01.08.12

Kampf um Aleppo

Assad: Syriens Schicksal hängt von dieser Schlacht ab

Kampfjets bombardieren die Welterbestadt, Rebellen lynchen regimetreue Milizen. Aleppo erlebt einen der brutalsten Tage des Konflikts.

Foto: AFP
Rebellen der Freien Syrischen Armee zerren mutmaßliche Mitglieder der regimetreuen Shabiha-Miliz über eine Straße in Aleppo
Rebellen der Freien Syrischen Armee zerren mutmaßliche Mitglieder der regimetreuen Shabiha-Miliz über eine Straße in Aleppo

Damaskus/Kairo. "Das Schicksal unseres Volkes und unserer Nation - in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - hängt von dieser Schlacht ab", verkündete Syriens Präsident Baschar al-Assad am Mittwoch im Magazin der Armee. Prompt wurden die Angriffe auf Aleppo, Wirtschaftsmetropole und größte Stadt des Landes, intensiviert. Kampfjets bombardierten die Häuser - unter den Augen UN-Beobachter. Die Schlacht um die Millionenmetropole, dessen Altstadt vor einem Vierteljahrhundert zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt wurde, soll die Fronten endgültig klären und den Rebellen den Todesstoß versetzen. Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International sieht in der Offensive gegen Aleppo einen neuen Höhepunkt der Brutalität. Doch auch die Rebellen schrecken nicht vor Gewalttaten zurück.

+++Syrische Truppen schießen auch auf Demonstranten+++

+++Kämpfe in christlichem Viertel von Damaskus+++

Ein Video, das am Mittwoch auf der Internet-Plattform YouTube auftauchte, zeigt, wie drei oder vier Männer in Unterhosen in einen Schulhof geführt, an eine Mauer gesetzt und anschließend aus halbautomatischen Waffen erschossen werden. Es sollen Anführer der gefürchteten regimetreuen Schabiha-Miliz hin. Die Echtheit des Videos und seiner Inhalte sind für Außenstehende allerdings nicht überprüfbar. In der englischen Beschreibung wird einer der Hingerichteten als Ali Sain al-Abdin Barre ("Zeno") beschrieben. Als Chef des Barre-Clans und der von ihm gebildeten lokalen Schabiha-Miliz soll er für die Tötung von 15 Aufständischen verantwortlich gewesen sein. Die Schabiha-Milizen haben beim Kampf gegen Regimekritiker völlig freie Hand und stehen dabei praktisch außerhalb des Gesetzes.

Die UN-Beobachter berichteten auch, dass die Aufständischen weiter aufrüsteten und inzwischen sogar Panzer hätten. Die Herkunft war zunächst unklar. Die Freie Syrische Armee (FSA) wird von den Golfstaaten Katar und Saudi-Arabien unterstützt. Es ist aber auch zu vermuten, dass die Aufständischen bei ihren jüngsten Eroberungen selbst Waffen erbeutet haben. Auch das Regime mache "intensiven Gebrauch" von schweren Waffen, darunter Helikopter, Panzer, Artillerie und schwere Maschinengewehre. Machthaber Baschar al-Assad schickte seine Truppen mit markigen Parolen in die "Entscheidungsschlacht". In einer schriftlichen Botschaft zum Tag der Armee lobte er das Militär für seine Ausdauer in der Bekämpfung "krimineller terroristischer Banden". Assad erklärte den Sodaten, sein Vertrauen in sie sei groß. "Auch das Vertrauen unseres Volkes ist groß, dass ihr die Verteidiger seiner gerechten Sache seid."

Wo sich Assad aufhält und wann er sich äußerte, war unklar. Zwei Wochen lang hat sich der Präsident nicht mehr in der Öffentlichkeit gezeigt, seit bei einem Anschlag in der Hauptstadt Damaskus vier Mitglieder seines Machtzirkels getötet wurden.

+++Hunderttausende fliehen aus umkämpftem Aleppo+++

+++Militärkrankenhaus in Aleppo von Rebellen angegriffen+++

In einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht zeichnet Amnesty International ein schonungsloses Bild von Gewalt, Folter und Unterdrückung im Land. "Jede Demonstration, die ich in Aleppo beobachtet habe, endete damit, dass Sicherheitskräfte das Feuer auf die friedlichen Demonstranten eröffneten", sagte Donatella Rovera, die sich Ende Mai selbst in Aleppo ein Bild von der Lage gemacht hat. Der Report dokumentiert nach Darstellung von Amnesty, wie Regierungstruppen und die Schabiha-Miliz Protestierende verletzen und töten. Auch vor Unbeteiligten und Kindern werde nicht haltgemacht. Ärzte und Krankenschwestern hätten sich selbst in Gefahr gebracht, wenn sie Verwundeten helfen wollten. Assad-Gegner seien routinemäßig gefoltert worden, bis zum Tod. Wie der Report schildert, mussten Angehörige von Todesopfern unter Zwang unterschreiben, dass diese von "terroristischen Banden" getötet wurden.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle zeigte sich entsetzt über die Berichte aus Aleppo und nahm dabei ausdrücklich auch auf die Hinrichtung Bezug. Die Aufständischen trügen Verantwortung dafür, "dass Racheakte und Gewalt gegen Wehrlose unterbleiben". Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning, erklärte auf einer Jordanien-Reise, dass Deutschland alles tun werde, damit der Konflikt nicht die Nachbarländer destabilisiere.

