31.07.12

Punk-Band Pussy Riot

"Die Kirche liebt nur jene, die an Putin glauben"

Im Prozess gegen die Punk-Band Pussy Riot geht es um Macht und Kirche - und darum, inwieweit Politik und Religion in Russland miteinander vernetzt sind.

Foto: REUTERS
Tolokonnikova and Alyokhina, members of female punk band "Pussy Riot", look out from the defendent's cell in a courtroom in Moscow
Die Angeklagten Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Alechina im selben Verschlag, in dem schon Putin-Gegner Chodorkowski seinen Prozess verfolgte

Moskau. Das Gericht des Moskauer Bezirks Chamowniki liegt in einer ruhigen grünen Gasse oberhalb der Moskwa. Schon am frühen Montagmorgen ist die Straße neben dem Gericht abgesperrt, unter den Bäumen stehen Polizeiautos. Ein solches Polizeiaufgebot war hier nur vor zwei Jahren zu sehen, als hier der zweite Prozess gegen den Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski lief. Heute werden hier drei junge Frauen angeklagt, die genauso wie Chodorkowski von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International als politische Gefangene bezeichnet werden.

Nadeschda Tolokonnikowa, Jekaterina Samutsewitsch und Maria Alechina, alle Anfang oder Mitte 20, sind Mitglieder der Punk-Band Pussy Riot. Das Verbrechen, das sie begangen haben sollen, ist ein kurzer Auftritt in der Moskauer Christus-Erlöser-Kathedrale, ein Lied, in dem sie die Gottesmutter anbeteten, Russland von Wladimir Putin zu erlösen. Kurz bevor Putin wieder zum Präsidenten Russlands wurde, waren sie festgenommen worden und sind nun seit fünf Monaten in Untersuchungshaft. Wegen Rowdytums drohen ihnen bis zu sieben Jahre Haft. Der Fall schlug weltweit Wellen, und schon eine Stunde vor dem Beginn der Sitzung drängen vor dem Eingang Dutzende internationale Journalisten, die Anhänger und Gegner von Pussy Riot müssen hinter der Absperrung bleiben.

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Die Sitzung findet ausgerechnet in jenem Saal des Gerichts statt, in dem 2010 der Richter Wiktor Danilkin das Urteil über Chodorkowski und seinen Geschäftspartner Platon Lebedew sprach, genauer gesagt: flüsterte. Danilkin ist immer noch Gerichtspräsident, eine seiner Untergeordneten - die Richterin Marina Syrowa - führt nun den Prozess gegen die Punk-Band. Die drei Angeklagten sitzen im selben Glaskäfig, aus dem Chodorkowski seine Ankläger ironisch anlächelte. Neben den Fenstern langweilen sich neun Geschädigte, die als Nebenkläger auftreten. Die meisten von ihnen sind Sicherheitsleute, die in der Christus-Erlöser-Kathedrale arbeiten und den Auftritt von Pussy Riot im Februar gesehen haben. Damit wurden ihre religiösen Gefühle verletzt, behauptet die Anklage. Pflichtschuldig springen die sieben Männer und zwei Frauen hoch, wenn Richterin Syrowa sie aufruft, und leiern wie auswendig gelernt ihren kurzen Text herunter. Ja, sie unterstützten die Anklage. "Seelenschmerzen" habe sie wegen des Skandalauftritts davongetragen, sagt eine Frau aus. Die Verteidigung setzt ganz am Anfang einen wichtigen Punkt. Anwältin Wioletta Wolkowa gelingt es, sich durchzusetzen und drei Texte laut vorzulesen, die die Angeklagten im Gefängnis verfasst hatten. Sie gehen dem Prozess auf den Grund: Es ist eindeutig ein politischer Fall, und der religiöse Hass, der den Frauen vorgeworfen wird, ist nur ein Vorwand, um sie für ihre politische Position zu bestrafen. Das Punk-Gebet war "eine Reaktion auf die Aufrufe von Patriarch Kirill, Putin zu wählen".

