31.10.12

Schuldenkrise

Hoffnungsschimmer und Hiobsbotschaften für Griechen

Den Hilfssignalen der Euro-Partner stehen verheerende Wirtschaftsaussichten für 2013 gegenüber. Finanzminister erwartet tiefere Rezession.

Foto: DAPD
Greece Financial Crisis
Anlässlich der neuen Hiobsbotschften der griechischen Regierung gingen am Mittwoch wieder zahlreiche Demonstranten in Athen auf die Straße

Brüssel/Athen. Nach außen lassen die Euro-Partner Griechenland weiter zappeln, aber Athens Ruf nach mehr Zeit und Geld dürfte wohl bald erhört werden: Spätestens seit Mittwoch lautet die Frage nicht mehr ob, sondern wie und zu welchen Bedingungen den Hellenen das Wandeln auf dem entbehrungsreichen Spar- und Reformpfad erleichtert wird. Während aus dem Umfeld der Eurogruppe zaghafte Hoffnungssignale nach Athen drangen, musste Finanzminister Yannis Stournaras an der Heimatfront neue Hiobsbotschaften verkünden: Im griechischen Parlament sagte er für 2013 eine noch tiefere Rezession, noch höhere Schulden und kaum Entspannung auf dem Arbeitsmarkt voraus.

Mit Blick auf die "enormen Anstrengungen" der Griechen komme "ein etwas gemäßigterer Anpassungspfad" durchaus infrage, sagte der Chef der Arbeitsgruppe der 17 Finanzstaatssekretäre, Thomas Wieser, im Deutschlandradio Kultur. Der für Ende 2014 anvisierte Primärüberschuss (Haushaltssaldo ohne Schuldendienst) von 4,5 Prozent sei wegen der anhaltenden Rezession nur "sehr, sehr schwer erreichbar", weshalb das Ziel um "ein oder zwei Jahre verschoben werden könnte". Die so entstehende Finanzierungslücke könne ohne neue Kredite aus dem jetzigen Rettungsprogramm gedeckt werden, versicherte Wieser. Gerüchte über einen Schuldenerlass öffentlicher Gläubiger hätten indes "mit den Arbeiten der Troika nichts zu tun".

Am Nachmittag berieten dann die Euro-Finanzminister höchstselbst in einer dreistündigen Telefonkonferenz über verschiedene Hilfsinstrumente wie verlängerte Kreditlaufzeiten, niedrigere Zinsen und einen möglichen Rückkauf griechischer Staatsanleihen zu günstigeren Konditionen. Entschieden wurde nichts, aber "es ist noch alles auf dem Tisch", wie ein Teilnehmer sagte. Das gelte auch für automatische Ausgabenkürzungen beziehungsweise Steuererhöhungen bei nicht umgesetzten Reformen sowie die Idee eines Sperrkontos. Denkbar sei alles, hieß es bloß.

Eurogruppe fordert rasche Sparbeschlüsse

Eurogruppen-Präsident Jean-Claude Juncker lobte im Anschluss an die eigens anberaumte Telefonkonferenz der Ressortchefs zwar die Fortschritte in den Spar- und Reformverhandlungen zwischen den Schuldeninspektoren der Troika und der griechischen Regierung – rief Athen aber auch unmissverständlich auf, "die verbliebenen Unstimmigkeiten" schnellstmöglich auszuräumen. Ein Abschluss der Gespräche über das Anpassungsprogramm werde für das Eurogruppen-Treffen am 12. November ins Auge gefasst, sagte Juncker.

Ob es vier Tage vorher zu einem weiteren Treffen der Eurogruppe kommt, entscheidet sich nach Angaben aus deren Umfeld "Anfang der nächsten Woche". "Fakt ist, dass wir jetzt erst einmal die Beschlüsse des griechischen Parlaments abwarten müssen", sagte ein anderer Konferenzteilnehmer.

Dessen Abgeordnete sollen nächste Woche über ein umstrittenes Sparpaket von 13,5 Milliarden Euro für die kommenden zwei Jahre entscheiden, das Bedingung für weitere Kredite der internationalen Geldgeber ist, ohne die Athen schon im November in die Pleite rutschen könnte. Gegen das Sparprogramm, das Einschnitte bei Pensionen und Gehältern vorsieht und das Renteneintrittsalter von 65 auf 67 Jahre anheben soll, hat die Demokratische Linke (Dimar) Widerstand angekündigt, weitere Abweichler könnten die Koalitionsmehrheit gefährden. Auch schmerzhafte Arbeitsmarktreformen, wie die Abschaffung von Gehaltszulagen für Verheiratete und der gelockerte Kündigungsschutz, sind vielen Parlamentariern ein Dorn im Auge.

