28.07.12

US-Präsidentschaftsbewerber

Besuch in London - Mitt Romney brüskiert die Briten

Präsidentschaftskandidat der US-Republikaner lässt beim seinem Besuch in der britischen Hauptstadt fast kein diplomatisches Fettnäpfchen aus.

Foto: Getty Images/Getty
Mitt Romney in der Downing Street. Eigentlich wollte sich der Amerikaner als Staatsmann präsentieren, um im eigenen Wahlkampf zu punkten
Mitt Romney in der Downing Street. Eigentlich wollte sich der Amerikaner als Staatsmann präsentieren, um im eigenen Wahlkampf zu punkten

Washington. Wer das Wappentier der amerikanischen Republikaner kennt und zudem die englische Entsprechung für "Am A... der Welt", kommt an dieser Pointe kaum vorbei: Mitt Romney trat in London auf wie der Elefant in the middle of nowhere.

Der Präsidentschaftskandidat, der zur Eröffnung der Olympischen Spiele die britische Hauptstadt besucht, mäkelte über "beunruhigende" Mängel bei der Vorbereitung des Sportfestes, stellte den Enthusiasmus der Londoner infrage, beklagte einen Streik, der bereits beendet war und brüstete sich mit einem Gesprächstermin, der üblicherweise diskret verschwiegen wird.

Ob Romney zwischenzeitlich außerdem noch der Name eines hochmögenden Gesprächspartners entfallen war, lässt sich nicht belegen. Aber der schiere Anschein passte einfach in den Pleiten-, Pech- und Pannenstart seiner Auslandsreise, über den sich spitze Retourkutschen der Gastgeber, böse Schlagzeilen und jede Menge Häme beim Internet-Kurznachrichtendienst Twitter ergoss.

Es gebe "beunruhigende" Hinweise zur Frage, ob London ausreichend vorbereitet sei auf die Spiele, hatte Romney in einem Interview des US-Senders NBC gesagt. Er verwies dazu auf die Berichte über die private Sicherheitsfirma, "die nicht genügend Leute hat", und einen "vermutlichen Streik der Einreise- und Zollbehörde".

+++ Romney versucht Schaden zu begrenzen +++

Über das Desaster mit der unzuverlässigen Sicherheitsfirma war weltweit berichtet worden, und auch darüber, dass Militär und Polizei die Lücken im Personal füllen sollen. Den angedrohten Streik an Flughäfen hatte die Gewerkschaft bereits am Morgen abgesagt, nachdem die Regierung zusätzliche Stellen bewilligte.

Dennoch hatte Romney, der erfolgreiche Manager der Olympischen Winterspiele 2002 in Salt Lake City, in vorsichtiger Form nur jene Kritik referiert, die britische Politiker, Londoner Bürger und internationale Medien über Wochen wesentlich drastischer formulierten. Aber ein Kandidat fürs Weiße Haus, der seine Auslandsreise nutzen wollte, um globale Trittsicherheit zu demonstrieren, sollte nicht im Vorfeld über Organisationsmängel eines Großereignisses räsonieren, das er just besuchen will.

Noch tiefer ins diplomatische Fettnäpfchen trat Romney, als er den Enthusiasmus der Londoner indirekt in Frage stellte. Im besagten Interview wurde er gefragt, ob London denn gut vorbereitet sei auf die Spiele. Er ließ wissen, es bedürfe dreier Elemente, um die Spiele zu einem Erfolg zu machen: nämlich die Begeisterung der Athleten, und die sei "überwältigend", den Eifer der freiwilligen Helfer, der großartig sei - und dann folgte ein deutliches und erkennbar skeptisches "aber" zur selbst gestellten Frage, ob die Menschen der Stadt "zusammenkommen und den olympischen Moment feiern" werden. "Das ist etwas, was wir erst herausfinden können, wenn die Spiele tatsächlich beginnen", so Romney. Eine Äußerung, die bei den Briten gar nicht gut ankam. Das Gastland reagierte brüskiert ob der Skepsis des Amerikaners.

Auch Premier David Cameron, den Romney in Downing Street No. 10 traf, giftete prompt zurück. "Wir veranstalten Olympische Spiele in einer der emsigsten, aktivsten, geschäftigsten Städte der ganzen Welt", sagte Cameron, der sicher gern von miserablen Wirtschaftsdaten ablenkte, die wenige Stunden zuvor bekannt geworden waren. "Und natürlich ist das einfacher, als wenn man Olympische Spiele am Ende der Welt veranstaltet."

Der englische Ausdruck "middle of nowhere" lässt sich, wie gesagt, auch drastischer übersetzen. Auf jeden Fall hält sich Camerons Hochachtung für Salt Lake City im Mormonen- und Wüsten-Staat Utah in Grenzen - und damit auch für die seinerzeit von Romney organisierten Spiele.

Auch Londons schrill-konservativer Bürgermeister Boris Johnson keilte zurück. Bei der Entzündung des Olympischen Feuers im Olympiapark in der "großartigsten Stadt der Welt" rief Johnson ins Publikum: "Ich höre, da ist ein Typ namens Mitt Romney, der wissen möchte, ob wir bereit sind. Sind wir bereit?" Und aus rund 100 000 Kehlen rief es zurück: "Yes, yes, yes."

