12.08.12Salafisten fühlen sich verfolgt
Radikale Islamisten reisen verstärkt aus Deutschland ab
Statt ins afghanische Krisengebiet zögen die meist als gewaltbereit eingestuften Salafisten zunächst nach Ägypten berichtet der "Spiegel".
Foto: dpa/DPA
Immer mehr Salafisten reisen aus Deutschland ab. Das Ziel ist zumeist Ägypten (Symbolbild)
Berlin. Deutsche Sicherheitsbehörden beobachten laut "Spiegel" seit einigen Wochen eine Reisewelle radikaler Islamisten ins Ausland. Statt ins pakistanisch-afghanische Krisengebiet zögen die zumeist als gewaltbereit eingestuften Salafisten zunächst nach Ägypten. Sie folgten dem österreichischen Hassprediger Mohamed Mahmoud, Chef des im Juni verbotenen Netzwerks Millatu Ibrahim, berichtete das Nachrichtenmagazin.
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Der 27-jährige Mahmoud habe im Frühjahr Deutschland verlassen, um seiner Ausweisung zuvorzukommen. Aus abgefangenen E-Mails und belauschten Telefonaten gehe hervor, dass sich viele Salafisten nach dem
Millatu-Ibrahim-Verbot
und
Razzien
in der Szene verfolgt fühlten. Am Nil wollen sie nun "den wahren Islam" leben oder im "Dschihad gegen Ungläubige" kämpfen, wie es heißt.
Etwa 20 Anhänger von Mahmoud, unter ihnen der Berliner Ex-Rapper und Konvertit Denis Cuspert alias Deso Dogg, seien bereits abgereist. 30 weitere Islamisten "sitzen auf ihren Koffern", sagte ein hochrangiger Sicherheitsbeamter. Staatsschützer befürchten demnach, dass Terrororganisationen wie Al-Kaida das Machtvakuum nach dem Arabischen Frühling in Ägypten nutzen könnten, um dort eigene Strukturen aufzubauen. Aus Ägypten reisen die Dschihadisten möglicherweise in afrikanische Krisenherde wie Somalia und Mali oder schließen sich Al-Kaida im Maghreb an. (dpa)
Der Salafismus ist eine islamisch-fundamentalistische Strömung. Ihr Vorbild sind die "Vorfahren", arabisch "salaf", der ersten drei Generationen von Muslimen.
Die "Vorfahren" lebten nach Meinung der Salafisten den "reinen Islam" der Frühzeit während und kurz nach den Offenbarungen Mohammeds.
Diesen vermeintlichen Idealzustand des 7. Jahrhunderts wollen die Salafisten konservieren; sie imitieren ihn bis hin zu Barttracht, Bekleidung und Alltagsgewohnheiten wie der Benutzung des Zahnputzholzes.
Ähnliche fundamentalistische Strömungen gab es während der islamischen Geschichte immer wieder. Seit dem 19. Jahrhundert erlebte der Salafismus mit den Herausforderungen durch den Westen eine Renaissance.
Der salafistische Islam ist geprägt von einem buchstabengetreuen Koranverständnis und Intoleranz gegenüber anderen Denkweisen.
Die Salafisten lehnen auch die sunnitisch-orthodoxe Theologie und die islamischen Rechtsschulen ab, weil sie unzulässige Neuerungen in den Islam gebracht und zur Spaltung der Muslime beigetragen hätten.
Selbst einen Großteil der unter Orthodoxen gültigen Prophetenüberlieferungen verwerfen sie als nicht authentisch.
Ein Teil der Salafisten ist zwar gegen Gewalt zur Durchsetzung eines Gottesstaates, allerdings existiert ein dschihadistischer Flügel mit Verbindungen zur islamistischen Terrorszene.
In Deutschland ist der Salafismus laut Verfassungsschutz die dynamischste islamistische Bewegung. Prediger wie der Konvertit Pierre Vogel erreichen vor allem Jugendliche.
Schätzungen zufolge gibt es bis zu 5.000 Salafisten und mehrere Dutzend salafistisch dominierte Moscheen.