30.06.13

Ägypten

Drei Tote bei Protesten gegen Präsident Mursi

Zehntausende Ägypter haben Präsident Mohammed Mursi am Jahrestag seines Amtsantritts zum Rücktritt aufgefordert. Doch die Proteste blieben nicht friedlich. Mindestens drei Menschen kamen ums Leben.

Von Andrea Backhaus
Foto: dpa

Kämpfen, bis der Präsident fällt - in ganz Ägypten versammelten sich Tausende Menschen auf den Straßen
Kämpfen, bis der Präsident fällt - in ganz Ägypten versammelten sich Tausende Menschen auf den Straßen

Bei Protesten gegen die islamistische Regierung in Ägypten sind in der südlichen Provinz Assiut drei Menschen getötet worden. Wie Sicherheitsbehörden am Sonntagabend mitteilten, hatten bewaffnete Unbekannte auf einem Motorrad das Feuer auf die Demonstranten eröffnet. Die Zeitung "Al-Ahram" berichtete online, der Angriff habe sich in der Nähe eines Büros der Muslimbruderschaft ereignet. Mindestens acht Personen seien verletzt worden, unter ihnen ein Polizist, hieß es.

Seit Tagen wird erneut gegen die ägyptische Regierung demonstriert. "Wir sind wütend", sagt Ahmed Mustafa, ein stämmiger Endzwanziger und streicht sein Hemd glatt. "Die Muslimbrüder haben alles ruiniert." Seit Samstag campiert der Buchhalter aus Alexandria auf dem Tahrir-Platz. Wie lange er hier bleiben wird, weiß er nicht. Es sind 36 Grad, doch scheint ihm die Hitze, die an diesem Mittag bleiern über Kairo hängt, nichts auszumachen. "Wir werden ausharren, bis Mursi weg ist."

Kämpfen, bis der Präsident fällt: Im Januar 2011 versammelten sich Hunderttausende auf dem Tahrir-Platz, um die Absetzung Hosni Mubaraks zu erzwingen. An diesem Sonntag haben sie sich hier erneut eingefunden. "Mursi raus, Mursi raus", skandieren die Männer und Frauen nun, schwenken die ägyptische Flagge, halten Plakate hoch, die das Gesicht des neuen Präsidenten zeigen, durchgestrichen mit einem Kreuz.

Tausende Protestler folgten alleine in Kairo dem Aufruf des liberalen Lagers, das für den ersten Jahrestag von Mursis Amtseinführung im ganzen Land zu Massendemonstrationen aufgerufen hatte. Schon am Samstag hatte die Opposition ihre Zelte auf dem Tahrir-Platz, im von den Muslimbrüdern dominierten Stadtteil Nasr sowie vor dem Präsidenten-Palast aufgeschlagen. Ihr Slogan lautet: Tamarud, Rebellion. Der Bewegung haben sich alle Oppositionsgruppen angeschlossen. Sie wollen nichts Geringeres als eine zweite Revolution.

Ernüchterung statt Erneuerung

Ein warmer Wind wirbelt Plastikflaschen auf, der Staub trübt die Sicht. Auf einer Matte, darüber ein Leinentuch gespannt, sitzt Hayat Mokhles und grinst. "Der Tahrir-Platz gehört zu unserem Leben" sagt die Mittvierzigerin. Seit zwei Jahren kommt die Aktivistin zu Protesten auf den Platz der Befreiung. Erst kämpfte sie gegen Mubarak, dann gegen das Militär, nun gegen Mursi. "Mursi ist ein Diktator wie Mubarak", sagt sie. "Er ist des Amtes nicht würdig."

Deshalb hat sie, wie zahlreiche andere Aktivisten, in den vergangenen Wochen Unterschriften für eine Petition gesammelt, die den Muslimbruder zum Rücktritt auffordert. 23 Millionen sollen es den Organisatoren zufolge sein. Genug, sagen sie, um Mursi das Vertrauen zu entziehen. Mursi war 2012 mit 13,2 Millionen Stimmen gewählt worden und hatte nur knapp gegen Ahmad Schafik, den ehemaligen Premierminister unter Mubarak, gewonnen. Ein Protestzug soll die Unterschriften nun zum Präsidentenpalast bringen. Um somit, so hofft die Opposition, den Weg für Neuwahlen freimachen.

Denn längst ist die anfängliche Hoffnung auf Erneuerung bitterer Ernüchterung gewichen. Die Oppositionellen wehren sich gegen die konservative Politik der Muslimbrüder. Viele Liberale werfen Mursi vor, er habe die Ziele der Revolution verraten. Der Präsident und die Islamisten weisen die Kritik zurück: Sie hätten schließlich die freie Wahl gewonnen.

Die Proteste offenbaren ein gespaltenes Land

So zeigt sich spätestens mit den Protesten am Sonntag: Ägypten ist ein zutiefst gespaltenes Land. Anhänger und Gegner der Regierung stehen sich unversöhnlich gegenüber. In den vergangenen Tagen und Wochen war keines der beiden Lager zu Dialog und Aussöhnung bereit. Führende Geistliche hatten bis zuletzt vor einer Eskalation der Gewalt gewarnt.

