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Politik

Die Zeugen des Grauens

DSCHENIN Von dem Flüchtlingslager sind nur noch Trümmer übrig. Helfer sind geschockt vom Ausmaß der Zerstörung. Israel spricht von einem Erfolg. Dschenin/Jerusalem

Das ganze Ausmaß der menschlichen Tragödie verbirgt sich unter 800 Schuttbergen. So viele Häuser und Notunterkünfte von Palästinensern sind im Flüchtlingslager von Dschenin im Westjordanland nach Angaben von UNO-Hilfsorganisationen gesprengt, zerschossen oder einfach dem Erdboden gleichgemacht worden. Die israelische Armee hat am Freitag das Zentrum des tagelang umkämpften Flüchtlingslagers verlassen und einen Belagerungsring um das Camp gezogen. Israel erklärte Dschenin zum Sperrgebiet, erlaubte aber Vertretern von Hilfsorganisationen den Zugang zum Lager. Ihnen bot sich ein schreckliches Bild: Mit Schaufeln, teils mit bloßen Händen suchten die Bewohner in den Trümmern nach Vermissten. Ein fürchterlicher Gestank nach verwesenden Leichen erfüllte die Luft. Von den meisten Häusern im Zentrum ist nur ein riesiger Haufen von Steinen und Betonpfeilern übrig geblieben. Während Helfer einen abgerissenen Kinderfuß hervorzogen, rief ein Bewohner den Journalisten, die ebenfalls in das Lager durften, zu: "Da seht ihr, was Israel macht." 26 Leichen wurden bislang geborgen. Helfer des Roten Halbmondes entdeckten einen Überlebenden, der tagelang unter Schutt begraben war. Der Mann wurde sofort in ein Krankenhaus gebracht. Der UNO-Sondergesandte für Nahost, Terje Roed-Larsen, sagte: "Kein Ziel kann eine solche Aktion rechtfertigen." Die Zustände in Dschenin seien "unvorstellbar schrecklich". An einigen Stellen seien "die Schuttberge drei Stockwerke hoch", berichtete der Sprecher des UNO-Hilfswerkes für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA), Rene Aquarone. "Viele beschädigte Häuser stehen vor dem Einsturz. Wir müssen Menschen davon überzeugen, nicht weiter in dem Schutt zu wühlen." Die Menschen ließen sich davon aber kaum abhalten, zumal Verschüttete verzweifelt nach Hilfe riefen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte abermals vor dem Ausbruch von Seuchen. Die Rettungsaktion glich einem Rennen im Schneckentempo gegen die Zeit. Sprengstofffallen und Rückstände von Explosivstoffen blieben die größten Hindernisse. Norwegen, die Schweiz, die Türkei, Frankreich und die USA boten die Entsendung von Experten an. Israel, das über schwere Räumtechnik verfügt, hat den Hilfsorganisationen keine Unterstützung angeboten. Nach palästinensischen Angaben sind in Dschenin bis zu 400, nach israelischen Angaben etwa 70 Palästinenser getötet worden. Die Palästinenser hatten Israel vorgeworfen, in Dschenin ein "Massaker" an Zivilisten angerichtet zu haben. Israel wies die Vorwürfe zurück. Dschenin sei ein "Hornissennest des Terrors" gewesen, sagte ein Militärsprecher. Der Einsatz sei ein Erfolg gewesen, weil Israel damit zehn bevorstehende Selbstmordanschläge habe verhindern können, hieß es in Regierungskreisen. Der israelische Brigadegeneral Ejal Schlein erklärte, seine Truppen hätten in Dschenin die "Infrastruktur des Terrors" - Sprengstofflabore, Leiter und Organisationen und auch Terroristen - vernichtet. Die israelische Öffentlichkeit reagiert mit Unverständnis auf die internationale Empörung über die Zerstörungen in Dschenin. Die Zeitung "Maariv" sprach zwar von einer "Tragödie", Schuld daran aber seien "die Palästinenser selbst". Israel habe sogar "zurückhaltend" reagiert: "Wir haben weder das Lager durch Flächenbombardements aus der Luft ausradiert, noch haben wir die Häuser mit Artillerie beschossen." Zum ersten Mal sprach sich am Freitag auch US-Präsident George W. Bush für eine Untersuchung des israelischen Vorgehens in Dschenin aus. Diese sollten die UNO und das Rote Kreuz gemeinsam vornehmen.

 

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