26.02.13

Italien

"Leck mich"-Beppe, der autoritäre Nihilist

Weil Beppe Grillo wegen fahrlässiger Tötung vorbestraft ist, wird er nie im Parlament sitzen. Trotzdem wurde er strahlender Wahlsieger. Mit ihm bricht der pure Nihilismus in die Politik Italiens ein.

Von Paul Badde
Foto: Getty Images
Beppe Grillo
Der Komiker Beppe Grillo führt einen bissigen Aufstand an

Was Beppe Grillo betrifft, mag es hilfreich sein, sich Italien heute einmal mit einem Gedankenexperiment zu nähern. Stellen wir uns also vor, wir wären selbst Italiener. Zum Beispiel als Taxifahrer oder als Journalist. Unsere 28-jährige Tochter wohnte immer noch bei uns, weil sie an eine eigene Wohnung nicht denken kann. Zuletzt wurde das Geld in unserem Portemonnaie immer weniger. Es kamen immer neue Abgaben dazu und wie wir bisher die Sache mit der Steuer gehandhabt haben, soll inzwischen als kriminell geahndet werden.

Von Mario Monti haben wir dazu erfahren, dass das alles gut so sei. Berlusconi verspricht, bei seinem Wahlsieg unsere Verluste bar zurückzuzahlen. Wie gern möchten wir ihm glauben, doch wir sind auf seine Versprechen schon mehrmals reingefallen. Bersani mögen wir nicht wählen, weil wir Angst vor seiner kommunistischen Vergangenheit haben. Da kann er noch so jovial daher kommen.

Im Radio erfahren wir, dass uns der Parlamentspräsident Martin Schulz aus Brüssel und kluge Leitartikler aus Berlin raten, nur ja vernünftig zu wählen, um die Architektur des neuen Europa nicht zu gefährden. Das italienische Kasperletheater müsse endlich ein Ende haben. Das sei auch die Ansicht der Kanzlerin Merkel.

Könnte es da nicht sein, dass wir uns selbst plötzlich bei einem "Leckt mich doch alle einmal" ertappen?

Die Stunde Beppe Grillos

Genau das aber ist die Stunde Beppe Grillos aus Genua, der seine Karriere vor Jahren vor einer immer komplexer und komplizierter werdenden Wirklichkeit mit der Ausrufung eines "Leck-mich-Tages" begonnen hat. Jetzt ist er damit zum eigentlichen Sieger der italienischen Wahl geworden.

Seine Gegner aus dem traditionellen politischen Lager mögen ihn für ein Gespenst aus dem Cyberspace halten, das sich auf Italiens schöne Plätze heruntergebeamt hat. Doch es ist kein Kino. Der Mann ist real und nicht virtuell. Und seine "Fünf Sterne"-Bewegung ist keine Partei. Diese Bewegung ist die Bugwelle eines Protest-Tsunami gegen die "Kaste der Parlamentarier", gegen Verschwendung im politischen System und gegen die Richtlinien der Europäischen Zentralbank.

Jetzt hat diese Monsterwelle ihn als stärkste Einzelpartei mit 25,55 Prozent in Italiens Parlament und mit 23,7 Prozent in den Senat gespült. Zusätzlich zu dem 25-Prozent-Anteil der Wahlverweigerer hat damit fast jeder fünfte Italiener aus dem letzten Urnengang eine Protestwahl gemacht.

Der Sieger bleibt allerdings ohne Amt. Er wird nicht ins Parlament einziehen, weil er vorbestraft ist. Bei einem von ihm verschuldeten Autounfall kamen 1981 drei Menschen ums Leben. Er wurde wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Der "Komik" dieses Komikers ist immer eine beängstigende Portion Tragik beigemischt.

Ein keifender Moralist, ein eifernder Jakobiner

Grillo ist ein keifender Moralist, ein eifernder Jakobiner und ein demagogischer Populist, der niemals zögert, die Missstände der Parteien oder die Vorwürfe der Justiz bei Politikern der "Kaste" lautstark anzuprangern. Persönlich konnte er allerdings seine rigorosen Ansprüche und seine luxuriöse Lebenswirklichkeit nie zur Deckung bringen.

Sein Führungsstil ist autoritär, Kritik kann er nicht vertragen. Wer seinen Kommandos nicht folgt, fliegt aus der Bewegung. Wer seine Führung kritisiert, hat bei ihm nichts verloren. Politik macht er ohne Parteiprogramm.

Gegen die Fernsehkampagnen Berlusconis, Bersanis und Montis setzte er auf seinen Blog, auf Twitter und Facebook – und tobt dazu mit seiner zitternden grauen Mähne, seinem Vollbart und seiner Sonnenbrille als nicht zu bändigendes Rumpelstilzchen über die Plätze der italienischen Städte, wo er durchaus geschmacklos und immer beleidigend alles und jeden veralbert, der und das in Italien bislang Rang und Namen hatte.

"Wir haben einen Krieg der Generationen begonnen", heißt es in einem Audio-Clip seines Blogs. "Alle anderen sind 'Loser', die schon seit 25 oder 30 Jahren unser Land in eine Katastrophe führen." In Genua feierte er seinen Sieg bis in den frühen Morgen hinein.

Er führt einen bissigen Aufstand an. Doch wohin er das Land führen wird, ist ungewiss. Gewiss ist nur, dass in Italiens Zukunftslabor mit Beppe Grillo der pure Nihilismus wieder in die Politik einbricht. Es ist die Rückkehr einer fürchterlichen "Bewegung".

Quelle: Reuters
26.02.13 1:04 min.
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