28.02.13

Papst Benedikt XVI. Auf die letzte Audienz folgt heute der endgültige Abschied

Paul Badde

Foto: AFP

150.000 Gläubige jubeln auf dem Petersplatz Papst Benedikt XVI. zu. Große Emotionen zum Abschied. Heute Abend endet sein Pontifikat.

Rom. Die 348. Generalaudienz Benedikts XVI. ist seine letzte, und nichts ist wie immer. Mehr als fünf Millionen Menschen sind ihm in den vergangenen acht Jahren in diesen Audienzen auf dem Petersplatz oder in der Nervi-Halle begegnet. Doch heute scheint es, als wäre noch einmal eine weitere Million angereist, um Kopf an Kopf bei diesem letzten Auftritt von ihm Abschied zu nehmen. Nur bei seinem Begräbnis wird er noch einmal auf ähnliche Weise in die Öffentlichkeit treten, dann allerdings aufgebahrt, getragen von den Dienern des Päpstlichen Hauses. Jetzt ist der Tod weit weg.

Die Piazza vibriert vor Leben. Das Gedränge an den Absperrungen unglaublich. Es ist gleißend hell. Ein Fahnenwald aus allen Kontinenten weht flatternd über der Menge. Die katholische Weltkirche nimmt Abschied von ihrem Papst - obwohl er nicht gestorben ist. Ein Hubschrauber kreist in der Höhe am wolkenlosen Himmel. Tief segelnde Möwen ziehen ihre Schatten an der Marmorfassade des Petersdoms entlang. Es ist ein Volksfest des Glaubens: ein leuchtender erster Frühlingstag in diesem römischen Februar. Und es braucht nicht viel Fantasie, um das Echo Kardinal Ratzingers zu hören, der hier am 8. April 2005 beim Begräbnis seines Vorgängers rief: "Jetzt steht Johannes Paul am Fenster im Haus des Vaters und sieht uns und segnet uns." Es kann nicht anders sein. Sein Vorgänger schaut wohl auch jetzt noch zu und segnet diese Stunde.

Elf Tage später - am 19. April 2005 war Joseph Ratzinger selbst Papst geworden, und noch einmal fünf Tage später rief er hier auf diesem Platz bei seiner Krönungsmesse: "Ja, die Kirche lebt - das ist die wunderbare Erfahrung dieser Tage. Die Kirche lebt. Und sie ist jung. Sie trägt die Zukunft der Welt in sich und zeigt jedem Einzelnen den Weg in die Zukunft!"

Jetzt, an seinem Ende, nimmt er den Ruf spontan und gerührt wieder auf, als er die Menge unter sich sieht, die hier von ihm Abschied nehmen will: "Seht doch, wie die Kirche lebt!" Rom ist voll wie bei der Heiligsprechung Pater Pios. Die Menschen stauen sich die breite Via della Conciliazone hinunter bis zum Tiber, wie Kameraschwenks aus der Höhe auf den Mega-Bildwänden zeigen, die für alle das heiter gewordene Gesicht des kleinen alten Papstes vergrößern. Besonders Italien verbeugt sich hier und heute ein letztes Mal vor dem Mann, der nun endgültig für viele zu einem "Papa angelicus" geworden ist. Er sei ein "Papa d'amore", weiß links ein alter Fischer aus Ladispoli, und rechts schossen einem ergrauten Oberst der Carabinieri die Tränen in die Augen, als der gebeugte alte Mann in Weiß stehend in seinem Papamobil durch die frei gehaltenen Gassen in die Menge einfuhr, die linke Hand fest am Haltegriff, die Rechte zum Segen erhoben. Er sei "troppo puro, troppo innocente, troppo santo!" (zu rein, zu unschuldig, zu heilig), rief der Mann und wischte sich die Augen, als die Menge wie ein Mann auf die Stühle im vorderen Teil des Platzes sprang, Männer und Frauen, Alte und Kinder, Priester und Laien, Gläubige aus allen Kontinenten. Es ist ein unglaublicher Jubel, der den Papst auch später immer wieder unterbricht. "Durch diesen Papst habe ich die Deutschen lieben gelernt", sagt eine junge Italienerin.

Die Fahrt bis zu seinem Stuhl vor dem Hauptportal des Doms dauert fast eine halbe Stunde, bevor er die Menge mit brüchiger Stimme und lateinischem Friedensgruß willkommen heißt. Sein Geist weite sich an diesem Tag, um die Kirche auf der ganzen Welt zu umarmen. Zuerst lauschte er aber auch heute noch einmal den Worten aus einem Brief des Apostels Paulus an die Kolosser, bevor er ein letztes Mal die Schrift auslegt und noch einmal Petrus vorstellt, seinen Vorgänger vom See Genezareth in Galiläa. Auch der habe schon gewusst, dass das Boot, das er gesteuert habe, nicht ihm, sondern dem Herrn selbst gehört habe. So sei es überhaupt mit der Kirche: Sie gehöre nicht dem Papst oder den Menschen, sie gehöre allein Gott. "Die Kirche ist sein Boot."

Es ist ein Jahrhunderttext und der Höhepunkt seiner jahrzehntelangen Schriftauslegung. Doch heute mündet er in einem einzigen großen Dankgesang, an Gott, an seine Mitarbeiter, an die Kardinäle, an die Botschafter, die hier die ganze Bevölkerung der Erde vertreten würden, und schließlich an die ganze Kirche, deren "Kraft das Wort der Wahrheit in den Evangelien" sei. Allen danke er auch noch einmal für ihren Respekt für seine schwierige Entscheidung und versichere, dass er - so wie er vor acht Jahren sein Privatleben völlig aufgegeben habe für seinen letzten Dienst in der Nachfolge Petri - sich so natürlich auch heute nicht in sein Privatleben zurückziehe, wenn er jetzt nur noch für die Kirche beten wolle.

Er grüßte ein letztes Mal in etlichen Sprachen, auf Arabisch, auf Polnisch (das er im Alter doch extra noch für das Volk seines Vorgängers gelernt hat), bedankt sich bei der Traunsteiner Blaskapelle für ihre Bayernhymne. "Es ist so schön, ein Christ zu sein!" Dann erhebt er sich und stimmt auf Lateinisch das Vaterunser an. Ein kleiner weißer Mann mit gefalteten Händen und zitternder Stimme, aufrecht. Dieses Bild wird bleiben.