15.07.12

3. Petersberger Klimadialog

Bundesregierung hadert mit Klimaschutz-Tempo

Kanzlerin Merkel und Umweltminister Altmaier wollen deutlich mehr Tempo beim Klimaschutz anmahnen. Doch der Fortschritt ist eine Schnecke.

Foto: dapd/DAPD
Bundesumweltminister Altmaier besucht Rhein-Main Deponiepark
Bundesumweltminister Altmaier vor einer Photovoltaikanlage

Berlin. In Rio de Janeiro hat Peter Altmaier einfach mal die Tür zugemacht, Stühle zusammengestellt und sich ausgeruht. Seit dem Rio-Umweltgipfel weiß der Bundesumweltminister, wie erschöpfend und zäh Verhandlungen für eine bessere Welt auf dem internationalen Parkett sind. Altmaier legt seit seinem Amtsantritt am 22. Mai ein enormes Tempo vor, knüpft unentwegt Kontakte, redet, hört zu. Schlaf ist zum Luxusgut geworden, vier Stunden müssen oft reichen.

+++ Hitzköpfe im Klimakampf +++
+++ Das Dossier zum Rio-Gipfel +++

Der CDU-Politiker würde vor der Sommerpause auch gerne den Klimaschutz noch etwas beschleunigen. Aber die Widerstände sind enorm, beim Fortschritt ist eher Entschleunigung die treffende Umschreibung. Der 54-Jährige und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) wollen an diesem Montag mit 35 Staaten beim 3. Petersberger Klimadialog in Berlin über mehr Tempo im Kampf gegen die Erderwärmung beraten.

Aber schon die EU als selbst ernannter Vorreiter kann sich nicht darauf einigen, eine Verringerung des CO2-Ausstoßes um 30 statt um 20 Prozent bis 2020 zu beschließen. Merkel fordert ein rasches, "bindendes und sehr ambitioniertes" globales Klimaschutzabkommen.

Das Problem, das Altmaier beim enttäuschenden Umweltgipfel von Rio bitter hatte kennenlernen müssen: Die Vereinten Nationen verfolgen mit dem Einstimmigkeitsprinzip zwar hehre Vorstellungen, aber die Dominanz egoistischer Eigeninteressen nimmt eher zu als ab. Daher wird der Ruf nach einer Koalition der Willigen immer lauter. Aber wenn einige Staaten ihren CO2-Ausstoß drastisch mindern, andere aber dafür noch mehr rauspusten, ist das Ganze ein Nullsummenspiel.

Wie dringlich Handeln ist, zeigt selbst der deutsche Sommer. Viel Regen, Hagel und massive Gewitter entsprechen Extremwetter-Prognosen von Klimaforschern. Die Zahl wetterbedingter Naturkatastrophen hat sich in Deutschland seit den 70er Jahren mehr als verdreifacht. Ganz zu schweigen von Veränderungen in Ländern wie Bangladesch. Hier könnten bald bis zu 35 Millionen Menschen durch Überflutungen zu Flüchtlingen werden. Umweltminister Hasan Mahmud fasste das globale Klimadilemma 2011 in eindringliche Worte: "Wir sind alle Passagiere der Titanic." Nur seine Bürger seien leider die Ersten im Wasser. Der Klimadialog soll vor allem den UN-Klimagipfel im Dezember im Ölland Katar vorbereiten. Schon in den Vorjahren war das Treffen, das zunächst auf dem Bonner Petersberg stattfand und seit 2011 in Berlin beheimatet ist, hilfreich. Altmaier und Merkel sehen den Dialog vor allem als "vertrauensbildende Maßnahme".

"Wir haben aber ganz bewusst mit Ländern wie Katar, den USA, Indien und China auch diejenigen eingeladen, die bisher ein Problem waren", sagt Altmaier, der an das Wirken seines Vorgängers Norbert Röttgen in den Klimaschutzverhandlungen anknüpfen will. Er will besonders auf China und die USA einwirken. Altmaier zweifelt, ob die von den 193 UN-Staaten angepeilte Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad überhaupt noch zu schaffen ist. Das Ziel könnte angesichts bisheriger Klimaschutzzusagen in akute Gefahr geraten.

Wie kompliziert Fortschritt ist, zeigt ein Rückblick auf die letzten Klimakonferenz in Durban: Südafrikas Außenministerin Maite Nkoana-Mashabane verlässt am 11. Dezember 2011 um 5.30 Uhr morgens das Podium. Sie wirkt wahnsinnig müde. Und glücklich, denn kurz zuvor stand der ganze UN-Klimaprozess auf dem Spiel. Eine Allianz aus EU, Inselstaaten und afrikanischen Ländern attackierte eine Gruppe von Verweigerern um Indien. Die Ansage: Ein Ja zu einem Fahrplan für einen Weltklimavertrag oder gar nichts.

Die resolute EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard betont: "Die EU hat viele Jahre Geduld bewiesen". Indiens Umweltministerin Jayanthi Natarajan willigt nach lautstarkem Ringen in einen von Südafrikas Außenministerin initiierten Kompromiss ein. Allerdings weiß keiner, ob aus der Formel "Vereinbarung mit rechtlichem Druck" auch wirklich der nötige Weltklimavertrag mit rechtlich bindenden Verpflichtungen für eine Verringerung des Kohlendioxid-Ausstoßes werden kann.