Dabei hatte sich die Lage am Nil schon vor den geplanten Demonstrationen zugespitzt. Bei Krawallen zwischen Anhängern und Gegnern Mursis kamen am Wochenende mindestens drei Menschen ums Leben, mehr als hundert wurden verletzt. Zwei Menschen starben, als Mursi-Gegner in der Nacht zu Samstag ein Parteibüro der Muslimbrüder in der Küstenstadt Alexandria stürmten.

Ein weiterer Mann starb bei einer Explosion bei Protesten in Port Said. In Kairo hatten sich nach dem Freitagsgebet etwa 20.000 Unterstützer von Mursi vor der Moschee Rabaa al-Adawija versammelt. Redner warfen der Opposition vor, sie werde "aus dem Ausland unterstützt, von Staaten, die nichts Gutes für Ägypten wollen". Sie unterstrichen, dass Mursi nicht vor Ende seiner vierjährigen Amtszeit zurücktreten werde.

Vor Tankstellen bilden sich Schlangen

Für die Oppositionsgruppen, die sich nun auf dem Tahrir-Platz einfinden, ist klar: Sie bleiben, bis Mursi weg ist. Doch so geeint die Mursi-Gegner ihre Wut gegen den Präsidenten hinausschreien, so unterschiedlich sind die Motive, die die Menschen auf den Platz getrieben haben. Da sind jene, die die Muslimbrüder grundsätzlich ablehnen. Da sind die linken Revolutionäre oder die Anhänger des Ancien Régime. Da ist der Tourguide aus Hurghada, der wegen der ausbleibenden Touristen nicht weiß, wie er seine Familie ernähren soll, der Unternehmer, der die Devisenknappheit beklagt.

Die Lebenssituation hat sich für viele Ägypter drastisch verschlechtert: Vor den Tankstellen bilden sich seit Monaten lange Schlangen. Stromausfälle gehören zum Alltag, ebenso wie die Verfolgung Andersdenkender. Die Währung verfällt, die Preise für Lebensmittel steigen. Am vergangenen Mittwoch räumte Mursi in einer Rede ans Volk zwar Fehler ein. Doch zeigte er sich zu keinen Zugeständnissen bereit. Eher noch schürte er den Zorn seiner Gegner, indem er sie als Feinde des Landes und Terroristen bezeichnete. Spätestens seit dieser Kampfansage schlittert Ägypten immer weiter in eine Zerreißprobe, wie sie das Land in seiner jüngeren Geschichte noch nicht erlebt hat.

"Mursi hau ab" steht auf den Schildern, die sich die Männer um den Hals gehängt haben. Dicht an dicht sitzen sie im Kreis, das Zeltdach spendet Schatten. Sherif Hafez, 48, Brille, graues Hemd, sitzt in der Mitte. "Wie soll es nach dem Fall Mursis weitergehen?", ruft er in die Runde. "Wir brauchen ein Übergangskomitee, bis ein neuer Präsident gewählt ist", ruft einer. Kopfnicken. "Wer könnte neuer Präsident werden?" Hafez blickt in ratlose Gesichter. So zeigt die Protestwelle auch: Mursis Gegner haben zwar an Kraft gewonnen. In den vergangenen Wochen hat die Tamarud-Bewegung durch das Verteilen von Protestzetteln, durch Aufrufe per Facebook und Youtube eine große Schar von Unterstützern gewinnen können. Und doch: Es fehlt ihnen an Alternativen, an politischen Visionen für die Zukunft.

"Er muss weg. Das ist das Wichtigste"

Sherif Hafez, der Kinderarzt, spaziert zum Zeltlager nebenan. Er will hören, wie dort die Stimmung ist. Im Quartier der Nationalen Heilsfront, der Bewegung von Friedensnobelpreisträger Mohamed al-Baradei, sitzt Ahmed Fahmy auf einer Bastmatte. "Wir brauchen eine zivile Regierung, die das Volk repräsentiert", sagt der Student.

"Die von den Islamisten durchgepeitschte Verfassung muss durch eine neue Charta ersetzt werden." Dann solle ein neuer Präsident gewählt werden. "Wer könnte das sein?", fragt Hafez. Immerhin hatte al-Baradei, der von vielen als möglicher Präsident favorisiert wurde, verkündet, dass er als Kandidat nicht zur Verfügung stünde. Kopfschütteln. "Wir hassen Mursi", sagt Ahmed Fahmy. "Er muss weg. Das ist das Wichtigste."

Es ist dieser Hass, der Mursi-Anhänger und Gegner antreibt und so die Befürchtung vieler Beobachter zu bestätigen scheint, dass Ägypten in einen Bürgerkrieg abgleiten könnte. Entscheidend wird nun, das sagen viele hier, das Verhalten der Armee. Das Militär, das eine Schlüsselrolle beim Aufstand 2011 spielte, hatte im Vorfeld der Proteste angekündigt, erneut einzugreifen, sollte die Gewalt eskalieren. Ob es sich auf die Seite der Opposition stellen wird, wie einige es hier erhoffen, bleibt abzuwarten.

Ein paar Meter vom Zeltlager entfernt wischt sich Sherif Hafez den Schweiß von der Stirn. Er müsse noch etwas klarstellen. Er heiße nicht Sherif, er sei auch kein Oppositioneller. Er sei ein Muslimbruder. Seine Kollegen seien auf dem ganzen Platz verteilt, um zu hören, was die Leute so reden. "Ich muss meine Partei schützen." Kurzes Schweigen. "Ich mache doch nur meinen Job."

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