Ausland
Neuer Premierminister Griechenlands
Lukas Papademos: Der introvertierte Pragmatiker
10.11.2011, 20:30
Uhr
10.11.2011, 20:30
Uhr
abendblatt.de
Nach langem Streit haben sich die Parteien in Griechenland darauf geeinigt, wer das Land aus der Krise führen soll: Lukas Papademos.
Der neue griechische Ministerpräsident Lukas Padademos ist ein wirtschaftspolitisches Schwergewicht. Doch der große Auftritt ist nicht sein Ding
Foto: REUTERS
Athen.
Das tagelange Tauziehen um die Nominierung eines neuen Regierungschefs im hoch
verschuldeten Griechenland ist zu Ende. Der
Finanzexperte Lukas Papademos soll als Ministerpräsident einer
Übergangsregierung einen drohenden Staatsbankrott abwenden und das Land aus
der Krise führen. Der frühere Vizepräsident der Europäischen Zentralbank
(EZB) erhielt von Staatspräsident Karolos Papoulias am Donnerstag den
Auftrag zur Bildung einer neuen Regierung. „Der Kurs wird nicht leicht
sein“, erklärte Papademos anschließend im griechischen Fernsehen.
An diesem Freitag solle die neue Regierung in Athen vereidigt werden, kündigte
das Präsidialamt an. Papademos sprach von einer Übergangsregierung, die von
den bisher regierenden Sozialisten (PASOK), den Konservativen (ND) und den
Ultrakonservativen (LAOS) unterstützt werde. Die drei Parteien verfügen über
eine deutliche Mehrheit von 254 Abgeordneten im 300-köpfigen griechischen
Parlament. Da die Mehrheit offensichtlich ist, kann Papademos ohne
ausdrückliche Zustimmung des Parlaments als Regierungschef vereidigt werden.
Allerdings muss er dort nach der Verfassung innerhalb von zwei Wochen die
Vertrauensfrage stellen.
+++Thema:
Die griechischen Seiten des Lebens+++
Der Auftrag zur Regierungsbildung beendete ein fast fünftägiges Tauziehen um
die Nominierung des neuen Ministerpräsidenten. „Es ist für mich eine große
Ehre und eine noch größere Verantwortung“, sagte Papademos. Er sei
überzeugt, dass die wirtschaftlichen Probleme zu lösen seien. Die wichtigste
Aufgabe der neuen Regierung werde es sein, die Spar- und Reformvorhaben
umzusetzen, die Ende Oktober auf dem Gipfeltreffen der Euro-Zone vereinbart
worden seien, und das internationale Hilfsprogramm für Griechenland unter
Dach und Fach zu bringen.
Papademos rief zu „Einheit, Verständigung und Vernunft“ auf. Der Appell
richtete sich an die Bevölkerung, an die Parteien und auch an die
Gewerkschaften, die mit Streiks immer wieder das Land lahmgelegt hatten.
Der bisherige sozialistische Regierungschef Giorgos Papandreou hatte am
Mittwoch seinen Rücktritt angekündigt und damit den Weg zur Bildung einer
Regierung von Sozialisten und Konservativen freigemacht. Am Donnerstag
einigte er sich mit dem konservativen Oppositionsführer Antonis Samaras und
dem Ultrakonservativen Giorgos Karatzaferis darauf, dem Staatspräsidenten
den früheren EZB-Vize als neuen Ministerpräsidenten vorzuschlagen.
Papandreou bezeichnete den Zusammenschluss als ein „historisches
Übereinkommen“ und den „Beginn einer neuen Ära“ in Griechenland. Die Führer
der kleineren Linksparteien boykottierten das Treffen im Amtssitz des
Präsidenten.
Wie lange Papademos im Amt bleiben wird, wurde am Donnerstag nicht
ausdrücklich festgelegt. Im offiziellen Kommuniqué des Staatspräsidenten
wurde kein Datum für Neuwahlen genannt. Die Parteichefs Papandreou und
Samaras hatten zuvor Neuwahlen am 19. Februar 2012 ins Auge gefasst.