Einen Monat vor den Wahlen hatte sich Putin tatsächlich mit dem Patriarchen getroffen. Kirill lobte Putin dafür, dass er das Land aus der Krise der 90er-Jahre gerettet habe. Das sei ein "Gotteswunder" gewesen. Tolokonnikowa machte in ihrem Brief klar, dass Pussy Riot gerade auf diese Nähe zwischen dem Staat und der Kirche aufmerksam machen wollte. Sie hätten nie beabsichtigt, die Religion anzugreifen, und respektieren das orthodoxe Christentum, weil es "genau wie wir die Barmherzigkeit und die Freiheit preist", schrieb Tolokonnikowa. Man solle zwischen der ethischen und der juristischen Seite des Falls unterscheiden, fährt sie fort. Sie gibt zu, dass sie mit ihrem Auftritt in der Kirche einen ethischen Fehler begangen hätten, und entschuldigt sich bei allen, die sich dadurch beleidigt fühlten. Allerdings sitzen sie dafür seit fünf Monaten im Gefängnis und werden von der Ermittlung gezwungen, sich als schuldig zu bekennen.

"Ich dachte, dass die Kirche alle ihre Kinder liebt, sie liebt aber nur diejenigen, die an Putin glauben", schreibt Maria Alechina. Sie sei orthodoxe Christin, habe allerdings andere politische Ansichten als der Patriarch und will damit eine Diskussion über das Verhältnis zwischen der Kirche und der Politik auslösen. Der Prozess gegen sie sei eine Neo-Inquisition und die Anklage sei ein Unsinn, wenn Russland ein säkularer Staat ist. "Unser Auftritt hat 40 Sekunden gedauert. Jetzt sagt die Anklage, dass 40 Sekunden die jahrhundertealten Grundsätze der Religion untergraben haben - das ist absurd", liest Wolkowa den handgeschriebenen Text von Alechina weiter vor. Die Texte der Angeklagten - Tolokonnikowa studiert Philosophie und Alechina ist Studentin des Instituts für Journalistik und Literatur - klingen nach einer genauen Reflexion, die die Argumente der Ermittlung in den Schatten stellt.

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Die Anklage verneint jeden politischen Hintergrund, es gehe hier um Rowdytum. Und damit aus dem Prozess keine öffentliche politische Diskussion wird, schlägt der Staatsanwalt vor, die Live-Übertragung aus dem Saal auszuschalten, wenn Zeugen oder Nebenkläger befragt und Beweise analysiert werden. Die Richterin stimmt zu und lehnt alle Anträge der Verteidigung ab.

Nach der Pause verliest der Staatsanwalt eilig die Anklage. Er brummt hastig, hin und wieder ist zu hören - "nach der vorläufigen Absprache", "Störung der öffentlichen Ordnung", "vulgäres Aussehen", "Verletzung der Gefühle von Gläubigen", "um tiefe seelische Wunden den Orthodoxen zuzufügen". Nachdem er zu Ende gelesen hat und ausatmet, fragt die Richterin: "Angeklagte Alechina, ist Ihnen die Anklage klar?". "Nein, sie ist mir nicht klar, ich verstehe die Anklage nicht", antwortet Alechina mehrmals. "Sie haben doch einen Hochschulabschluss." "Ich verstehe die Anklage nicht. Ich verstehe nicht die ideologische Seite. Ich verstehe nicht, weshalb in der Anklage meine Motive erklärt werden."

Nachdem die Kameras weg sind, sind die Nebenkläger dran. Sie werden darüber befragt, was sie im Februar in der Christus-Erlöser-Kathedrale gesehen haben. "Teuflische Zappelei", antwortet eine Frau. "War das Kunst?", fragt der Staatsanwalt. "Das war ein Hexensabbat." Die Strafe solle adäquat sein, damit sie nie wieder so was machen, sagt die Geschädigte. Wie die Strafe ausfällt, könnte bereits in den nächsten Wochen feststehen.

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