Stournaras erwartet tiefere Rezession und höhere Schulden

Eine bittere Pille mussten sie indes schon am Mittwoch schlucken: So korrigierte Stournaras die Neuverschuldungs-Prognose in seinem Haushaltsentwurf für 2013 von 4,2 Prozent auf 5,2 Prozent nach oben. Die Gesamtverschuldung soll um fast ein Zehntel auf 189,1 Prozent der Wirtschaftskraft klettern, die absolute Summe der Verbindlichkeiten auf satte 346,2 Milliarden Euro. Auch die sechste Rezession hintereinander soll mit 4,5 Prozent noch schlimmer ausfallen als befürchtet, die Rekordarbeitslosigkeit ebenfalls kaum sinken.

Trotz der schlechten Botschaften konnte die Regierung anschließend einen Gesetzesentwurf zur Privatisierung staatlicher Unternehmen durchs Parlament bringen. Die Abstimmung galt als Test für die fragile Koalition zwischen Konservativen, der sozialistischen PASOK und Dimar, aus der immerhin zwei Abgeordnete ausscherten.

Doch selbst nach Einschätzung der Euro-Finanzstaatssekretäre ist es derzeit "schwer möglich", solche staatlichen Firmenbeteiligungen oder Grundstücke etwa an Ausländer zu verkaufen, wie ihr Chef Wieser einräumte. Dies könnte ein Fingerzeig sein, dass die Frist für die angestrebten 50 Milliarden Euro an Privatisierungserlösen bis 2020 schon bald nach hinten gestreckt wird – auch wenn die Eurogruppe davon offiziell noch nichts wissen will.

Den Griechen selbst helfen solche Gedankenspiele ohne konkrete Entscheidungen vorerst nicht weiter. Und so riefen die Gewerkschaften aus Protest gegen das geplante Sparpaket zu einem 48-stündigen Generalstreik für den 6. und 7. November auf. Geplant sind Demonstrationen im Zentrum von Athen, und auch für Mittwochabend machten die Gewerkschaften zu einer Großdemonstration mobil. Berichte dazu werden die Griechen allerdings nicht wie gewohnt in den Medien finden: Aus Ärger gegen den Sparkurs ihrer Krankenversicherungen traten die griechischen Journalisten am Mittwoch in einen 24-stündigen Streik.