Dieser soll bis 2015 ausgearbeitet werden und 2020 in Kraft treten. Dafür sollen die Europäer sich in Katar zu einer Fortsetzung des Kyoto-Protokolls bekennen und weiter verpflichtend binden, also quasi in Vorleistung treten. Andere Kyoto-Staaten wie Kanada sind aber jüngst ausgestiegen, so dass nur noch 15 Prozent der weltweiten Emissionen erfasst werden – Verbesserung ist nicht in Sicht.

Merkel geht davon aus, dass es bis 2015 harte Verhandlungen geben wird, etwa welche Region der Welt welchen Beitrag zur Minderung des Treibhausgasausstoßes leisten muss. Daher sei der Klimadialog wichtig, um voranzukommen. Die Zeit bis 2015 dürfe nicht mit Nichtstun verstreichen. Denn allein China und die USA verursachen mehr als 40 Prozent der globalen CO2-Ausstöße – gerade bei den USA sind wegen der Wahlen vorerst keine Akzente zu erwarten. Ein weiteres Problem: Die geplanten Milliardensummen für Klimaschutzmaßnahmen und Hilfen für Länder wie Bangladesch könnten durch die Euro-Krise schwieriger aufzutreiben sein. Die eine Krise überlagert die andere - Altmaier wird beim Klimadialog viel reden müssen. Und wenig lösen können.

(dpa)

Globale Eckdaten für erneuerbare Energien
Das UN-Umweltprogramm UNEP und das "Netzwerk für erneuerbare Energien des 21. Jahrhunderts" (REN21) haben globale Berichte zu erneuerbaren Energien vorgelegt. Einige Eckdaten:
2011 wurden weltweit 257 Milliarden US-Dollar in erneuerbare Energien investiert. Ein Plus von 17 Prozent im Vergleich zu 2010 und damit ein neuer Rekordwert.
Allein die Investitionen in Solarenergie stiegen um 52 Prozent auf 147 Milliarden Dollar.
Größte Investoren: China (52 Mrd Dollar/ohne Wasserkraft), USA (51 Mrd Dollar)
Über 200 Millionen Haushalte und zahlreiche öffentliche und privatwirtschaftliche Gebäude nutzen Sonnenkollektoren zur Warmwasserbereitung.
27 Länder setzen Einspeisevergütungen ein. In mindestens 65 Ländern gibt es politische Rahmenbedingungen zur Förderung von Strom aus erneuerbaren Energieträgern.
China war 2011 weltweit erneut führend bei der Installation von Windturbinen und solarthermischen Anlagen und Spitzenproduzent für Strom aus Wasserkraft.
In Indien stiegen die Investitionen in erneuerbare Energien 2011 um 62 Prozent auf 12 Milliarden US-Dollar.
In den USA wurden 12,7 Prozent des privaten Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energien gedeckt. Ein Plus von 10,2 Prozent zu 2010.
In der EU waren 2011 mehr als 71 Prozent der neu installierten Stromproduktionskapazitäten erneuerbare Energieanlagen. 46,7 Prozent davon entfielen auf Solarstromkapazitäten.
In Deutschland – dem drittgrößten Markt für Investitionen in erneuerbare Energien – wurden 12,2 Prozent des gesamten Endenergieverbrauchs und 20 Prozent des Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energiequellen gedeckt. (dpa)
Wo der deutsche Strom herkommt
Braunkohle 23,7 Prozent
Atomenergie 22,4 Prozent
Steinkohle 18,7 Prozent
Erneuerbare Energien (Wind, Wasser, Biomasse, Solgar) 16,7 Prozent
Ergas 13,9 Prozent
Sonstige (z.B. Mineralöl) 3,6 Prozent
Quelle: dena, AFP (Zahlen gerundet)
Strompreiserhöhung? Sonderkündigungsrecht nutzen
Strompreiserhöhung? Sonderkündigungsrecht nutzen
Für Verträge mit dem Energieversorger gelten bestimmte Kündigungsfristen. Bei den Grundversorgern betrage diese Frist zwei Wochen, erläutert Horst-Ulrich Frank von der Verbraucherzentrale Mecklenburg-Vorpommern in Rostock.
Bei anderen Anbietern müssten sich Kunden an die vertraglich vereinbarte Kündigungsfrist halten. Ausnahme: Bei einer Preiserhöhung dürfe der Vertrag in der Regel innerhalb von zwei Wochen nach Bekanntgabe der Erhöhung gekündigt werden.
Strom- und Gaskunden in Deutschland müssen möglicherweise mit einer zusätzlicher Preiserhöhung rechnen. Das Düsseldorfer Oberlandesgericht hob am Mittwoch (6. Juni) die von der Bundesnetzagentur festgesetzten Entgelte für die Nutzung der Strom- und Gasnetze auf. Die Netzagentur müsse höhere Ansätze berücksichtigen, so die Richter. Diese Kosten können die Unternehmen an die Kunden weiterreichen.
Preissteigerungen müssten die Stromversorger sechs Wochen vorher ankündigen, erklärt Frank. Die Lieferanten müssten nicht begründen, warum sie die Preise anheben – "aber in der Regel wollen sie ja die Schuld von sich weisen", erläutert Frank. So würde oft auf eine Erhöhung der Netzentgelte oder auch höhere Steuern verwiesen.
Allerdings schließen manche Versorger ein Sonderkündigungsrecht aus, wenn Abgaben wie Netzentgelte steigen. Rechtlich sei das aber umstritten, betont Frank.
Denn bei Netzentgelten hätten die Versorger Spielraum. Manche geben höhere Abgaben nicht sofort an ihre Kunden weiter, andere verzichten ganz darauf.
Hier lohne sich ein Blick in die Geschäftsbedingungen, wo das Sonderkündigungsrecht beschrieben wird. (dpa)
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