21.07.12

EnBW-Affäre

Parteitag der Südwest-CDU: Abrechnung mit Mappus-Ära

Die CDU versucht den Befreiungsschlag: Der Fall Mappus soll vom Tisch. Parteichef Strobl will sich die Partei nicht kaputtmachen lassen.

Foto: picture alliance / dpa/dpa
Gegen den ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) wird die Kritik immer lauter. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat gegen ihn ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Untreue beim Kauf der EnBW-Aktien eingeleitet

Karlsruhe. Die von der EnBW-Affäre erschütterte Südwest-CDU hat beim Parteitag schonungslos mit Ex-Regierungschef Stefan Mappus abgerechnet. Parteichef Thomas Strobl kritisierte, es sei der Eindruck entstanden, dass Mappus beim Rückkauf von Anteilen am Energieversorger EnBW dem Investmentbanker Dirk Notheis die Kontrolle überlassen habe. "Damit ist ein Schaden für die Glaubwürdigkeit der Politik und der CDU entstanden", sagte Strobl am Samstag vor über 350 Delegierten in Karlsruhe. SPD und Grüne konterten, Mappus habe die umstrittene Entscheidung mit Duldung seiner Parteifreunde getroffen.

+++ Stefan Mappus weiter unter Beschuss +++
+++ Die Mappus-Affäre erreicht nun auch Berlin +++

Der frühere Ministerpräsident hatte den Kauf der EnBW-Anteile für 4,7 Milliarden Euro am Landtag vorbei eingefädelt und soll bis zu 840 Millionen Euro zu viel bezahlt haben. Gegen ihn ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Untreue. CDU-Fraktionschef Peter Hauk sagte, Mappus habe Rechtsfehler gemacht und "grob fahrlässig" gehandelt. "Mit diesem Politikstil können wir uns nicht identifizieren. Das entspricht nicht dem Demokratieverständnis der CDU."

Volker Kauder, Unions-Fraktionschef im Bundestag, räumte ein: "Wir haben schwere Zeiten im Augenblick." Ohne seinen Vertrauten Mappus zu erwähnen, sagte er: "Wo Fehler gemacht worden sind, müssen sie offen angesprochen werden." Es dürfe aber keine Vorverurteilungen geben. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) mahnte die Landes-CDU, nach vorne zu schauen. "Fehler machen wir immer."

In der Aussprache meldeten sich nur wenige Delegierte zu Wort. Der Vizechef des CDU-Wirtschaftsrats und Ex-Grüne Oswald Metzger mahnte zur Selbstkritik: "Aus Selbstvertrauen wird in Jahrzehnten Selbstüberschätzung, Hochmut und Arroganz der Macht."

Landesparteichef Strobl übte im Fall Mappus auch Selbstkritik: "Unser Fehler war, dass wir allzu lange und allzu unkritisch gefolgt sind." Doch die Landes-CDU wolle sich nicht in Mithaftung nehmen lassen. "Wir werden nicht zulassen, dass unsere Partei kaputtgemacht wird."

Dann blies er zur Attacke gegen die grün-rote Landesregierung und geißelte deren Finanzpolitik. "Grün-Rot legt künftige Generationen in Ketten." Statt wie Bayern eine Nullverschuldung anzustreben, wolle die Koalition bis 2020 mehrere Milliarden neue Schulden machen. Er kritisierte zudem, dass Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) anders als Bayern nicht gegen den Länderfinanzausgleich klagen wolle.

Die Grünen hielten Strobl vor, Mappus die alleinige Verantwortung für die Abwicklung des EnBW-Deals zuschieben zu wollen. "Die Mär von der einsamen Entscheidung ist längst widerlegt", erklärten die Vorsitzenden Thekla Walker und Chris Kühn. SPD-Generalsekretärin Katja Mast sagte: "Die CDU Baden-Württemberg ist implodiert. Ohne einen gewohnt starken Mann rennt sie kopflos durch die Gegend."

Bei der Beratung des Leitantrags beim Parteitag gab es hitzige Diskussionen über eine Frauenquote in Kommunalparlamenten. Der Antrag, eine solche Quote zu verbieten, wurde mit knapper Mehrheit abgelehnt. Nun bleibt es bei der Formulierung, dass die CDU "zur nächsten Kommunalwahl Frauen und Männer möglichst in gleicher Anzahl aufstellen" will. Wie das erreicht werden soll, wird im Antrag offen gelassen.

