Iran
Beim Atomprogramm ist auch Mussawi unnachgiebig
Was sich derzeit im Zentrum von Teheran abspielt, ist überwiegend ein Aufstand der Jungen, der Gebildeten, der Weltoffenen.
Die Hoffnungen der städtischen Mittelschicht waren auf Ahmadinedschads Herausforderer Mussawi gerichtet, der eine Lockerung der strengen islamischen Vorschriften in Aussicht zu stellen schien.
Doch die weit weniger beachteten Bilder von Iranern, die sich während der Auftritte Ahmadinedschads auf kostenlose Essenspakete und Gratis-Kartoffeln stürzten, zeigen eine andere Seite. Dies sind die Menschen, deren Unterstützung den Hardliner bereits bei der Präsidentenwahl vor vier Jahren an die Macht brachten.
Jeden Freitag kommen Tausende von ihnen zum zentralen Freitagsgebet in der Teheraner Universität: Frauen, tief verschleiert mit schwarzen Tüchern, Männer mit Bärten, Plastiksandalen und staubigen Anzughosen. "Ahmadinedschad ist ein guter Mensch, ehrlich und mutig, er steht auf der Seite der Armen", sagt zum Beispiel Fatima, 64 Jahre alt. "Die Reformer wollen Frauen ermuntern, ihre Schleier nachlässig und schlecht anzulegen. Das aber ist gegen die Gesetze der Religion."
So hat die Wahl vor allem auch die tiefen Risse offengelegt, die sich durch die iranische Bevölkerung ziehen. Zweifelhaft ist jedoch, ob der Iran unter einem Präsidenten Mussawi tatsächlich ein anderes Land würde.
Rein äußerlich scheint der Architekt mit kultiviertem Auftreten und sanfter Stimme das genaue Gegenteil des polternden, aggressiven, ständig beigefarbene Windjacken tragenden Amtsinhabers zu sein. Er amtierte in den 80er-Jahren, während des iranisch-irakischen Krieges, als Ministerpräsident und trat erst wieder in die politische Arena, als er in diesem Frühjahr seine Kandidatur bekannt gab. Die Zeit dazwischen wird von den iranischen Medien "20 Jahre Schweigen" genannt. Obwohl Mussawi den Iranern als Politiker in Erinnerung geblieben ist, der das Land mit fester Hand und kluger Wirtschaftsstrategie durch turbulente Zeiten steuerte, so war er gleichsam Teil einer Regierung, die Regimekritik mit aller Härte niederschlug. Während seiner Amtszeit, 1980 bis 1988, wurden Dissidenten hingerichtet, amerikanische Diplomaten als Geiseln gehalten und die Fatwa gegen den britischen Autoren Salman Rushdie formuliert.
"Vergessen Sie nicht, dass wir damals mitten in einem Krieg steckten, das kann man nicht mit der jetzigen Situation vergleichen", meint der politische Analyst Saeed Laylaz. "Daher wäre es falsch, aus seiner damaligen Politik Rückschlüsse zu ziehen, was für ein Präsident er heute gewesen wäre."
Während des Wahlkampfs hat Mussawi zwar die Notwendigkeit betont, mit den USA zu verhandeln, er sagte aber auch, bei der Frage nach dem umstrittenen Atomprogramm des Landes nicht zum Nachgeben bereit zu sein. "Sollte es ihm gelingen, die Vorstellungskraft der iranischen Öffentlichkeit zu gewinnen, dann könnte die Welt einen Präsidenten Mussawi erwarten, der irgendwo zwischen dem ausgleichenden Reformismus Chatamis und dem schrillen Nationalismus Ahmadinedschads steht", hat das Magazin "Foreign Policy" vor der Wahl prophezeit.



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