Die wichtigsten Etappen der Euro-Krise
Die wichtigsten Etappen der Euro-Krise
Mit einem unbegrenzten Anleihenkaufprogramm der EZB würde ein neues Kapitel im Kampf gegen die Schuldenkrise beginnen. Ihren Anfang nahm die Krise schon vor Jahren. Nachfolgend einige der wichtigsten Etappen im Kampf um die Stabilität der Währungszone:
Oktober 2009: Die neue griechische Regierung korrigiert die Staatsverschuldung drastisch nach oben, das Vertrauen in die Staatsfinanzen beginnt zu schwinden.
16. Dezember 2009: S&P stuft als zweite Ratingagentur Griechenlands Kreditwürdigkeit herab. Spekulationen um eine Staatspleite gehen um. Der Euro-Kurs bricht ein.
25. März 2010: Die Eurogruppe sagt Athen ein Hilfspaket von 110 Milliarden Euro aus bilateralen Krediten unter Beteiligung des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu.
7. Mai 2010: Trotz des Rettungsprogramms für Athen rauscht der Euro weiter in den Keller. Spanien und Portugal drohen in den Sog zu geraten. Weltweite Kursverluste schüren die Nervosität. Die EU-Staaten beschließen daraufhin einen Rettungsschirm für die gesamte Euro-Zone.
10. Mai 2010: Die EU-Finanzminister einigen sich auf die Ausgestaltung des 750 Milliarden Euro schweren Abwehrschirms EFSF unter Beteiligung des IWF.
29. Oktober 2010: Der EU-Gipfel gibt grünes Licht für begrenzte Vertragsänderungen und eine private Gläubigerbeteiligung. Die Märkte reagieren nervös, nun gerät Irland immer stärker unter Druck.
21. November 2010: Irland beantragt Hilfe aus dem Euro-Rettungsschirm.
28. November 2010: Die EU-Finanzminister gewähren Dublin ein Hilfspaket von 85 Milliarden Euro und einigen sich auf eine begrenzte Gläubigerbeteiligung bei künftigen Schuldenkrisen.
16. Dezember 2010: Der EU-Gipfel beschließt das Aufspannen eines permanenten Rettungsschirms (ESM) für die Zeit ab 2013.
14. Februar 2011: Die Euro-Finanzminister einigen sich darauf, den ESM mit 500 Milliarden Euro verfügbaren Mitteln auszustatten.
16. Mai 2011: Die Finanzminister der Währungszone beschließen ein 78 Milliarden Euro schweres Rettungspaket für Portugal.
21. Juli 2011: Auf einem Sondergipfel einigt sich die EU prinzipiell auf weitere Griechenland-Hilfen in Höhe von 109 Milliarden Euro.
16. September 2011: Die Verschärfung des Stabilitätspakts wird beschlossen. Durch die größte Reform der Währungsunion seit der Euro-Einführung 1999 sollen die Regierungen künftig mit härteren und früheren Sanktionen zum Sparen gezwungen werden.
29. September 2011: Der Bundestag winkt den erweiterten EFSF durch.
26. Oktober 2011: Der EU-Gipfel beschließt einen Schuldenschnitt für Griechenland von 50 Prozent. Banken und Fonds müssen auf 100 Milliarden Euro ihrer Forderungen verzichten.
5. Dezember 2011: Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Nicolas Sarkozy einigen sich darauf, über Vertragsänderungen automatische Sanktionen und Schuldenbremsen in der Eurozone einzuführen. S&P droht mit der Herabstufung von Deutschland, Frankreich und 13 weiteren Euroländern.
9. Dezember 2011: Nahezu alle Mitgliedstaaten vereinbaren beim EU-Gipfel in Brüssel nach zähen Verhandlungen einen Fiskalpakt, der Ende Januar endgültig beschlossen wird. Die EU schrammt an der Spaltung vorbei, nur Großbritannien und Tschechien stehen im Abseits.
13. Januar 2012: S&P senkt die Bonität Frankreichs um eine Stufe auf AA. Auch acht weitere Euro-Länder sind betroffen.
23. Februar 2012: Die Eurozone rutscht laut Konjunkturprognose der EU-Kommission im laufenden Jahr in die Rezession.
9. März 2012: Die Beteiligung privater Gläubiger an der Umschuldung Athens liegt bei 85,8 Prozent. Der Schuldenschnitt wird damit trotz hoher freiwilliger Beteiligung erzwungen.
14. März 2012: Die Eurogruppe gibt ein zweites Griechenland-Paket frei. Der IWF beteiligt sich daran mit 28 Milliarden Euro.
27. März 2012: Die OECD empfiehlt eine ESM-Aufstockung auf mindestens eine Billion Euro.
30. März 2012: Die Eurogruppe einigt sich auf eine Stärkung ihrer Rettungsschirme auf maximal 800 Milliarden Euro. Die spanische Regierung beschließt das größte Sparpaket seit Wiedereinführung der Demokratie im Jahr 1977 in Höhe von 27 Milliarden Euro.
13. April 2012: Portugal ratifiziert den EU-Fiskalpakt.
