02.08.12

Äthiopien

Tot oder am Leben? – Wo ist Äthiopiens Premier

Meles Zenawi ist aus der Öffentlichkeit verschwunden. Wilde Gerüchte schießen ins Kraut, weil die Regierung die Wahrheit geheim hält.

Foto: dpa/DPA
Ethiopian Prime Minister Zenawi health concerns
Lebt er oder ist er tot? Rätselraten um Athiopiens Premierminister Meles Zenawi

Nairobi. Mal ist er tot, mal in Urlaub, mal auf dem Weg der Besserung – die Spekulationen über den äthiopischen Premierminister Meles Zenawi (57) nehmen kein Ende. Seit sieben Wochen wurde der autoritäre Machthaber nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen. Die Gründe sind unklar. Immerhin fand sich Regierungssprecher Bereket Simon am Mittwoch zu einer Minimal-Auskunft bereit: Der Regierungschef sei in guter Verfassung und auf dem Weg der Besserung, sagte er dem britischen Sender BBC. Zu Krankheit und Aufenthaltsort schwieg er: Es sei "nicht hilfreich", mehr Details zu nennen.

Am Tag zuvor hatte der oppositionelle äthiopische Satellitensender ESAT Zenawis Tod gemeldet. Die Regierungspartei wolle erst die Nachfolge regeln, bevor sie die Nachricht bekanntgebe. Der Sender berief sich auf das politische Forschungsinstitut "International Crisis Group", das seinen Sitz in Brüssel hat. Also in der Stadt, in der Zenawi Gerüchten zufolge in einer Klinik behandelt wurde oder noch behandelt wird.

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Es dauerte nur wenige Stunden, bis die Politikforscher ein entschiedenes Dementi auf ihre Homepage setzten: "Die Crisis Group hat die Gesundheit oder das Schicksal von Herrn Zenawi niemals kommentiert und ist nicht in einer Position, darüber zu spekulieren." Da hatte sich das Gerücht aber schon weltweit verbreitet, dass der Mann, der 1991 in Äthiopien an die Macht kam, gestorben sei.

Ihren Anfang nahmen die Spekulationen Mitte Juli, weil Zenawi dem Gipfel der Afrikanischen Union in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba fernblieb, obwohl er der Gastgeber war. Da fiel auf, dass er seit dem G-20-Gipfel am 18. Juni in Mexiko nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen wurde. Fotos aus Mexiko zeigen, dass er Gewicht verloren und Ringe unter den Augen hatte.

Während des Afrika-Gipfels hatte sich Regierungssprecher Simon nur entlocken lassen, der Regierungschef sei krank. Die äthiopische Wochenzeitung "Feteh", die wenig später in großen Lettern über Zenawis Krankheit schrieb, wurde von der Regierung prompt verboten. Das unterstrich die Brisanz des Themas und entsprach dem üblichen Umgang des Regimes mit unliebsamen Publikationen: Die rigorose Beschränkung der Pressefreiheit und die Inhaftierung von Journalisten ist in Äthiopien Alltag.

Wer Äthiopien derzeit regiert und ob hinter den Kulissen ein Machtkampf entbrannt ist, bleibt unklar. Auf die Frage, wer denn während Zenawis Abwesenheit die Regierungsgeschäfte führe, sagte Regierungssprecher Bereket der BBC: "Der Status quo wird beibehalten. Es gibt keine Veränderung, und es wird in naher Zukunft keine Veränderung geben."

Der Verfassung zufolge müsste der stellvertretende Premierminister Hailemariam Desalegn die Amtsgeschäfte führen. Als möglicher Nachfolger wird aber eher der langjährige Außenminister Berhane Gebre-Christos genannt. Er gilt als äußerst diskret, steht Zenawi seit Jahren sehr nahe und ist einer der mächtigen Männer im Hintergrund.

Unter Zenawi hat sich das langjährige Bürgerkriegs- und Hungerland Äthiopien zu einem reformfreudigen wirtschaftlichen Aufsteiger in Afrika gemausert. Der einstige Marxist wurde zu einem Bündnispartner der USA und anderer westlicher Staaten. Äthiopien blieb ein Stabilitätsanker in Ostafrika, während in den Dauer-Krisenherden Sudan und Somalia Islamisten Terrain gewinnen wollen. Auch Deutschland ist ein wichtiger Entwicklungshilfe-Geber Äthiopiens. Menschenrechtler protestierten unterdessen immer wieder gegen die Unterdrückung jeglicher Opposition.

Zenawi wurde am 8. Mai 1955 als Sohn eines christlichen Kleinbauern geboren und studierte Medizin, bis er sich dem bewaffneten Widerstand gegen den sozialistischen Militärdiktator Mengistu Haile Mariam anschloss. Zenawi wurde Mitglied der "Befreiungsbewegung des Volkes von Tigre", TPLF, die später mit anderen Organisationen zur "Revolutionären Demokratischen Front des Äthiopischen Volkes", EPRDF, verschmolz. Seit dem Sieg über das Mengistu-Regime 1991 ist die EPRDF die Regierungspartei unter Zenawi.

(epd, abendblatt.de)

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