In Damaskus flammten am Mittwoch erstmals Kämpfe nahe der christlichen Altstadt auf. Die Schießereien ereigneten sich nach Angaben der Syrischen Menschenrechtsbeobachter an den Rändern der Stadtteile Bab Tuma und Bab Scharki. Die Christen machen in Syrien etwa zehn Prozent der Bevölkerung aus. Den Aufständen stehen die meisten von ihnen reserviert gegenüber, weil sie befürchten, dass nach einem Sturz Assads Islamisten die Macht übernehmen könnten.

Die UN-Generalversammlung beriet am Dienstag (Ortszeit) über eine neue Syrien-Resolution. Der ursprünglich von Saudi-Arabien eingebrachte Entwurf wendet sich gegen den Gebrauch von chemischen und biologischen Waffen, verurteilt die anhaltende Gewalt und ruft zu einem demokratischen Wandel auf. Diplomaten erwarten eine große Zustimmung unter den 193 UN-Mitgliedsländern. Eine Resolution des Gremiums ist nicht bindend.

Deutsche Hilfsorganisationen verstärken derweil ihre Bemühungen, um die Not der syrischen Zivilbevölkerung zu lindern. Das Deutsche Rote Kreuz, Caritas International, das Technische Hilfswerk und die katholische Organisation Misereor bieten insgesamt 2,5 Millionen Euro auf, um Flüchtlingen in Syrien und den Nachbarländern zu helfen, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergab.

Mit Material von dpa/rtr

Die Chronologie der Eskalation zwischen Syrien und der Türkei
Die Chronologie der Eskalation zwischen Syrien und der Türkei
Seit Ausbruch der Gewalt in Syrien herrscht politische Eiszeit zwischen Damaskus und Ankara. Die Lage an der fast 900 Kilometer langen gemeinsamen Grenze ist bedrohlich eskaliert.
6. Juni 2011: Die ersten 100 Syrer retten sich aus der Provinz Idlib in die Türkei. In Ankara verspricht Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan den Flüchtlingen eine offene Grenze. Zehn Tage später leben bereits mehr als 9000 Syrer in türkischen Lagern.
12. November 2011: Anhänger von Machthaber Baschar al-Assad attackieren die türkische Botschaft in Damaskus
16. März 2012: Ankara ruft türkische Staatsbürger auf, Syrien wegen der zunehmenden Gewalt zu verlassen. Am 26. März schließt die Türkei ihre Botschaft in Damaskus.
9. April 2012: Syrische Truppen feuern über die Grenze hinweg auf das Flüchtlingslager Kilis. Zwei Syrer und zwei Türken werden verletzt. Ankara verstärkt die Truppen an der Grenze und warnt vor weiteren Angriffen. In türkischen Lagern leben inzwischen 24 700 Syrer.
30. Mai 2012: Als Reaktion auf das Massaker an Zivilisten im syrischen Al-Hula weist die Türkei alle syrischen Diplomaten aus Ankara aus.
13. Juni 2012: Damaskus behauptet, Kämpfer der Freien Syrischen Armee würden auf Schmugglerwegen auch mit Waffen aus der Türkei aufgerüstet. Ankara bestreitet Waffenlieferungen an syrische Rebellen, die Unterstützung sei rein humanitärer Art.
23. Juni 2012: Nahe der Küstenstadt Latakia schießt Syrien einen türkischen Militärjet ab. Das Kampfflugzeug war nach syrischen Angaben in den Luftraum des Landes eingedrungen.
26. Juni 2012: Der Nato-Rat verurteilt den Abschuss.
28. Juni 2012: Die Türkei stationiert Militärfahrzeuge und Raketenabwehrsysteme an der Grenze zu Syrien. 30. Juni: Die türkische Armee lässt Kampfjets gegen syrische Hubschrauber aufsteigen, die sich der Grenze näherten.
2. Juli 2012: 85 syrische Soldaten setzen sich in die Türkei ab, darunter ranghohe Offiziere mit ihren Familien – zusammen fast 300 Menschen. Insgesamt sind über 30 000 Syrer in die Türkei geflohen
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