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Ausland

Ägypten

"Alles ist durcheinandergeraten" - Interview mit einer Familie aus Kairo

Der Mittelstand in Kairo bildet das Rückgrat der Revolution. Husin und seine Familie berichten aus ihrem Alltag.

Hamburg. Alles ist durcheinander geraten. Für Husin, 57, ist es ganz ungewohnt, zu Hause zu bleiben. Das große Lebensmittelunternehmen, in dem er tätig ist, liegt im Stadtzentrum von Kairo in der Nähe des Tahrir-Platzes, gearbeitet wird nicht mehr. Auch seine Kinder sind zu Hause: Nasrin, 19, Amy, 15, und der siebenjährige Jassir, der in die erste Klasse geht. In Schulen und Universitäten ruht der Lehrbetrieb. Ausgerechnet jetzt, wo gerade die Halbjahresprüfungen stattfanden, sagt Husin. "Wir wissen nicht, ob die später nachgeholt werden und wie das weitergeht." Er gibt gerne Auskunft, freut sich über das Interesse aus Deutschland. Wir verabreden aus Sicherheitsgründen, die Namen zu ändern.

Vor allem wegen der Ausgangssperre zwischen 17 Uhr und 7 Uhr ist das normale Alltagsleben zum Erliegen gekommen, sagt Husin. Man kann nicht viel tun außer sich ein paar Stunden lang um die Beschaffung von Lebensmitteln zu kümmern oder Freunde in der Nähe zu besuchen. Im Hintergrund läuft immer ein Fernseher. Niemand will die jüngste Entwicklung verpassen.

Die Familie wohnt im Stadtteil "6. Oktober", einer der Satellitenstädte von Kairo 20 Kilometer vom Zentrum entfernt, die in Erinnerung an den ägyptischen Sieg im Yom-Kippur-Krieg in den 1950ern erbaut wurde. Eine Mittelstandsfamilie mit eigenem Haus. Das Auto hat Husins Frau Asmaa, 41, im Moment für sich: "Wir arbeiten noch", sagt die Büroleiterin einer Molkerei, "wenn auch mit halber Besetzung und halber Kapazität." Die Metro im Zentrum fahre zwar, aber nicht alle Buslinien, denn einige Viertel und Straßen sind abgesperrt. "In unserem Stadtteil haben drei große Supermärkte geschlossen, ein dritter ist am Mittwoch ausgebrannt. Manche vermuten einen Anschlag, andere tippen auf eine defekte Gasflasche, weil in der Straße viele Imbisse sind. Das Problem ist, dass die Versorgung jetzt auch in den Vorstädten knapp wird. Sogar die Straßenhändler bekommen kaum Nachschub."

Zumindest das Internet ist wieder zugänglich. "Bei mir läuft es eigentlich zwölf Stunden am Tag", meint Husin. Für Asmaa ist es unerlässlich: "Ich informiere mich da täglich über die Preise, was es wo zu kaufen gibt, geänderte Fahrtzeiten, einfach alles", sagt sie. Die Preise für Lebensmittel, Kleidung und Konsumgüter seien kontinuierlich seit Jahren gestiegen. Sie muss rechnen, denn Nasrin besucht die private German University. Ein solches Studium kostet bis zu 50.000 ägyptische Pfund.

Alle Familienmitglieder bis auf den Jüngsten haben auch Facebook-Profile, auf denen sie Kontakte zu Freunden und Verwandten halten. Husin nutzt Facebook aber auch, "um meine Meinung darüber zu äußern, was in Ägypten passiert".

Er habe so etwas wie den Aufstand kommen sehen, sagt er. "Nach der letzten Wahl im November war die Frustration groß. Sogar Teile der Regierungspartei fanden, dass es so nicht geht. Wir haben dann die Bilder aus Tunesien verfolgt. Dazu hieß es im ägyptischen (Staats-)Fernsehen, Tunesien sei eben ein Land, in dem die Menschen ihre Meinung nicht frei sagen könnten, während es den Ägyptern sehr gut gehe." Die Regierung habe die Stimmung im Land falsch eingeschätzt.

