11.08.12

Chemiewaffen in Syrien?

Worst-Case-Abwägung: USA und Türkei bereiten sich auf Extremszenario vor

Derweil gingen die Regierungstruppen in Aleppo mit unverminderter Gewalt gegen Aufständische vor. Aktivisten berichteten von anhaltend heftigem Bombardement der Wirtschaftsmetropole. Im Zentrum der Hauptstadt Damaskus explodierten zwei Bomben. Unterdessen berichtete ein der Regierung von Assad nahestehender syrischer Fernsehsender von der Entführung vier seiner Mitarbeiter.

Istanbul. Die USA und die Türkei stellen sich auf ein mögliches Extremszenario in Syrien ein. Dazu gehöre, dass das Regime von Präsident Baschar Assad Chemiewaffen gegen Aufständische einsetzen könnte, sagten US-Außenministerin Hillary Clinton und ihr türkischer Kollege Ahmet Davutoglu am Samstag nach einem Treffen in Istanbul. Derweil gingen die Regierungstruppen in Aleppo mit unverminderter Gewalt gegen Aufständische vor. Aktivisten berichteten von anhaltend heftigem Bombardement der Wirtschaftsmetropole. Im Zentrum der Hauptstadt Damaskus explodierten zwei Bomben. Unterdessen berichtete ein der Regierung von Assad nahestehender syrischer Fernsehsender von der Entführung vier seiner Mitarbeiter.

Angesichts der immer dramatischeren Lage in Syrien haben sich die USA und die Türkei auf die Bildung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe verständigt, wie Clinton und Davutoglu am Samstag mitteilten. Der Krisenstab werde für die Koordination der Reaktion auf militärischer, geheimdienstlicher und politischer Ebene verantwortlich sein, sollte es zu einem Angriff mit Chemiewaffen kommen.

Im Juli hatte der Sprecher des syrischen Außenministeriums für den Fall eines Angriffs von außen mit dem Einsatz chemischer und biologischer Waffen gedroht. Dabei versicherte er, dass das Regime die Waffen nie gegen die eigene Bevölkerung einsetzen würde. Die Stellungnahme galt als erstes Eingeständnis, dass Damaskus wie vermutet Massenvernichtungswaffen besitzt. Allerdings ruderte das Regime später wieder zurück und wollte die Existenz solcher Waffen weder bestätigen noch leugnen.

Die türkisch-amerikanische Arbeitsgruppe werde das Engagement der Geheimdienste und Streitkräfte beider Länder verstärken, sagte Clinton weiter. Man habe zwar bereits im Laufe des Konflikts eng zusammengearbeitet. "Aber jetzt müssen wir uns mit den Einzelheiten einer solchen Einsatzplanung auseinandersetzen. Und das muss auf bilateraler Regierungsebene geschehen", sagte Clinton.

Ihr Kollege Davutoglu stellte eine mögliche Einrichtung einer sogenannten "Sicherheitszone" in Syrien in Aussicht, falls die humanitäre Krise einen massiven Strom von Flüchtlingen auslöse, die besonders durch Angriffe der Regierungstruppen gefährdet seien. Schon jetzt hätten 55.000 Syrer in der benachbarten Türkei Zuflucht gesucht, sagte Davutoglu. Täglich kämen 2.000 bis 3.000 weitere Menschen ins Land. Die meisten flohen aus der seit zwei Wochen erbittert umkämpften syrischen Stadt Aleppo.

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind inzwischen fast 150.000 Menschen aus Syrien in Nachbarländer geflohen. Behördenvertreter gehen jedoch davon aus, dass die Zahl der Flüchtlinge eher bei mehr als 200.00 liegen dürfte, da sich nicht alle Flüchtlinge als solche registrieren lassen.

Während ihres Besuchs in Istanbul wollte sich Clinton auch mit syrischen Flüchtlingen treffen, für die die Hilfe aus Washington Kreisen zufolge aufgestockt werden soll. Für den Tagesverlauf waren auch Gespräche mit dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan und Staatschef Abdullah Gül sowie Vertretern der syrischen Opposition geplant.

Aktivisten rechnen mit Stürmung eines Viertels von Aleppo

In Aleppo nahm die Armee nach Angaben der in London ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte das von Rebellen gehaltene Stadtviertel Al Sukkari unter Beschuss. Die Aktivisten gingen davon aus, dass die Regierungstruppen das Viertel noch am (heutigen) Samstag stürmen würden. Auch das angrenzende Stadtviertel Saif al Dawla sei von Raketen getroffen worden, hieß es am Samstag auf der Webseite des Aktivistennetzwerks.

Bewaffnete verübten derweil in der Innenstadt von Damaskus laut einem Medienbericht zwei Bombenanschläge. Das syrische Staatsfernsehen berichtete, die Behörden fahndeten nach dem Vorfall nach einer "Terroristengruppe". Einer der unter einem Baum versteckten Sprengsätze sei am Samstag im zentralen Bezirk Mardsche explodiert, als ein Fahrzeug mit Soldaten vorbeigefahren sei, sagte ein Behördenvertreter vor Ort der Nachrichtenagentur AP. Anschließend hätten die Attentäter das Feuer auf Zivilisten eröffnet, hieß es weiter. Verletzt wurde niemand. Im Zusammenhang mit Aufständischen, die das Regime von Assad bekämpfen, sprechen die Behörden für gewöhnlich von "Terroristen".

Weitere Einzelheiten waren zunächst nicht zu erfahren, allerdings berichteten Einwohner der Hauptstadt, dass sie eine laute Explosion sowie anschließend Schüsse gehört hätten.

Offenbar vier Reporter verschleppt

Unterdessen berichtete ein der Regierung von Assad nahestehender syrischer Fernsehsender von der Entführung vier seiner Mitarbeiter. Drei Journalisten und ihr Fahrer seien am Freitag in Al Tal, einem nördlich gelegenen Vorort der Hauptstadt Damaskus, von Bewaffneten verschleppt worden, als sie von dort berichtet hätten, sagte der Geschäftsführer des Fernsehsenders Al Ichbarija, Imad Sarah. In der Gegend kam es am Samstag zu Kämpfen zwischen Regierungstruppen und Aufständischen. Letztere bestätigten die Entführung zunächst nicht.

Al Ichbarija und andere Fernsehsender, die der syrischen Regierung nahestehen, sind seit Beginn des Aufstands gegen das Assad-Regime im März 2011 häufig Ziel von Anschlägen geworden. Vor wenigen Tagen wurde die Zentrale des syrischen Staatsfernsehens in Damaskus von einer Bombenexplosion erfasst. Dabei wurden mehrere Mitarbeiter verletzt.

Zur Beilegung des Syrien-Konflikts soll nach dem Rücktritt Kofi Annans offenbar der ehemalige algerische Außenminister Lakhdar Brahimi als neuer Syrien-Beauftragter benannt werden. Der 78-jährige war von 1991 bis 1993 algerischer Außenminister und hatte seit 1994 mehrere ranghohe Posten bei den Vereinten Nationen inne, unter anderem als Gesandter für Afghanistan, Haiti und den Irak. Als Repräsentant der Arabischen Liga handelte er das Ende das Bürgerkriegs im Libanon mit aus. 2005 ging Brahimi in den Ruhestand.

(dapd)

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