29.06.12

Syrien-Konflikt

Annan erwartet akzeptables Ergebnis des Krisentreffens

In Genf könnten an diesem Sonnabend die Weichen für Syrien gestellt werden. Syrien-Sondergesandter Kofi Annan gibt sich optimistisch.

Foto: dpa/DPA
Die Aktionsgruppe für Syrien wird sich am Sonnabend in Genf treffen. Annan zeigt sich optimistisch
Die Aktionsgruppe für Syrien wird sich am Sonnabend in Genf treffen. Annan zeigt sich optimistisch

Genf/Beirut. Bürgerkrieg mit schlimmen Folgen für den Nahen Osten? Oder Durchbruch zum Frieden in letzter Minute? In Genf könnten an diesem Samstag Weichen für Syrien gestellt werden – doch die Aussichten sind trübe.

Bröckelnder Putz, Lecks in Wasserleitungen, zugige Fenster. Das Palais des Nations, der altehrwürdige UN-Sitz am Genfer See, hätte längst eine Generalüberholung nötig. Damit ist das Gebäude freilich ein durchaus passender Rahmen für die jüngsten Bemühungen von Weltmächten, den Zusammenbruch Syriens und das Abgleiten des Landes in einen verheerenden Bürgerkrieg zu verhindern.

Die Aussichten auf einen Erfolg der Konferenz der Außenminister der fünf ständigen Mitgliedsländer des UN-Sicherheitsrates – USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien – sowie maßgeblicher Staaten der Arabischen Liga waren am Freitag so offen, wie der Himmel über dem Genfer See. Staatssekretär, Botschafter und andere hohe Diplomaten der beteiligten Länder rangen abgeschirmt von der Presse um einzelne Formulierungen für das Abschlussdokument.

+++ Weltmächte erwägen Übergangsregierung in Syrien +++

+++ Kein Fall für die Nato +++

Grundlage der Verhandlungen ist das seit Wochenmitte kursierende interne Papier des Syrien-Sondergesandten von UN und Arabischer Liga, Kofi Annan. Neu ist an diesen "Leitlinien und Grundsätze für einen von Syrern geführten Übergang" des 74-jährigen ehemaligen UN-Generalsekretärs vor allem der Vorschlag, dass in Damaskus eine Übergangsregierung der nationalen Einheit aus Vertretern des bisherigen Regimes und der bewaffneten Opposition gebildet wird.

Soweit würde nach den Worten des russischen Außenministers Sergej Lawrow wohl auch Moskau mitgehen. "Aber keinen Schritt weiter, die bleiben beinhart", sagte ein westlicher Diplomat. Die Russen, die bislang im UN-Sicherheitsrat jede Zwangsmaßnahme gegen das Regime in Damaskus mit ihrem Veto verhinderten, stören sich vor allem an dieser Formulierung des Annan-Papiers: Von der Übergangsregierung sollten jene Kräfte "ausgeschlossen sein, deren Teilnahme die Glaubwürdigkeit des Übergangs unterminieren sowie die Stabilität und Versöhnung gefährden würden".

Russland ist – wohl nicht zu Unrecht – überzeugt, dass dies auf den Machthaber Baschar al-Assad abzielt. Moskau will aber keiner Formulierung zustimmen, die irgendwie als "grünes Licht der Staatengemeinschaft" für den Sturz Assads ausgelegt werden könnte. Der Durchbruch zu einer Kompromissformel wurde von einem Treffen zwischen Lawrow und US-Außenministerin Hillary Clinton kurz vor der Genfer Konferenz in St. Petersburg erhofft.

Doch selbst wenn sich die beiden Mächte vorher oder auch erst am Samstag in der Ministerrunde auf einen Kompromiss verständigen, stünde es schlecht um die Verwirklichung der neuen Annan-Vorschläge. Die syrische Opposition werde sich an keiner Übergangsregierung beteiligen, in der Assad oder dessen engste Vertraute sitzen, erklärten Vertreter der Aufständischen.