20. April 2012: Griechenland bekommt eine erste Hilfstranche für den Bankensektor.
23. April 2012: Der Rückgang der Wirtschaftsleistung im ersten Quartal von 0,4 Prozent lässt Spanien wieder in die Rezession rutschen.
26. April 2012: S&P stuft Spanien herab von A auf BBB+.
9. Mai 2012: Die spanische Regierung übernimmt Kontrolle über die angeschlagene Großbank Bankia.
17. Mai 2012: Die Bankia-Aktien brechen nach Berichten über Massenabhebungen von Kunden ein.
22. Mai: 2012 Die OECD warnt vor dem Risiko einer schweren Rezession in der Eurozone.
30. Mai 2012: Die EU-Kommission will Spanien unter Auflagen ein Jahr mehr Zeit zum Erreichen der Defizitgrenze von drei Prozent geben.
31. Mai 2012: Der italienische Ministerpräsident Mario Monti fordert direkte Bankenhilfe aus den Euro-Rettungsfonds.
1. Juni 2012: Die Iren stimmen mit 60,3 Prozent für den Fiskalpakt.
5. Juni 2012: Die spanische Regierung räumt zunehmende Probleme ein, sich an den internationalen Finanzmärkten Geld zu beschaffen. Madrid ruft die EU zu direkten Hilfen für spanische Banken auf.
8. Juni 2012: Die spanischen Geldhäuser benötigen nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) mindestens 40 Milliarden Euro.
9. Juni 2012: Spaniens Regierung kündigt an, zur Sanierung der maroden Banken ein Rettungspaket light zu beantragen. Die Eurogruppe sagt Madrid bis zu 100 Milliarden Euro zu.
12. Juni 2012: Europa wappnet sich für den Ernstfall: Für den Fall eines Wahlsiegs der Linksradikalen in Griechenland werden hinter den Kulissen Grenzkontrollen diskutiert, um Kapitalflucht zu verhindern. Selbst von der Einschränkung von Bargeldabhebungen ist die Rede.
17. Juni 2012: Bei der Neuwahl in Athen siegen die reformwilligen Konservativen. Europa atmet auf, das Schreckensszenario eines griechischen Euro-Austritts scheint zumindest vorerst gebannt.
18. Juni 2012: Nach dem Wahlergebnis in Griechenland werden verstärkt Rufe laut, den Rettungsplan neu zu verhandeln und Athen mehr Zeit zum Erreichen seiner Sparziele zu geben.
21. Juni 2012: Beim Treffen der EU-Finanzminister lehnen die Nordländer Erleichterungen für das griechische Spar- und Reformprogramm ab. Am selben Tag legen zwei unabhängige Firmen ihre Prognosen vor, wonach Spaniens Banken bis zu 62 Milliarden Euro frisches Kapital brauchen.
25. Juni 2012: Nach langem Zögern flüchten Spanien und auch Zypern unter den Euro-Rettungsschirm. Der genaue Finanzierungsbedarf beider Länder zur Rekapitalisierung ihres Bankensektors ist noch unklar.
29. Juni 2012: Nach einem Beschluss des EU-Gipfels bekommen strauchelnde Länder erleichterten Zugang zu den Rettungsschirmen, wenn sie den Brüsseler Spar- und Reformverpflichtungen nachkommen. Zudem sollen Banken Direkthilfen aus dem ESM bekommen dürfen, sobald eine europäische Bankenaufsicht geschaffen worden ist.
Weil der Gipfel zugleich ein milliardenschweres Wachstumspaket beschließt, billigen Bundestag und Bundesrat sowohl den Fiskalpakt als auch den ESM.
9. Juli 2012: Die Eurogruppe segnet die in einem Memorandum festgehaltenen Bedingungen des spanischen Hilfspakets grundsätzlich ab. Madrid soll bis zu 100 Milliarden an EFSF-Krediten erhalten und verpflichtet sich, im Gegenzug bestimmte Auflagen zu erfüllen.
16. Juli 2012: Das Bundesverfassungsgericht gibt bekannt, sein Urteil über die Eilanträge gegen den ESM und Fiskalpakt am 12. September fällen zu wollen.
19. Juli 2012: Mit großer Mehrheit genehmigt der Bundestag das bis zu 100 Milliarden Euro schwere Hilfspaket für Spaniens Banken. Damit kann Finanzminister Wolfgang Schäuble dem Programm in der Eurogruppe zustimmen.
20. Juli 2012: Nach dem grünen Licht des Bundestags beschließt die Eurogruppe das 100 Milliarden Euro schwere Bankenpaket für Spanien.
26. Juli 2012: Mit seinem Versprechen, die Europäische Zentralbank werde "alles tun, was zum Schutz des Euros notwendig ist", löst EZB-Chef Draghi ein Kursfeuerwerk an den Börsen aus und schürt Hoffnungen auf eine baldige Anleihenkauf-Aktion der Währungshüter.
3. August 2012: Die spanische Regierung legt ein mehr als 100 Milliarden Euro schweres Sparprogramm vor.
Quelle: dapd
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