Der Leitantrag mit dem Titel: "Vielfältig, bodenständig, bürgernah. Moderne Bürgerpartei auf sicherem Fundament" wurde mit großer Mehrheit angenommen. Die CDU will damit zur "Mitmachpartei" werden und mehr Volksentscheide zulassen. (dpa)

Hintergrund: Der EnBW-Aktiendeal
Hintergrund: Der EnBW-Aktiendeal
19.01.2000 – Das Land verkauft 25,01 Prozent der EnBW an den französischen Stromkonzern EDF und erhält dafür 4,7 Milliarden Mark (2,4 Mrd Euro). Mit einem Großteil des Geldes wird die gemeinnützige Landesstiftung gegründet. Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) kündigt sinkende Strompreise an.
06.12.2010 – Wenige Monate vor der Landtagswahl kauft das Land überraschend die EnBW wieder von der EDF zurück. Der Kaufpreis für einen 45-Prozent-Anteil: 4,67 Milliarden Euro. Finanzminister Willi Stächele (CDU) wendet das Notbewilligungsrecht an; so müsse der Landtag vorab nicht zustimmen.
15.12.2010 – Der Landtag stimmt mit der CDU/FDP-Mehrheit dem Wiedereinstieg des Landes bei der EnBW zu. SPD und Grüne verlassen bei der Abstimmung den Saal.
17.01.2011 – Die Opposition aus SPD und Grünen kündigt eine Klage gegen den EnBW-Aktiendeal vor dem Staatsgerichtshof an. Man sieht das Haushaltsrechts des Landtags, das "Königsrecht", verletzt.
06.10.2011 – Der Staatsgerichtshof Baden-Württemberg erklärt den EnBW-Deal für verfassungswidrig. Die Richter geben Grünen und SPD, die inzwischen die Regierung stellen, recht: Die Regierung von Ex-Ministerpräsident Mappus hätte das Geschäft nicht am Landtag vorbei abwickeln dürfen.
12.12.2011 – Die Grünen wollen den EnBW-Deal des Landes in einem Untersuchungsausschuss aufarbeiten. Das Gremium soll das Verhalten der ehemaligen Landesregierung beim Erwerb des EnBW-Aktienpaketes aufklären.
21.12.2011 – Der Untersuchungsausschuss kommt zum ersten Mal zusammen.
26.01.2012 – Ein Bericht der Landesregierung zum EnBW-Deal wird bekannt. Er legt nahe, dass sich Mappus über den Rat seiner juristischen Berater, die vor einer Umgehung des Parlaments gewarnt haben sollen, hinweggesetzt haben soll.
09.03.2012 – Ex-Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) und sein damaliger Berater, der Deutschland-Chef der Investmentbank Morgan Stanley, Dirk Notheis, treten vor dem Untersuchungsausschuss auf. Mappus räumt ein, dass er den Deal so nicht noch einmal abschließen würde, hält ihn aber insgesamt "nach wie vor für richtig".
25.05.2012 – Es wird bekannt, dass die grün-rote Regierung beim Schiedsgerichtshof klagt, um den französischen Versorger EDF zur Rückzahlung von zwei Milliarden Euro des Kaufpreises zu bewegen. Grün-Rot glaubt, das Land habe für seine Anteile zu viel gezahlt.
14.06.2012 – Wird der Stecker gezogen? Die grün-rote Landesregierung kündigt an, auf eine komplette Rückabwicklung des EnBW-Deals zu pochen, falls EDF nicht die zwei Milliarden Euro an das Land zurückzahlt.
25.06.2012 – Wegen seiner Rolle beim Einstieg des Landes beim Energiekonzerns EnBW zieht sich Morgan-Stanley-Deutschlandchef Dirk Notheis aus dem operativen Geschäft zurück. Der 44-jährige Mappus-Vertraute nimmt sich eine Auszeit.
26.06.2012 – Der Rechnungshof rügt das Vorgehen der früheren Landesregierung in Sachen EnBW scharf. Die Prüfung ergab, "dass das Verfahren im Vorfeld des Vertragsabschlusses in wesentlichen Teilen nicht den Anforderungen genügt, die aus der Landesverfassung und der Landeshaushaltsordnung folgen". Risiken seien nicht ausreichend berücksichtigt worden.
11.07.2012 – Die Staatsanwaltschaft Stuttgart nimmt gegen Mappus Ermittlungen wegen Verdachts der Untreue auf und durchsucht Wohnungen und Büros. Gegen Notheis wird wegen Beihilfe ermittelt. Die Ermittler stützen sich auf den Bericht des Rechnungshofs.
Quelle: dpa
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