"Wie könnten wir akzeptieren, dass dieser Schlächter dadurch weiter an der Macht bleibt?", sagte Naji Tayyra, ein Mitglied des Oppositions-Dachorganisation Syrischer Nationalrat (SNC) "Mit ihrer Haltung haben die Russen Annans Plan in ein Minenfeld geschickt", sagte der Syrienexperte Assad Bahasra von der libanesischen Tageszeitung "Al Joumuriyeh". "Die Russen wollen doch in Wirklichkeit nur Zeit gewinnen."

Das fürchten auch viele westliche Diplomaten in Genf. Das von Annan vorgeschlagene Treffen sei von Washington, Paris und London "in der Hoffnung unterstützt worden, dass eine Einigung auf eine neue Syrien-Roadmap als Basis für Kompromisse im UN-Sicherheitsrat taugt", sagte ein ranghoher europäischer Diplomat. "Nur wenn Russen und Chinesen aufhören, alles per Veto zu blockieren, werden wir weiterkommen."

Selbst wenn man sich im alten Palais des Nations am Wochenende auf Formulierungen für eine neue "Syrien-Roadmap" einigt, könnten die Mächtigen schon am Montag wieder ohnmächtig wirken: Längst scheinen die Kämpfe in Syrien eine eigene Dynamik zu haben und die Opposition scheint von Tag zu Tag mehr daran zu glauben, dass ihr ein militärischer Sieg gelingen könnte.

So hat bei allem Ringen um konsensfähige Sätze des neuen Syrien-Papiers die wohl passendste Formulierung für das Genfer Treffen jemand gefunden, der gar nicht eingeladen ist: Deutschlands Außenminister Guido Westerwelle (FDP) erklärte, die Chance einer "politischen Lösung in Syrien hängt angesichts der eskalierenden Gewalt am seidenen Faden".

(dpa/abendblatt.de)