Niemand in der Familie ist Aktivist für eine Partei oder Bewegung. Aber sie sehen Al-Arabija, Fox, CNN, BBC World. Sie ziehen Vergleiche. "In Deutschland haben Sie normale Kanäle für freie Meinungsäußerungen, für zuverlässige Wahlergebnisse. Sie sind gut vertraut mit den Dingen, die in Ihrem Land vorgehen", sagt Husin. "Hier haben wir solche Kanäle nicht. Deshalb benutzen wir Facebook auch für das Voting."

Als Beispiel nennt er die "Bewegung 6. April". Vor einer Woche rief sie unter dem Eindruck von Tunesien auf Facebook zu einem "Tag des Zorns" auf. Knapp 90.000 Internet-User stimmten erst mit der Tastatur und dann mit den Füßen ab und registrierten sich auf der Seite. Entstanden war die Bewegung 2008, als junge Ägypter - Studenten, Ärzte, Angestellte - einen für den 6. April geplanten Textilarbeiterstreik unterstützen wollten und unter diesem Datum eine Facebook-Gruppe gründeten. Sie wurde zum Nukleus des beginnenden außerparlamentarischen Jugendprotestes. Damals gewannen sie in kurzer Zeit 76.000 Anhänger.

"Ich bin sicher, dass Regierung und Polizei versuchen, diese Stimmung mit zu verfolgen", sagt Husin. Die meisten Facebook-User sind vorsichtig: Sie geben kaum etwas von sich preis, vielleicht dem Namen ihrer Schule oder Uni oder ihre Lieblingsfilme und -Bands. Das Schicksal des jungen Bloggers Khaled Said, der im Mai 2010 von zwei Polizisten zu Tode geprügelt wurde, steht ihnen klar vor Augen. Aber sie sind Multiplikatoren. Hinter ihnen stehen Freunde und Angehörige auch ohne Facebook-Profil. Wie viele es sind, kann niemand abschätzen.

Nasrin orientiert sich wie ihre Freunde sowohl an der arabischen wie an der westlichen Welt, guckt liebend gerne "Ghost Whisperers", hört Country-Pop-Songs der Amerikanerin Taylor Swift, mag arabische Kinofilme. Die Management-Studentin hat ganz klare Vorstellungen für später: ein Job in einem Unternehmen "mit ausländischer Führung, sodass ich vielleicht ein oder zwei Jahre im Ausland eingesetzt werde und noch eine Fremdsprache lerne. Und dann will ich mich selbstständig machen." Es wundert sie nicht, dass Facebook zu einer Waffe geworden ist. Ihre Generation stehe unter Druck, sagt sie. Viele Freunde mit Examen hätten hohe Schulden wegen der Ausbildungskosten, aber in Ägypten wenig Aussicht auf einen einträglichen Job.

Ihre Freundin Hoda, 21, studiert Pharmazie und will Apothekerin werden. Die Demonstrationen haben sie elektrisiert. Ihr Bruder und ihre Schwester, beide Studenten, folgten dem Facebook-Aufruf am 25. Januar und hätten begeistert erzählt, es sei "ganz Ägypten" auf den Beinen gewesen. "Ich habe darüber nachgedacht und beschlossen, dass ich jetzt für mein Land und für meine Zukunft dort stehen muss", sagt Hoda ganz ernsthaft. "Seitdem war ich jeden Tag am Tahrir-Platz, auch am Mittwoch, als Mubarak-Anhänger uns verfolgten." Dann lacht sie. "Die haben geglaubt, sie könnten uns aufhalten, wenn sie Internet und Mobilfunkserver abschalten. Aber dann haben wir einfach mündlich jeden eingesammelt, den wir trafen. Wir haben ihnen gezeigt, dass uns nichts aufhält."

Husins größter Wunsch ist es, dass seine Kinder eine gute Ausbildung abschließen, sagt er. "Dass sie vielleicht Erfahrung im Ausland sammeln und eine andere Kultur kennen lernen. Und dass wir ein solides Land bleiben. Wenn wir das verlieren, bekommen wir es nicht wieder."

 

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