03.07.12

Syrien-Konflikt

Türkei verschärft Drohgebärden in Richtung Syrien

Erdogan ist einer der schärfsten Kritiker des Regimes - nicht erst seit dem Abschuss eines türkischen Flugzeuges vor der syrischen Küste.

Foto: dpa/DPA
Aufmarsch: Türkische Raketenwerfer im Grenzgebiet zu Syrien
Aufmarsch: Türkische Raketenwerfer im Grenzgebiet zu Syrien

Istanbul. Truppenaufmarsch an der Grenze zu Syrien, Alarmstarts türkischer Kampfflugzeuge, dazu scharfe Warnungen aus Ankara: Nach dem Abschuss eines türkischen Militärflugzeugs über dem Meer vor der Küste Syriens lässt der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan auch militärisch die Muskeln spielen. Doch die Reaktionen zeigen auch, dass die Nachbarstaaten die Eskalation in einen offenen Schlagabtausch unbedingt verhindern wollen.

Zwar hat Erdogan gewarnt, dass sein Land bei weiteren Zwischenfällen mit Gewalt reagieren werde und die Einsatzregeln der Soldaten an der Grenze zu Syrien entsprechend geändert habe. So werde jeder syrische Soldat, der sich der türkischen Grenze nähere, als Bedrohung betrachtet. Doch bleibt es bei Drohgebärden, auch wenn diese nun schärfer sind als nach syrischen Schüssen auf ein grenznahes Flüchtlingslager, bei denen im April mehrere Syrer und zwei Türken verletzt worden waren.

Denn mit Grenzen zum Iran und Irak sowie einer engen wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit dem Regionalnachbarn Russland muss Ankara eine komplizierte politische Balance beachten. Alle drei Staaten versorgen die Türkei zudem mit Gas und Öl – dem Treibstoff für eine Fortsetzung der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte der Türkei.

Die iranische Führung, die das Regime des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad weiterhin unterstützt, demonstriert praktisch wöchentlich militärische Stärke, indem sie Offiziere und Militärexperten über Errungenschaften der iranischen Raketentechnologie und mögliche Ziele – auch in der Türkei - referieren lässt. Realistisch oder nicht: In der Türkei wird über solche Drohungen ausführlich berichtet, während die Regierung in Ankara wiederholt vor einem regionalen Flächenbrand warnte.

Strittig ist auch Tage nach dem Abschuss, ob die türkische Phantom F4 überhaupt im internationalen Luftraum über dem Mittelmeer oder nicht doch unmittelbar während einer Grenzverletzung und dicht vor der syrischen Küste getroffen wurde, wie es nicht nur aus russischen Quellen verlautet.

Auch das "Wall Street Journal" wollte am Wochenende aus US-Geheimdienstkreisen erfahren haben, dass die Maschine wohl von syrischen Luftabwehrgeschützen am Strand getroffen wurde, nicht aber von einer über die syrischen Grenzen hinausreichenden Luftabwehrrakete. Erdogan reagierte empört und warf der Zeitung vor, mit verdeckten Quellen Unwahrheiten zu verbreiten. Gleich nach dem Abschuss hatte er gesagt: "Das war eine absichtliche Handlung von geplanter Feindseligkeit."

Präsident Assad – einst von Erdogan als Freund bezeichnet - versicherte unterdessen in einem am Dienstag gedruckten Interview der türkischen Zeitung "Cumhuriyet", er bedauere den Einsatz der Luftabwehr. "Wir haben erst nach dem Abschuss erfahren, dass es (das Flugzeug) zur Türkei gehörte. Hundertprozentig sage ich: 'Hätten wir es nur nicht abgeschossen'." Er werde aber nicht zulassen, dass die Spannungen zu einem offen Krieg führen, der beiden Seiten nur schaden würde

Die Chronologie der Eskalation zwischen Syrien und der Türkei
Die Chronologie der Eskalation zwischen Syrien und der Türkei
Seit Ausbruch der Gewalt in Syrien herrscht politische Eiszeit zwischen Damaskus und Ankara. Die Lage an der fast 900 Kilometer langen gemeinsamen Grenze ist bedrohlich eskaliert.
6. Juni 2011: Die ersten 100 Syrer retten sich aus der Provinz Idlib in die Türkei. In Ankara verspricht Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan den Flüchtlingen eine offene Grenze. Zehn Tage später leben bereits mehr als 9000 Syrer in türkischen Lagern.
12. November 2011: Anhänger von Machthaber Baschar al-Assad attackieren die türkische Botschaft in Damaskus
16. März 2012: Ankara ruft türkische Staatsbürger auf, Syrien wegen der zunehmenden Gewalt zu verlassen. Am 26. März schließt die Türkei ihre Botschaft in Damaskus.
9. April 2012: Syrische Truppen feuern über die Grenze hinweg auf das Flüchtlingslager Kilis. Zwei Syrer und zwei Türken werden verletzt. Ankara verstärkt die Truppen an der Grenze und warnt vor weiteren Angriffen. In türkischen Lagern leben inzwischen 24 700 Syrer.
30. Mai 2012: Als Reaktion auf das Massaker an Zivilisten im syrischen Al-Hula weist die Türkei alle syrischen Diplomaten aus Ankara aus.
13. Juni 2012: Damaskus behauptet, Kämpfer der Freien Syrischen Armee würden auf Schmugglerwegen auch mit Waffen aus der Türkei aufgerüstet. Ankara bestreitet Waffenlieferungen an syrische Rebellen, die Unterstützung sei rein humanitärer Art.
23. Juni 2012: Nahe der Küstenstadt Latakia schießt Syrien einen türkischen Militärjet ab. Das Kampfflugzeug war nach syrischen Angaben in den Luftraum des Landes eingedrungen.
26. Juni 2012: Der Nato-Rat verurteilt den Abschuss.
28. Juni 2012: Die Türkei stationiert Militärfahrzeuge und Raketenabwehrsysteme an der Grenze zu Syrien. 30. Juni: Die türkische Armee lässt Kampfjets gegen syrische Hubschrauber aufsteigen, die sich der Grenze näherten.
2. Juli 2012: 85 syrische Soldaten setzen sich in die Türkei ab, darunter ranghohe Offiziere mit ihren Familien – zusammen fast 300 Menschen. Insgesamt sind über 30 000 Syrer in die Türkei geflohen
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