln würden erschossen, wenn das Regime den Artilleriebeschuss nicht einstelle. Wo die Geiseln festgehalten werden, ist unbekannt. Iranische Politiker machten die USA, die Türkei, Saudi-Arabien und Katar – alles Länder, die die syrischen Rebellen unterstützen – für die Geiselnahme mitverantwortlich.

+++Regierung verfolgt Flüchtlinge und Rebellen bis nach Jordanien+++

In dem nun auch international ausufernden Konflikt nimmt sich Teheran mehr und mehr in einer Rolle wahr, die es angeblich nicht spielen will. "Die USA und andere Länder, die die Rebellen unterstützen, versuchen, den Iran direkt in den syrischen Konflikt hineinzuziehen und ihn einer Konfrontation mit den arabischen Staaten näherzubringen", erklärte der iranische Außenamtssprecher Ramin Mehmanparast. Saudi-Arabien rivalisiert mit dem Iran um die Vorherrschaft am Golf.

Auch die Türkei unterstützt die Rebellen in Syrien. Die Geiselnahme sollte auch Thema beim Ankara-Besuch des iranischen Außenministers Ali Akbar Salehi sein. Er wurde am Dienstagabend beim türkischen Außenminister Ahmet Davutoglu erwartet, wie die türkische Nachrichtenagentur Anadolu berichtete.

Nach dem Gespräch mit Dschalili sendete das staatliche syrische Fernsehen Bilder von dem Treffen. Es zeigte Assad zum ersten Mal seit fast drei Wochen in der Öffentlichkeit. Der syrische Machthaber ist in der Regel nicht häufig öffentlich zu sehen.

+++Aktivisten berichten von Massaker der Regierungstruppen+++

Im nordsyrischen Aleppo wurden nach Angaben des Staatsfernsehens am Dienstag mindestens 25 Aufständische bei schweren Kämpfen getötet. Die Rebellen hätten ein Kraftwerk angegriffen und seien zurückgeschlagen worden. Die Oppositionellen eroberten nach eigenen Angaben in zehnstündigen Kämpfen einen strategisch wichtigen Armee-Kontrollpunkt. Damit sollen sie nun eine Verbindung zwischen den von ihnen beherrschten Gebieten im Nordosten und im Zentrum der Stadt hergestellt haben.

+++Obama unterstützt die Rebellen in Syrien+++

Nach Angaben von Augenzeugen zog das Militär beträchtliche Truppenaufgebote mit einer großen Zahl von Geschützen rund um Aleppo zusammen. Allgemein werde eine weitere Großoffensive der Regimekräfte erwartet, hieß es. In früheren Angriffswellen während der mehr als zwei Wochen tobenden Schlacht um die nördliche Handelsmetropole konnte sich die Armee trotz waffentechnischer Überlegenheit nicht durchsetzen. Vielmehr verbuchten die Aufständischen Gebietsgewinne.

Den unbewaffneten UN-Beobachtern wurde es indes in Aleppo zu gefährlich. Quellen innerhalb der Vereinten Nationen bestätigten am Dienstag, dass die 20 Mann zum Hauptquartier nach Damaskus zurückkehren würden. Der Chef der Beobachtermission, General Babacar Gaye, zeigte sich "tief besorgt" über das Schicksal der Menschen in Aleppo. "Ich dränge beide Seiten, Zivilisten zu schützen und sich an ihre völkerrechtlichen Pflichten zu halten", sagte der Senegalese. Seit Beginn der Proteste gegen das Assad-Regime im März 2011 sollen nach UN-Angaben 17.000 Menschen ums Leben gekommen sein.

(dpa)

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Die Chronologie der Eskalation zwischen Syrien und der Türkei
Die Chronologie der Eskalation zwischen Syrien und der Türkei
Seit Ausbruch der Gewalt in Syrien herrscht politische Eiszeit zwischen Damaskus und Ankara. Die Lage an der fast 900 Kilometer langen gemeinsamen Grenze ist bedrohlich eskaliert.
6. Juni 2011: Die ersten 100 Syrer retten sich aus der Provinz Idlib in die Türkei. In Ankara verspricht Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan den Flüchtlingen eine offene Grenze. Zehn Tage später leben bereits mehr als 9000 Syrer in türkischen Lagern.
12. November 2011: Anhänger von Machthaber Baschar al-Assad attackieren die türkische Botschaft in Damaskus
16. März 2012: Ankara ruft türkische Staatsbürger auf, Syrien wegen der zunehmenden Gewalt zu verlassen. Am 26. März schließt die Türkei ihre Botschaft in Damaskus.
9. April 2012: Syrische Truppen feuern über die Grenze hinweg auf das Flüchtlingslager Kilis. Zwei Syrer und zwei Türken werden verletzt. Ankara verstärkt die Truppen an der Grenze und warnt vor weiteren Angriffen. In türkischen Lagern leben inzwischen 24 700 Syrer.
30. Mai 2012: Als Reaktion auf das Massaker an Zivilisten im syrischen Al-Hula weist die Türkei alle syrischen Diplomaten aus Ankara aus.
13. Juni 2012: Damaskus behauptet, Kämpfer der Freien Syrischen Armee würden auf Schmugglerwegen auch mit Waffen aus der Türkei aufgerüstet. Ankara bestreitet Waffenlieferungen an syrische Rebellen, die Unterstützung sei rein humanitärer Art.
23. Juni 2012: Nahe der Küstenstadt Latakia schießt Syrien einen türkischen Militärjet ab. Das Kampfflugzeug war nach syrischen Angaben in den Luftraum des Landes eingedrungen.
26. Juni 2012: Der Nato-Rat verurteilt den Abschuss.
28. Juni 2012: Die Türkei stationiert Militärfahrzeuge und Raketenabwehrsysteme an der Grenze zu Syrien. 30. Juni: Die türkische Armee lässt Kampfjets gegen syrische Hubschrauber aufsteigen, die sich der Grenze näherten.
2. Juli 2012: 85 syrische Soldaten setzen sich in die Türkei ab, darunter ranghohe Offiziere mit ihren Familien – zusammen fast 300 Menschen. Insgesamt sind über 30 000 Syrer in die Türkei geflohen
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