Porträt: Lukas Papademos, der introvertierte Pragmatiker
Mit der Wahl von Lukas Papademos zum griechischen Ministerpräsidenten lastet
das harte Reformprogramm auf breiten Schultern – genau wie sich
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) das wünscht. „Wir wollen vor allem, dass
auch die sehr, sehr harten Reformbemühungen für ein besseres, effizienteres
und konsolidierteres Griechenland auf möglichst breiten politischen
Schultern stehen“, sagte Merkel am Donnerstag.
Der 64-jährige ehemalige Vize-Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) ist
das wirtschaftspolitische Schwergewicht, das Griechenlands Partner jetzt
brauchen. Heute gilt Papademos als fest mit dem Euro verbunden. Experten wie
der Chef des Münchner Wirtschaftsinstituts ifo, Hans-Werner Sinn,
bescheinigen ihm großes wirtschaftspolitisches Verständnis. Bis Mitte
vergangenen Jahres war Papademos in Frankfurt am Main. Anschließend lehrte
er als Professor in Amerika. Seine Wahl zum Premierminister einer Athener
Übergangsregierung ist Ausdruck des Willens der Griechen, den Euro zu
behalten – trotz aller Kritik.
Manchen Beobachtern könnte seine Wahl auch Sorgen bereiten: Ausgerechnet er
war es, der die Griechen vor zehn Jahren in den Euro führte. Zu dieser Zeit
stand Papademos an der Spitze der griechischen Zentralbank. Es ist aber
schwer zu sagen, ob er in dieser Funktion von den gefälschten Zahlen wusste,
durch die Griechenlands Beitritt zum Euro überhaupt erst möglich wurde.
Papademos, der als Pragmatiker gilt, tat außerdem hinter den Kulissen des
Eurotowers sein Möglichstes, um ein Auseinanderbrechen der 17 Euro-Länder zu
verhindern. Unter anderem verantwortete er die Anleihen-Ankäufe von
Euro-Ländern in Schwierigkeiten. Er half auch den 6.000 bei der EZB
registrierten Banken, ihre faulen Kredite als Sicherheiten zu verwenden.
„Wir sind Lukas sehr dankbar“, sagte der ehemalige EZB-Chef Jean-Claude
Trichet zu Papademos' Abschied 2010. „Als die Banken ins Rutschen kamen, war
Lukas einer der wichtigsten Gestalter ihrer Stabilisierungshilfen.“
Papademos hat in seiner Frankfurter Zeit international viele Freunde
gewonnen. Merkel und alle anderen, die Griechenland mit Milliarden
unterstützen wollen, können auf ihn zählen. Er könnte das vom bisherigen
Premier Giorgios Papandreou verspielte Vertrauen wiederherstellen. Sein
größter Vorteil: Der Parteilose tritt einen Job an, den er nie wollte.
Denker mit Schwächen
Kein Politiker zu sein ist jedoch auch ein Nachteil, denn der introvertierte
Denker hat eine Schwäche: Der große Auftritt ist einfach nicht sein Ding.
Lieber doziert er vor einem kleinen Kreis von Zuhörern und verliert sich in
Wirtschaftstheorien. Das wird es ihm erschweren, das Volk mitzunehmen.
Als Stellvertreter saß Papademos bei den monatlichen Pressekonferenzen
regelmäßig an der Seite Trichets, der seinerseits am vergangenen Dienstag
die Präsidentschaft an den Italiener Mario Draghi übergeben hatte. Vor der
in Frankfurt versammelten Presse kam Papademos kaum mal ein Wort über die
Lippen. Er nahm lieber Journalisten, die ihm bekannt waren, bei anderen
Gelegenheiten zur Seite. Auch dann achtete er auf jedes Wort.
Papademos müsste den Griechen nur mehr von seiner gutmütigen und freundlichen
Art zeigen, die ihm in EZB-Kreisen den Spitznamen „Papa“ eingebracht hatte.
Doch dafür müsste er sich öffnen.
Mit Material von dpa/dapd