Mitt Romney im Ausland
"Du kannst mich mal" - Sprecher platzt der Kragen
Romney go home: Das Urteil über die Auslandsreise des US-Präsidentschaftskandidaten fällt in der Heimat vernichtend aus. Das Obama-Team klopft sich lachend auf die Schenkel. Und die genervte Romney-Truppe macht alles noch schlimmer.
Warschau/Washington. "In Jerusalem ist er durchgefallen" - so kommentiert die liberale dänische Tageszeitung "Politiken" am Mittwoch den Israel-Besuch des republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney. Und auch sonst muss der Herausforderer von Barack Obama reichlich Kritik einstecken für seine Auslandsreise. Am Ende einer ziemlich verkorksten Woche platzte Romneys Mitarbeitern dann der Kragen. "Du kannst mich mal", raunte der Sprecher des US-Präsidentschaftskandidaten einem Reporter zu. Romney hatte gerade in Warschau den Pilsudski-Platz besucht, als Journalisten ihn mit Fragen über seine vielen Pannen während der Tour durch Großbritannien, Israel und Polen löcherten. Der Obama-Herausforderer habe die Fragen ignoriert, wie der TV-Sender CNN am Dienstag berichtete, sein Pressemann aber nicht: Am Hinterteil könne man ihn küssen, ließ der Sprecher die Medienleute unumwunden wissen.
+++ Romney besucht Polen – Palästinenser verärgert +++
+++ Mitt Romney würde auf Europa setzen +++
Diese Szene war symptomatisch: Ja, Romney schaffte es mit seiner ersten Auslandsreise als Bewerber fürs Weiße Haus bei der Wahl im November über Tage auf die US-Titelseiten. Ja, er verdrängte sogar den Amtsinhaber Obama weitgehend aus den Medien. Aber nein, es waren in den allermeisten Fällen sicherlich nicht die Schlagzeilen, die sich der Republikaner gewünscht hätte. Keine Zeitung konnte sich das Urteil verkneifen, dass Romney seine Gastgeber wahlweise verwirrt, verärgert oder regelrecht beleidigt hat. "Mitt Romney hätte zu Hause bleiben sollen", urteilte das Onlinemagazin "Politico" abschließend.
Romney wollte mit dem Überseetrip seine Glaubwürdigkeit als Außenpolitiker beweisen. Doch dann brüskierte er in London den britischen Premierminister David Cameron mit dem Zweifel, ob dessen Land überhaupt fähig sei, die Olympischen Spiele in London auszurichten.
In Israel brachte er anschließend die arabische Welt gegen sich auf, als er Jerusalem als "Hauptstadt Israels" bezeichnete. Das ist international nicht anerkannt, auch die US-Botschaft befindet sich in Tel Aviv. Schließlich fing sich Romney noch einen Rassismusvorwurf ein mit der Äußerung, die wirtschaftliche Überlegenheit Israels über die Palästinenser sei auch kulturell begründet. Von der israelischen Besatzung und deren Auswirkungen auf die Palästinenser kein Wort.
Glimpflicher verlief es für Romney zum Abschluss seiner Reise in Polen. Der Friedensnobelpreisträger Lech Walesa hatte gar lobende Worte übrig: "Wir denken sehr ähnlich". Doch wahrscheinlich war der Arbeiterführer nur immer noch sauer auf Obama, weil dieser bei einem Empfang polnischer Politiker im Weißen Haus keine Zeit für ihn hatte. Symbolträchtige Bilder für die Wähler zu Hause brachte Romney zudem von der Westerplatte bei Danzig mit, auf der am Morgen des 1. September 1939 die ersten Schüsse des Zweiten Weltkriegs fielen oder am Denkmal für die Aufständischen des Warschauer Ghettos.
Doch auf wenig Gegenliebe stieß der Multimillionär bei der heutigen Führung der Gewerkschaft "Solidarnosc", die an seine arbeitgeberfreundlichen Haltung erinnerte. "Unsere Solidarität liegt bei den amerikanischen Arbeitern und Gewerkschaften, deren Kampf wir immer unterstützen werden." Auch die Obama-Sprechchöre bei seinen Auftritten waren wohl wenig förderlich für den Herausforderer. Ebenso wenig die nüchterne Äußerung des polnischen Außenministers Radoslav Sikorski, der mit einer Amerikanerin verheiratet ist: "Polen hat ausgezeichnete Beziehungen zu den USA, unabhängig davon, welche Partei gerade regiert", meinte er. Lobpreis klingt anders.
Dem 65-Jährigen Republikaner dürfte vor allem klar geworden sein, dass er in der Weltpolitik keinen Welpenschutz genießt. So hielt auch die Heimatpresse sich mit Kritik nicht zurück: "Nicht ermutigend" sei die Reise gewesen, kommentierte die "New York Times". Ein "Desaster", meinte "Politico". Selbst das konservative "Wall Street Journal" hatte Mühe, positive Worte zu finden. Immerhin sei er ein ausgesprochener Israel-Freund, brachte ihr Kolumnist zu Papier. Bitterböse Kritik kam natürlich aus dem Demokraten-Lager: "Ich weiß nicht, wie er den Job als Staatschef machen würde. Als Tourist hat er Mist gebaut", ätzte der Obama-Vertraute und Bürgermeister von Chicago, Rahm Emanuel.
Doch konkret um Stimmen dürfte es für Romney ohnehin kaum gegangen sein. Die Juden in den USA machen nur zwei Prozent der Wählerschaft aus – und die meisten wählen traditionell demokratisch. Und die polnisch-stämmigen Katholiken hätte Romney mit einem Besuch in deren Bevölkerungszentren in den USA besser erreichen können. Viel wahrscheinlicher ist, dass die Reise für den Kandidaten vor allem aufs Spendensammeln abzielte.
So habe allein der Auftritt in Jerusalem eine Million Dollar in seine Wahlkampfkasse gespült, berichtete die "Washington Post". Und mit dem Kommentar zur Hauptstadt Jerusalem habe er dort vor allem den mitgereisten US-Milliardär und jüdischen Hardliner Sheldon Adelson glücklich gemacht, der nach eigenen Angaben 100 Millionen Dollar ausgeben will, um Obama zu besiegen. (dpa/dapd)