+++ Mitt Romney würde auf Europa setzen +++

Der Kandidat aus Amerika ruderte anschließend kräftig zurück und versicherte in jedes verfügbare Mikrofon hinein, die Spiele würden zweifellos großartig, und die Menschen in London seien fantastisch und kleinere Probleme bei der Vorbereitung nirgends zu vermeiden. Aber da hatte ihn die Woge des Unmuts bereits erfasst. Als er bei einer gemeinsamen Begegnung mit Journalisten den neben ihm stehenden Oppositionsführer Ed Miliband als "Mr. Leader" ansprach, wurde sofort gemutmaßt, ihm sei der Name des Labour-Chefs entfallen. Und dass er die Presse wissen ließ, er habe auch den Chef des britischen Geheimdienstes MI 6 getroffen, wurde als unzulässige Indiskretion gewertet. Über Begegnungen mit Nachrichtendiensten spricht man so wenig wie über Besuche in Rotlicht-Vierteln.

Der britische Olympia-Minister Jeremy Hunt rief Romney gestern dazu auf, bei der Eröffnungsfeier gut aufzupassen. "Wir werden der Welt zeigen, dass acht der zehn weltweit wichtigsten Sportarten entweder in Großbritannien erfunden oder in Regeln gefasst wurden, und nur zwei in Amerika - ich hoffe, Herr Romney guckt zu", sagte Hunt dem Sender ITV. Auch in Amerika fragt man sich: Was sollte das? Warum Frontalkritik am treuesten Verbündeten der USA - und das einen Tag vor der Eröffnung der Spiele? Besonders streng urteilte die "Washington Post" über den Fehltritt. "Der republikanische Präsidentschaftskandidat beleidigt Großbritannien", schrieb sie.

Die weiteren Stationen von Romneys Reise dürften ebenfalls heikel werden. Es geht nach Israel, aber auch nach Polen. Es heißt, in Warschau wolle Romney, der sich bislang als außenpolitischer Hardliner präsentierte, ein paar saftige Bemerkungen in Richtung Russland abfeuern. Schon vor einiger Zeit hatte er das Land als "unseren geopolitischen Feind Nummer eins" gebrandmarkt. Das war selbst Parteifreunden und Konservativen etwas zu stark. "Come on Mitt", soll Ex-Außenminister Colin Powell gesagt haben. "So ist das doch gar nicht."

Das sagen Obama und Romney zu zentralen Themen in den USA
Das sagen Obama und Romney zu zentralen Themen in den USA
Wirtschaftspolitik: Obama hat in der Finanzkrise Banken und Autoindustrie gestützt. Staatliche Interventionen im Privatsektor sind für Obama kein Tabu. Romney glaubt als Geschäftsmann an die Selbstregulierungskräfte der Wirtschaft und will den Staat aus dem Privatsektor heraushalten.
Steuerpolitik: Obama will Großverdiener (mehr als 250.000 Dollar jährlich) steuerlich stärker belasten und die Sätze für andere Einkommensgruppen niedrig halten. Romney will die Steuern für alle Einkommensgruppen schrittweise um 20 Prozent senken und auch die Unternehmenssteuer reduzieren. Romney erhofft sich dadurch Wirtschaftswachstum.
Verschuldung: Obama erlebte in seiner ersten Amtszeit, wie die Staatsschulden einen neuen Höchstwert erreichten, und will nun Ausgaben reduzieren. Romney will nicht sicherheitsrelevante staatliche Ausgaben von derzeit rund 25 Prozent pauschal auf unter 20 Prozent drücken.
Außenpolitik: Obama steht für Friedenspolitik, sieht die USA als Vorreiter in der westlichen Weltgemeinschaft fest verankert. Romney hat wenig außenpolitische Erfahrung, sieht Amerikas Führungsrolle durch Rücksichtnahme auf andere Länder gefährdet.
Verteidigungspolitik: Obama hat die US-Truppen aus dem Irak abgezogen und mit dem Abzug aus Afghanistan begonnen. Er will auch beim Militär sparen. Romney will das Militär reformieren, auch wenn dies kostet. Er hält Präsenz in Afghanistan im Kampf gegen den Terrorismus für notwendig.
Terrorismus: Obama kann die Tötung von Al-Kaida-Führer Osama bin Laden für sich verbuchen. Er hat ein Gesetz unterzeichnet, wonach Terrorverdächtige ohne Prozess unbefristet in Gewahrsam gehalten werden können. Romney will die nationale Antiterror-Strategie reformieren, den Informationsaustausch der Geheimdienste stärken. Er will enger mit Muslimen kooperieren, um Radikalisierung zu verhindern.
Gesundheitspolitik: Obama hat eine Gesundheitsreform ("Obamacare") durchgesetzt, die fast allen Amerikanern eine obligatorische Krankenversicherung bringen soll. Romney will "Obamacare" rückgängig machen. Er setzt auf Eigenverantwortung und Konkurrenz im Gesundheitssektor, um Kosten zu senken.
Abtreibung: Obama sieht das Recht auf Abtreibung als Grundrecht, das die Gesundheit von Frauen und freie Familienplanung sichert. Romney ist Abtreibungsgegner und will ein Grundsatzurteil, das Abtreibungen legalisierte, revidieren.
Energiepolitik: Obama hat erneuerbare Energien gefördert, um die Abhängigkeit von Ölimporten zu senken und den Umweltschutz zu stärken. Romney will die Genehmigung von Bohr- und Pipelineprojekten vereinfachen, um mehr Öl und Gas fördern zu können.
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