21.03.12

Abendblatt-Interview zum Toulouse-Attentat

"Ich erkenne keine neue Dimension des Antisemitismus"

Wolfgang Benz, Ex-Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung, über das Attentat von Toulouse und Gewalt in Massengesellschaften.

Foto: picture alliance
Historiker Wolfgang Benz sagt, eine Ideologie ähnlich des Utoya-Attentäters Anders Breivik fehle beim Attentat in Toulouse noch
Historiker Wolfgang Benz sagt, eine Ideologie ähnlich des Utoya-Attentäters Anders Breivik fehle beim Attentat in Toulouse noch

Hamburger Abendblatt: Ein Attentäter hat in Frankreich drei jüdische Kinder und einen Rabbiner erschossen. Wie bewerten Sie die brutale Tat?

Wolfgang Benz: "Wir brauchen zunächst mehr Informationen über den Hintergrund des Täters. Ich erkenne bisher trotz der Brutalität der Tat keine neue Dimension eines Antisemitismus in Europa. Wir wissen ja noch nicht einmal, ob die Morde wirklich ein antisemitisches Motiv hatten, oder die Opfer von einem Terroristen zufällig ausgewählt worden sind. Beim Amoklauf in Oslo gab es schnell ein Bekennerschreiben. Der Attentäter Anders Breivik hatte eine Ideologie, für die er mordete. Die fehlt uns in Toulouse noch."

+++Innenminister: Mutmaßlicher Attentäter nicht festgenommen+++

Nach Oslo und Toulouse - können Sie eine Radikalisierung des Terrors in Europa feststellen?

Benz: "Ich fürchte, dass kaltblütige Taten wie die von Oslo und Toulouse normale Gewalt in einer Massengesellschaft ist. Dies hat es immer gegeben, auch in Europa. Im 19. Jahrhundert versetzten russische Anarchisten mit Bombenanschlägen die Gesellschaft in Angst. Die Sicherheitsbehörden müssen nun vor allem mögliche Nachahmer der Tat von Toulouse verhindern."

Laut der US-amerikanischen Anti-Defamation-League ist der Antisemitismus in Europa auf einem "beunruhigend hohen Niveau". Spitzt sich Judenfeindschaft zu?

Benz: "Ich sehe keine Zunahme des Antisemitismus. Es ist traurig genug, dass es Menschen gibt, die Juden feindlich gegenüber stehen. Doch ich warne auch vor dramatisierenden Schlagzeilen bei Veröffentlichungen dieser Studien. Ich sehe nur bei fünf Prozent der Deutschen klare judenfeindliche Einstellungen, das sind die Ewiggestrigen mit ihren Stammtischparolen. Bei vielen Befragten aber sind Ressentiments da, die nicht speziell antisemitisch sind. Würde man sie zu ihren Einstellungen beispielsweise gegenüber Österreichern oder Polen fragen, wären die Antworten vielleicht ähnlich. Wir müssen aufpassen, dass wir durch eine Dramatisierung der Studien nicht den wahren Antisemitismus verharmlosen."

Zuletzt gab es Äußerungen von SPD-Chef Sigmar Gabriel, der den Umgang Israels mit den Palästinensern mit dem rassistischen Apartheid-Regime in Südafrika vergleicht. Ist das noch Israelkritik oder schon Antisemitismus?

Benz: "Es ist sehr schwierig zwischen angebrachter Kritik an der Politik Israels und Antisemitismus zu unterscheiden. Ich kann bei Gabriels Äußerungen keinen Antisemitismus feststellen. Es ist doch nicht frei erfunden, dass Israel sich als ein Staat definiert mit einem bestimmten Staatsvolk. Und es ist auch nicht frei erfunden, dass Nichtjuden einige zusätzliche Kontrollen durch israelische Behörden über sich ergehen lassen müssen. Wenn das Gabriel an einen Staat erinnert, in dem Bürger mit zweierlei Recht behandelt werden, dann kann ich das nachvollziehen. Es ist etwas anderes, die Politik Israels in Gaza mit einem Konzentrationslager zu vergleichen. Oder aber den Juden generell abzusprechen, sie könnten gerechte Politik machen. Das ist dann scharfer Antisemitismus. Da gibt es keine Zweifel."

Der Historiker Wolfgang Benz gehört zu den führenden Forschern zum Thema Antisemitismus, er leitete viele Jahre das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung und arbeitet zum Dritten Reich, dem Holocaust und der Judenfeindschaft in Gegenwart und Vergangenheit.

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