Der Krieg der Kulturen - so können wir ihn stoppen
Ansichtssache
Ein Freund erzählte mir kürzlich von seinen Urlaubsplänen. Er wollte außerhalb der Saison im November reisen. Wohin, wusste er noch nicht. "Argentinien vielleicht. Oder Sizilien, obwohl man dort im November auch nicht mehr baden kann." Und dann fügte er hinzu: "In islamische Länder kann man ja nicht mehr fahren." Mein Freund ist kein aufgereg-ter Mensch, der leicht in Panik gerät. Er ist eher ruhig, in seinen politischen Ansichten sozial-liberal und alt genug, um über die Welt Bescheid zu wissen. In islamische Länder kann man nicht mehr fahren, hatte er gesagt, und ich hatte genickt. Seine Begründung lautete so: Terrorismus gebe es auch in anderen, nichtislamischen Ländern, sogar in Europa, zum Beispiel in Spanien. 90 Prozent der terroristischen Gewalt gehe aber heute von Islamisten aus, werde in islamischen Ländern geplant bzw. durchgeführt, mit ideologischer (fundamentalistisch-islamistischer) Rechtfertigung. Man könne wohl nicht mehr leugnen, dass es einen "Krieg" zwischen dem Westen, der westlichen Zivilisation und mindestens einem Teil der islamischen Welt gebe. Und wenn man die Reaktionen der Menschen in islamischen Ländern bei "gelungenen" An-schlägen miterlebe, müsse man wohl zugeben, dass dieser Teil nicht klein sei. Ich hatte genickt: nicht zustimmend, aber verständnisvoll und zugleich beunruhigt, ja alar-miert. Ist die Welt, fragte ich mich später, wirklich dabei, Samuel Huntington, den Amerikaner, der den "Clash of civilizations" vorausgesagt hat, zu bestätigen? Gibt es ihn schon, den "Krieg der Kulturen"? Manches spricht dafür. Immerhin hat es vor und nach dem 11. September 2001, den Anschlägen von New York und Washington, eine Vielzahl von islamistisch begründeten terroristischen Attacken mit einer Vielzahl von Opfern gegeben. Der Terror richtet sich vor allem gegen die USA, den "großen Satan", und gegen Israel, den "kleinen Satan". Vor allem, aber nicht ausschließlich. Auch andere Länder haben Opfer zu beklagen: Australien, Frankreich, auch Deutschland, um nur einige westliche Länder zu nennen. In Amerika spricht man - ganz selbstverständlich - von einem "Krieg gegen den Terror". Da Amerika einerseits ein sehr christliches Land ist, in dem religiöse Toleranz groß geschrieben wird, vermeidet man es dort, von einem Krieg gegen den "islamischen" Terror zu sprechen. Die Tatsachen lassen sich aber nicht länger leugnen; zumal die überwiegend militärische Reaktion Amerikas auf die neue Herausforderung es durchaus rechtfertigt, von einem Krieg zu sprechen. Er findet statt: in Afghanistan, in Mittel-Ost (Palästina, Irak) und - beschränkt auf die nördlichen Regionen - in Pakistan und Kaschmir. Wenn wir erreichen wollen, dass dieser Krieg beendet wird, zumindest beherrschbar bleibt, müssen wir, der Westen, anfangen, eine gemeinsame Strategie zu entwickeln, wie wir mit der neuen asymmetrischen Herausforderung umgehen wollen. Ihr allein militärisch zu begegnen, genügt nicht. Es bedarf weiterer Maßnahmen: polizeilicher, geheimdienstlicher, diplomatischer, ökonomisch-handelspolitischer und humanitärer Art. Und es braucht eine politische Strategie, um Partner in der islamischen Welt zu finden, zu ermutigen, zu unterstützen, die einer "Aufklärung" in der islamischen Welt das Wort reden, sie vorbereiten und vorantreiben. Gelingen kann das aber nur, wenn der Westen a) einig und b) bereit ist, die Menschen in der islamischen Welt als Partner mit eigenen Wertvorstellungen zu respektieren. Daran mangelt es vielfach. In Amerika und, wenn wir ehrlich sind, auch in Europa. Nachwort: Das erwähnte Ge-spräch mit meinem Freund, Anlass für diesen Kommentar fand kurz vor einer politischen Reise der Abgeordneten Rühe und Klose nach Syrien und Jordanien statt. Wir beide, Volker Rühe und ich, gehören verschiedenen Parteien an. Wir waren nicht immer und in allen politischen Fragen einer Meinung. Aber wir wissen, dass in der Außenpolitik Koalition und Opposition möglichst nahe beieinander bleiben müssen. Und wir wissen als Außenpolitiker auch, dass politische Reisen nicht der Erbauung, sondern allein dazu dienen, Informationen zu sammeln und zu vermitteln. Man muss lernen, die Welt mit den Augen der anderen zu sehen. Deshalb werden wir, gemeinsam oder allein, auch künftig die Länder der islamischen Welt besuchen. Damit wir sie kennen lernen. Und sie uns.



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