Ausland
Syrien-Resolution
"Lizenz zum Töten": Doppel-Veto sorgt für weltweite Empörung
05.02.2012, 16:46
Uhr
05.02.2012, 16:46
Uhr
abendblatt.de
Der UN-Sicherheitsrat scheiterte mit einer Syrien-Resolution an Russland und China. Die Weltgemeinschaft denkt über neue Schritte nach.
Die Empörung über das Veto von Russland und China wächst. In Berlin demonstrieren vor dem Brandenburger Tor Aktivisten gegen die Politik des syrischen Machthabers Assad
Foto: dpa/DPA
New York/Sofia/Kairo.
Nach der russisch-chinesischen Blockade einer UN-Resolution zum
Syrien-Konflikt will der Westen noch entschlossener für ein Ende der Gewalt
in dem Land eintreten. Gemeinsam mit ihren Partnern würden die USA ihre
Anstrengungen zur Unterstützung der syrischen Protestbewegung nun außerhalb
der Vereinten Nationen verdoppeln, kündigte Außenministerin Hillary Clinton
an. Russland und China hatten zuvor eine Syrien-Resolution des
UN-Sicherheitsrats mit einem Doppelveto verhindert und damit weltweite
Empörung ausgelöst. Nur wenige Stunden vor der Abstimmung war aus der
syrischen Protesthochburg Homs das schlimmste Blutbad seit Beginn der
Proteste vor elf Monate gemeldet worden.
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Für Entsetzen sorgte das Scheitern der Resolution auch bei der syrischen
Opposition. Sie sprach von einer „Lizenz zum Töten“ für das Regime von
Präsident Baschar al-Assad. Die UN-Resolution sollte die anhaltende Gewalt
in Syrien verurteilen, egal von welcher Seite sie ausgeht. Die Regierung in
Damaskus sollte sofort ihre Menschenrechtsverletzungen sowie Angriffe auf
jene beenden, die ihr Recht auf freie Meinungsäußerung friedlich ausübten.
In dem bereits deutlich entschärften Entwurf wurde auch ein Aktionsplan der
Arabischen Liga unterstützt, der politische Reformen und einen
demokratischen Umbau forderte. Außer Russland und China stimmten alle
anderen 13 Sicherheitsratsmitglieder für die Resolution.
Bei der Suche nach neuen Lösungen schlug Bundesaußenminister Guido eine
internationalen Kontaktgruppe vor. Eine zentrale Rolle sollten dabei die
Türkei und die Arabische Liga spielen, sagte er am Sonntag am Rande der
Münchner Sicherheitskonferenz. Auch in der Libyen-Krise war eine
Kontaktgruppe zur Koordination des internationalen Handelns eingesetzt
worden. US-Außenministerin Hillary Clinton sprach sich in Sofia für
regionale und internationale Sanktionen sowie ein Waffenembargo aus. Nach
dem Scheitern der UN-Resolution sieht Clinton eine größere Gefahr für einen
brutalen Bürgerkrieg in Syrien.
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Die Arabische Liga – die ihre Beobachtermission wegen der Gewalteskalation
unterbrochen hatte – zeigte sich zunächst zögerlich. Ein für Sonntag
anberaumtes Treffen wurde auf kommenden Samstag verschoben. Tunesien pochte
auf sofortige Konsequenzen. Ministerpräsident Hamadi Jebali rief alle
arabischen Staaten auf, die syrischen Botschafter auszuweisen. Das sei „das
Mindeste, was man tun kann“. Die Türkei, kein Liga-Mitglied, sicherte allen
Syrern, die vor der Gewalt des Regimes in ihrem Heimatland fliehen, Aufnahme
und Schutz zu.
Wenige Stunden vor der Abstimmung hatte Syrien die blutigsten Kämpfe seit
Beginn des Aufstandes vor elf Monaten erlebt. Bei einem stundenlangen
Beschuss der Protesthochburg Homs mit Panzer- und Mörsergranaten waren
Oppositionellen zufolge mindestens 330 Menschen getötet und weitere 1000
verletzt worden. Regierungstruppen hätten die Stadt gestürmt und dann
Stadtviertel gezielt unter Beschuss genommen.
Auch deshalb löste das Veto Russlands und Chinas weltweit Empörung aus. Der
britische Außenminister William Hague sprach von einer „Stunde der Schande“
für die Vereinten Nationen. Frankreichs UN-Botschafter Gérard Araud warf
beiden Ländern vor, sie hätten nun „das Blut des syrischen Volkes an ihren
Händen“. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch bezeichnete das
Doppelveto als „Verrat am syrischen Volk“. „Das ist eine große Enttäuschung
für die Menschen in Syrien und dem ganzen Nahen Osten, für alle Unterstützer
von Demokratie und Menschenrechten“, sagte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon.
Russland verteidigte die Blockade und verlangte weiterhin, dass eine
Resolution eine militärische Einmischung deutlich ausschließe. Russland
bemüht sich jetzt, die Dinge in die eigene Hand zu nehmen. Am Dienstag will
der russische Außenminister Sergej Lawrow in Damaskus Al-Assad zum
persönlichen Gespräch treffen.
Die syrische Führung äußerte sich hämisch über die gescheiterte Resolution:
„Al-Baath“, das Parteiblatt von Präsident Al-Assad, nannte das Veto einen
harten Schlag für die westlichen Verschwörer und deren arabische Komplizen.
Auch am Sonntag ging die Gewalt weiter – mindestens 22 Menschen starben laut
Aktivisten landesweit. In mehreren syrischen Oppositionsforen fanden sich am
Sonntag die Kommentare: „Jetzt hilft uns nur noch Gott.
Proteste auch in Berlin - Eierwurf gegen Botschafter
Einige Dutzend Menschen haben am Sonntag in Berlin vor dem Brandenburger Tor
gegen die Gewalt des syrischen Regimes von Präsident Baschar al-Assad
protestiert. Sie forderten auf einem Schild beispielsweise „Internationale
Solidarität gegen den syrischen Staatsterror“. Am Wochenende hatte es in dem
Land im Vorfeld einer Abstimmung im UN-Sicherheitsrat die blutigsten Kämpfe
seit Beginn des Aufstandes gegen das Regime gegeben. Russland und China
hatten am Samstag eine Syrien-Resolution des Gremiums blockiert.
Ebenfalls am Samstag bewarf ein Mann die syrische Botschaft in Berlin mit
Eiern und randalierte am Eingang. Die Polizei nahm den 31-Jährigen vorläufig
fest. Der Mann hatte versucht, über den Zaun des Geländes in der Rauchstraße
in Tiergarten zu klettern, wie die Polizei mitteilte. Angestellte des
Objektschutzes zogen ihn von dem Gitter herunter. Doch der 31-Jährige konnte
sich losreißen und ein Botschaftsschild aus der Halterung drehen.
Erst am Freitag waren Kritiker des syrischen Präsidenten Assad in die
Botschaft eingedrungen und hatten dort Teile der Einrichtung demoliert.
Mit Material von dpa