14.11.12

Israelische Offensive

Gaza-Angriff: Ägypten zieht Botschafter aus Israel ab

Sprecher von Präsident Mursi bezeichnet die Operation in Gaza als brutalen Angriff. Netanjahu bereit für Ausweitung der Offensive.

Von HA
Foto: REUTERS
Smoke rises after Israeli air strikes in the northern Gaza Strip
Die israelische Luftwaffe flog am Mittwoch mehr als 20 Angriffe auf den Gazastreifen

Gaza/Hamburg. Nach der gezielten Tötung des Militärchefs der Hamas, Ahmed al-Dschabari, durch Israel hat Ägypten seinen Botschafter aus dem jüdischen Staat abgezogen. Ein Sprecher von Präsident Mohammed Mursi sprach am Mittwoch von einem brutalen Angriff, bei dem mehrere Märtyrer ums Leben gekommen seien. Mursi habe deshalb den ägyptischen Vertreter bei den Vereinten Nationen angewiesen, eine Dringlichkeitssitzung des Sicherheitsrates einzufordern. Zudem sei der israelische Botschafter in Kairo einbestellt worden. Mursi hat seine Wurzeln in der Muslimbruderschaft.

Ein libanesischer Diplomat sagte, die Arabische Liga werde sich am Donnerstag oder Sonnabend in einer Sondersitzung mit den Luftangriffen auf den Gaza-Streifen befassen.

Die Lage in Gaza hat sich dramatisch zugespitzt. Bei mehr als 20 Angriffen starben am Mittwoch nach Angaben des Gesundheitsministeriums im Gazastreifen außer al-Dschabari weitere sieben Palästinenser. 37 Menschen seien verletzt worden, zehn von ihnen schwer.

Die Militärorganisation der Islamisten erklärte, mit der Tötung von Ahmed al-Dschabari habe der jüdische Staat das "Tor zur Hölle" aufgestoßen. Nachdem sich am Dienstagabend noch eine Entspannung angedeutet hatte, griff Israel mehrere Ziele in dem Küstenabschnitt an, darunter Polizeireviere der Hamas. Mehrere Menschen kamen ums Leben. Im Süden Israels wurde Alarmbereitschaft ausgelöst, am Donnerstag sollen alle Schulen geschlossen bleiben.

Zugleich schossen militante Palästinenser nach Angaben des Sprechers der israelischen Polizei, Mickey Rosenfeld, mindestens 20 Raketen Richtung Israel. In Beerscheva seien mehrere Autos durch Raketeneinschläge in Brand geraten und zwei Gebäude getroffen worden. Opfer habe es in Israel zunächst nicht gegeben. Das israelische Militär teilte mit, insgesamt 13 Geschosse aus dem Gazastreifen seien von der Raketenabwehr noch in der Luft zerstört worden.

Al-Dschabari war in seinem Auto unterwegs, als eine Rakete ihn und seine Begleiter tötete. Nur Minuten später erschütterten mehrere Explosionen Gaza-Stadt. In Panik rannten die Leute in Deckung. Israels Inlandsgeheimdienst bestätigte den gezielten Angriff auf den Top-Kommandanten und rechtfertigte ihn mit "jahrzehntelangen terroristischen Aktivitäten". Das Militär erklärte, mit der Operation sollte die Kommandokette der Hamas-Führung schwer beeinträchtigt werden. Al-Dschabari ist nach Angaben des israelischen Geheimdienstes unter anderem für den Angriff vor sechs Jahren verantwortlich, bei dem der Soldat Gilad Schalit entführt wurde. Nach fünf Jahren in Geiselhaft übergab der Top-Kommandeur Schalit persönlich den ägyptischen Vermittlern.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu betonte im Fernsehen, die israelische Offensive namens "Säule der Verteidigung", auch "Wolkensäule" genannt, werde länger andauern: "Sie wird nicht schnell beendet werden." Die israelischen Streitkräfte seien auf eine Ausweitung der Offensive vorbereitet. Die Militärführung teilte zuvor mit, es könnte auch eine Bodenoffensive geben.

Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas verlangte eine Krisensitzung der Arabischen Liga. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon und Bundesaußenminister Guido Westerwelle riefen die Parteien zur Mäßigung auf. "Es darf nicht zu einer neuen Spirale der Gewalt kommen, und wir rufen alle Seiten dazu auf, größtmögliche Zurückhaltung jetzt zu wahren", sagte Westerwelle.

Anders als die im Westjordanland regierende palästinensische Autonomiebehörde erkennen die Islamisten das Existenzrecht Israels nicht an. 2008/2009 kam es zu einem dreiwöchigen Krieg mit Israel, bei dem 1400 Palästinenser und 13 Israelis ums Leben kamen. Die Hamas fühlt sich durch den Führungswechsel im Nachbarland Ägypten ermutigt, wo eine Regierung mit Wurzeln in der Muslimbruderschaft die Macht übernommen hat.

Noch am Vortag hatten beide Seiten über den Mittler Ägypten die Bereitschaft zu einer Feuerpause signalisiert. Aus Verhandlungskreisen hatte es geheißen, weder die Palästinenser noch die Israelis wollten den Konflikt zu einem Krieg eskalieren lassen. Ministerpräsident Netanjahu hatte allerdings gewarnt, wer denke, er könne Israelis gefährden, ohne dafür einen sehr hohen Preis zu zahlen, mache einen Fehler.

Ausgelöst wurden die Auseinandersetzungen durch den Beschuss einer israelischen Patrouille durch radikale Islamisten. Israel griff daraufhin Ziele im Gazastreifen an und tötete mehrere Palästinenser. Die Hamas feuerte Raketen und versetzte Israelis im Süden in Angst und Schrecken.

Die Palästinenser-Organisation Hamas

Die radikal-islamische Hamas wurde 1987 gegründet. Die Palästinenser-Organisation herrscht seit 2007 im Gazastreifen.

Sie fordert in ihrer Charta die Zerstörung des Staates Israel und die gewaltsame Errichtung eines islamischen Staates Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer.

Der militärische Arm der Hamas, die Kassam-Brigaden, verübte Dutzende tödliche Anschläge auf Israelis. Die Hamas wird mit ihren Milizen unter anderem von Deutschland und den Vereinten Nationen als terroristische Vereinigung eingestuft.

Nach Schätzungen gehören ihr bis zu 40.000 Kämpfer an. Sie wird nach israelischen Angaben vom Iran und von Syrien mit Geld und Waffen unterstützt.

Die Hamas änderte nach 2007 ihre Strategie und zeigte Bereitschaft zu einer langfristigen Waffenruhe mit Israel. Bis zu einer solchen Vereinbarung setzt die auch im Sozialbereich engagierte Organisation weiter auf den bewaffneten Widerstand, wie sie ihre Angriffe auf Israels bezeichnet.

Bei der Parlamentswahl 2006 hatte die Fatah-Organisation des Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas, die größte Fraktion innerhalb der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO, ihre Mehrheit an die Hamas verloren. Das führte zur Spaltung der Autonomiegebiete.

Die Fatah kontrolliert seitdem nur noch das Westjordanland. Nach langer Feindschaft wurde im Februar 2012 eine gemeinsame Regierung der beiden rivalisierenden Gruppen vereinbart. Vereinbarte Wahlen fanden bislang aber nicht statt.

(dpa)

Mit Material von dpa und reuters
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