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Ausland

Während das Volk hungert, baut das Regime Atombomben

Der kranke Mann am Zünder

Kim Jong-il will offenbar mit dem Nukleartest von innenpolitischen Verwerfungen ablenken. Sind seine Tage gezählt?

Kim Jong-il posiert mit Soldaten seiner Volksarmee.
Foto: DPA

Hamburg. Der Verfall ist alarmierend und hat vielleicht Symbolcharakter für das Regime. Aktuelle Fotos des "Großen Führers" Nordkoreas zeigen einen gebrechlichen, blassen Greis mit schütteren Haaren und verdrießlicher Miene. Kim Jong-il, Herr über die fünftgrößte Armee der Welt, eine Atombewaffnung im Embryonalstatus und ein geknechtetes Volk, ist ganz offensichtlich kein gesunder Mann. Im vergangenen August soll der an Herzinsuffizienz und Diabetes leidende Kim mindestens einen schweren Schlaganfall erlitten haben. Der jüngste Atomtest mit der voraussehbaren internationalen Empörung könnte unter anderem auch dem Zweck dienen, von innenpolitischen Verwerfungen abzulenken. Das Regime in Pjöngjang ist eine kommunistische Erbdynastie, die in Sachen Personenkult selbst die Tyranneien eines Josef Stalin oder eines Saddam Hussein in den Schatten stellt.

Der Tod Kim Jong-ils könnte eine politische Zäsur einleiten, deren Konsequenzen noch gar nicht absehbar sind. So kurios die Verherrlichung des Despoten für westliche Augen auch aussehen mag, so albern die Bestrebungen des klein gewachsenen Kim auch wirken mögen, sich mittels Plateausohlen und turmartiger Toupierung des Haupthaares optisch zu strecken - unterschätzen sollte man ihn nicht.

Der Machtmensch Kim Jong-il ist eitel, verschlagen und vollkommen skrupellos. Er lässt in großem Stil mit Rauschgift und Atomtechnologie handeln und gilt als Drahtzieher eines Attentats auf den südkoreanischen Präsidenten Chun Doo-hwan am 9. Oktober 1983 in Birmas Hauptstadt Rangun, bei dem Chun überlebte, aber 21 weitere Menschen starben. Er soll auch den Bombenanschlag auf den Korea-Airlines-Flug 858 über der Andamanensee am 29. November 1987 befohlen haben, bei dem alle 115 Passagiere ums Leben kamen. Sein Regime hält das eigene Volk wie in einer Isolierhaft; mehr als 200 000 Nordkoreaner sollen in Straflagern unter entsetzlichen Bedingungen vegetieren; Exekutionen sind in Nordkorea an der Tagesordnung.

Im Westen neigt man dazu, Kim als "Irren mit der Bombe" zu porträtieren. Psychopathische Züge hat er zweifellos, dumm ist er aber nicht. Kim hat in Pjöngjang Wirtschaftslehre, Philosophie und Militärische Wissenschaften studiert und nebenher als Techniker und Mechaniker gearbeitet. Er hat eine klassische Parteikarriere absolviert und in der Regierungszeit seines Vaters Kim Il-sung wirtschaftspolitische Kampagnen initiiert.

 

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Chronologie des Atomstreits mit Pjöngjang

Kims Herkunft ist sehr bescheidener Natur; eine Tatsache, die das Regime nach Kräften zu verschleiern sucht. Geboren wurde er als Juri Irsenowitsch Kim in einem sowjetischen Lager im Dorf Wjetakoje bei Chabarowsk. Seine Eltern hatten dort Zuflucht vor den Japanern gesucht. Seine Mutter starb früh; der Junge wurde von seiner Stiefmutter und dem Über-Vater tyrannisiert.

In der offiziellen Biografie Nordkoreas liest sich das alles etwas erbaulicher. Danach kündigte eine Schwalbe Kims Geburt an; als er am 16. Februar am heiligen Berg Paektu das Licht der Welt erblickte, illuminierten ein doppelter Regenbogen und ein heiliger Stern die Ankunft des "Erleuchteten". Nach Angaben von geflohenen Dissidenten werden Kim und sein 1994 gestorbener Vater geradezu vergöttlicht.

Für unverletzlich hält sich Kim Jong-il aber nicht: Aus Angst vor dem Fliegen absolviert er seine Reisen in einem schwer gepanzerten Luxuszug. Und seine Vorlieben sind äußerst irdisch: So wird berichtet, dass sich der heute in vierter Ehe verheiratete Tyrann gern mal Damen aus speziell abkommandierten "Vergnügungsteams" zuführen lässt. Kim gilt auch als großer Basketball-Fan - weshalb ihm die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright einmal einen von Superstar Michael "Air" Jordan signierten Ball mitbrachte. Seine private Video-Sammlung soll mindestens 20 000 Filme umfassen, neben amerikanischen Klassikern auch viele handfeste Pornostreifen.

Seine Film-Leidenschaft ging so weit, dass er 1978 den südkoreanischen Regisseur Shin Sang-ok und seine Frau, die Schauspielerin Choi-Eun-hee, entführen ließ - das Paar sollte Nordkoreas Filmindustrie weiter aufbauen.

Kim soll 17 mit Luftabwehrraketen und Bunkern gesicherte Paläste besitzen. Und wer sich der "Sonne der Menschheit" unerlaubt nähert, wird von seinem Leibwächtertross kurzerhand erschossen - so soll es mehreren verirrten Fischern vor Kims Villa am Meer ergangen sein. Der Despot lässt es sich wohl sein, während sein Volk darbt. 2,5 Millionen Menschen - ein Zehntel der Nordkoreaner - sollen bei Hungersnöten allein 1998/99 gestorben sein. Das Regime pries "Ersatznahrung" aus Gräsern, Blättern und Kiefernnadeln an. Die krude "Juche"-Ideologie einer kommunistischen Autarkie hat das Land wirtschaftlich ruiniert - und fast alle Ressourcen gehen ans Militär. Die Koreanische Volksarmee umfasst 1,2 Millionen aktive Soldaten und 4,7 Millionen Reservisten. Beunruhigend am Atomprogramm des Landes ist auch, dass Nordkoreas Streitkräfte über Kurz-, Mittel- und sogar Interkontinentalraketen verfügen.

 

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