Syrien: Blutiger Bürgerkrieg und erfolglose Friedenssuche
Syrien: Blutiger Bürgerkrieg und erfolglose Friedenssuche
18. März 2011: Tausende demonstrieren gegen Präsident Baschar al-Assad, es gibt erste Tote. Am 22. April gehen 100 000 Menschen auf die Straße, mindestens 112 werden getötet.
22. Dezember: Erste Beobachter der Arabischen Liga treffen in Syrien ein. Nach vier Wochen wird ihr Einsatz wegen der Gewalt gestoppt.
4. Februar 2012: Russland und China blockieren erneut eine Resolution im Sicherheitsrat. Aus der Protesthochburg Homs wird kurz vor der Abstimmung das schlimmste Blutbad seit Beginn der Proteste gemeldet. Hunderte Menschen sterben.
13. Februar: Empört weist das Regime den Vorschlag der Arabischen Liga zurück, UN-Friedenstruppen nach Syrien zu schicken.
16. Februar: Die UN-Vollversammlung verurteilt die Gewalt des syrischen Regimes mit großer Mehrheit. Assad bleibt unbeeindruckt.
24. Februar: UN und Arabische Liga ernennen den früheren UN-Generalsekretär Kofi Annan zum Sondergesandten für Syrien. In Tunis gründen am 25. Februar mehr als 60 Staaten die "Freundesgruppe" für ein demokratisches Syrien. Russland und China bleiben fern.
1. März: Nach wochenlangem Beschuss rücken Assads Truppen in Homs ein. Der UN-Menschenrechtsrat verurteilt die Angriffe auf Zivilisten und droht mit strafrechtlichen Konsequenzen. Russland, China und Kuba lehnen die Resolution ab
10./11. März: Annan fordert bei Treffen mit Assad in Damaskus ein Ende der Gewalt – das Blutvergießen geht weiter.
27. März: Syrien akzeptiert Annans Friedensplan, der auch einen sofortigen Waffenstillstand beinhaltet. Die Kämpfe gehen weiter. Am 8. April stellt das Regime die Zustimmung wieder infrage.
14. April: Die UN schicken nach einem Beschluss des Sicherheitsrats Militärbeobachter zur Überwachung der Waffenruhe nach Syrien. Es ist die erste UN-Resolution zu Syrien seit Beginn der Unruhen.
25. Mai 2012: Bei einem Massaker im Ort Al-Hula kommen mehr als 100 Zivilisten ums Leben. Für die Bluttat werden regierungstreue Soldaten verantwortlich gemacht. Frankreichs Präsident François Hollande droht als erster Spitzenpolitiker mit einer Militärintervention in Syrien.
6. Juni 2012: Mindestens 80 Menschen sterben nach Angaben von Oppositionellen bei einem Blutbad in der Provinz Hama.
16. Juni: Die UN-Beobachter unterbrechen wegen der eskalierenden Gewalt ihre Mission UNSMIS in Syrien.
18. Juni: US-Präsident Barack Obama und Russlands Präsident Wladimir Putin fordern in einer gemeinsamen Erklärung eine Waffenruhe in Syrien. Beide Länder unterstützten Annans Anstrengungen, eine Lösung für den Konflikt zu finden.
28. Juni: Russland schließt eine von Annan vorgeschlagene Übergangsregierung in Syrien unter Beteiligung von Regierungskräften und Opposition nicht aus.
Quelle: dpa
Resolutionen und Erklärungen der UN zu Syrien
Resolutionen und Erklärungen der Uno zu Syrien
Das brutale Vorgehen der syrischen Armee gegen das Volk hat nach UN-Schätzung bereits mehr als 10 000 Menschen das Leben gekostet...
...Resolutionen und Erklärungen von Sicherheitsrat und Vollversammlung der Vereinten Nationen konnten das Blutvergießen bisher nicht stoppen.
3. August 2011: Nach Monaten der Gewalt einigt sich der UN-Sicherheitsrat auf eine Verurteilung des Regimes in Damaskus...
...Allerdings hat das Papier nur den Status einer Präsidentiellen Erklärung und ist damit weniger gewichtig als eine Resolution.
23. August: Der UN-Menschenrechtsrat verurteilt die Gewalt und fordert die ungehinderte Einreise für unabhängige Experten.
4. Oktober: Eine von den EU-Ländern vorgeschlagene Resolution des Sicherheitsrates findet zwar 9 der 15 Stimmen im mächtigsten UN-Gremium,...
...scheitert aber am Veto Russlands und Chinas. Ein früherer Resolutionsentwurf war im Sommer gar nicht erst zur Abstimmng gekommen.
22. November: Das Menschenrechtskomitee der UN-Vollversammlung verurteilt Syrien wegen der Gewalt gegen das eigene Volk.
Am 2. Dezember folgt eine Verurteilung durch den UN-Menschenrechtsrat.
19. Dezember: Die UN-Vollversammlung weist Syrien wegen der Gewalt gegen Demonstranten mit überwältigender Mehrheit zurecht – ohne weitere Konsequenzen für das Regime in Damaskus.
4. Februar 2012: Erneut blockieren Russland und China eine Resolution gegen Syrien. Der von Arabern und Europäern unterstützte Entwurf hatte...
...die syrische Regierung aufgefordert, "sofort alle Menschenrechtsverletzungen und Angriffe (...) zu beenden". Sollte die Resolution von Syrien nicht umgesetzt werden, sollten "weitere Maßnahmen erwogen" werden.
16. Februar: Die UN-Vollversammlung verurteilt die Gewalt des syrischen Regimes mit großer Mehrheit. Die Erklärung hat nur rein appellativen Charakter und ist nicht an Sanktionen geknüpft.
21. April: Der UN-Sicherheitsrat erteilt einer 300 Mann starken Beobachtertruppe zur Überwachung der Waffenruhe in Syrien das Mandat.
Die Beobachter sollen auf die Durchsetzung des Friedensplans von Sondervermittler Kofi Annan pochen.
In dem von Russland eingebrachten Entwurf wird die unbewaffnete UNSMIS-Mission (United Nations Supervision Mission in Syria) einem militärischen Beobachter unterstellt.
27. Mai: Der UN-Sicherheitsrat verurteilt scharf ein Massaker an mehr als 100 Zivilisten in der syrischen Stadt Al-Hula und macht die Regierung von Präsident Baschar al-Assad dafür verantwortlich.
Quelle: dpa
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