20.06.11

Libyen

Nato bedauert Tod von Zivilisten in Tripolis

Libyens Diktator Gaddafi nutzt den Vorfall für neue Propaganda. Die Rebellen murren über fehlende Hilfe und warnen vor Ölknappheit.

Foto: dpa
Schäden nach dem Nato-Angrff in Tripolis
Schäden nach dem Nato-Angrff in Tripolis

Tripolis/Peking. Die Nato hat eingeräumt, versehentlich ein Wohnhaus in der libyschen Hauptstadt Tripolis bombardiert und dabei allem Anschein nach mehrere Menschen getötet zu haben. Der Oberkommandeur des Nato-Einsatzes in Libyen, der kanadische General Charles Bouchard, bedauerte in einer Erklärung den Vorfall. Das Regime des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi hatte dem Militärbündnis vorgeworfen, bei dem Angriff mindestens drei Menschen getötet zu haben, darunter auch ein Kleinkind. "Obwohl wir die Einzelheiten des Zwischenfalls noch ermitteln, scheint es so, dass ein Fehler in einem Waffensystem diesen Zwischenfall verursacht hat", erklärte Bouchard in seinem Hauptquartier in Neapel. Es sehe so aus, als ob eine Bombe nicht das beabsichtigte Ziel getroffen habe. "Die Nato bedauert den Verlust unschuldiger Menschenleben und sie geht sehr sorgsam vor im Kampf gegen ein Regime, das entschlossen ist, Gewalt gegen seine eigenen Bürger anzuwenden", teilte das Militärbündnis weiter mit.

Kurz nach dem Luftangriff in der Nacht zum Sonntag waren ausländische Journalisten von den libyschen Behörden zu dem zerstörten Wohnhaus gebracht worden. Sie beobachteten, wie eine Leiche aus den Trümmern geborgen wurde. Zahlreiche Nachbarn halfen bei den Bergungsarbeiten. Später wurde den Reportern in einem Krankenhaus auch die Leiche eines Kleinkindes gezeigt. "Dies ist ein weiterer Beweis für die Brutalität der Nato", erklärte der libysche Regierungssprecher Mussa Ibrahim.

Der internationale Militäreinsatz in Libyen stützt sich auf ein Uno-Mandat, das zum Schutz von Zivilisten den Einsatz militärischer Gewalt zulässt. In einer Erklärung der Nato hieß es, das Bündnis tue "alles, um die libysche Bevölkerung vor der Gewalt des Regimes von Gaddafi zu schützen". Die Nato plane die Einsätze "mit Präzision und mit einer hohen Genauigkeitsrate". Seit Übernahme der Führung des Militäreinsatzes durch die Nato am 31. März seien mehr als 4400 Kampfeinsätze gegen militärische Ziele in Libyen geflogen worden.

Wenige Stunden vor der Attacke hatte die Brüsseler Nato-Zentrale bereits einen anderen Fehler eingeräumt. Am Donnerstag hatten Nato-Flugzeuge nahe der ost-libyschen Stadt Brega versehentlich Panzer und andere Militärfahrzeuge der Gaddafi-Gegner beschossen. In einer "besonders komplizierten und dynamischen Gefechtsfeldsituation" habe man sie irrtümlich für eine Fahrzeugkolonne der Gaddafi-Truppen gehalten. Nach Rebellen-Angaben waren 16 Aufständische verletzt worden.


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Gaddafi-Truppen griffen derweil Rebellenstellungen nahe der westlichen Stadt Nalut an. Ein Reporter des Fernsehsenders al-Dschasira berichtete von schweren Kämpfen am Rand der strategisch wichtigen Stadt unweit der Grenze zu Tunesien. Die Aufständischen hätten ihre Positionen aber behauptet, sagte der Reporter. Die Rebellen kontrollieren den gesamten Kamm des Nafusa-Gebirges, der von der tunesischen Grenze bis 80 Kilometer vor die Hauptstadt Tripolis reicht. Die Gaddafi-Truppen versuchen seit Wochen, bei Nalut eine Bresche in das Aufständischen-Gebiet zu schlagen. Damit wollen sie die für die Rebellen lebenswichtige Nachschublinie aus Tunesien unterbrechen.

Die Rebellen beklagten unterdessen fehlende Unterstützung des Westens. "Alles geht zur Neige", sagte Ali Tarhuni, der bei den Aufständischen für Finanzen und Öl zuständig ist, in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. Die westlichen Länder begriffen dies entweder nicht oder es sei ihnen egal. Mit Blick auf versprochene Zahlungen aus den eingefrorenen Konten Gaddafis im Ausland sagte er: "Da ist bislang nichts geschehen. Und ich meine wirklich nichts." Er sei es inzwischen leid, die Politiker aus Europa und den USA wieder und wieder auf ihre Zusagen anzusprechen. "Wir reden mit so vielen Menschen in all diesen Ländern und auf all diesen Konferenzen und sie halten großartige Reden", sagte Tarhuni. "Politisch wissen wir das zu schätzen, aber was die Finanzen anbetrifft, sind sie ein kompletter Ausfall. Unsere Leute sterben."

Der Militäreinsatz koste die Rebellen umgerechnet täglich geschätzte 60 Millionen Euro, sagte Tarhuni. Woher das Geld kommen soll, ist nicht klar. Das Öl in der von den Aufständischen kontrollierten Region falle gegenwärtig als Einnahmequelle aus. "Ich rechne nicht damit, dass wir demnächst Öl produzieren. Die Raffinerien haben kein Rohöl, also laufen sie nicht", sagte Tarhuni.

Seit einem Vierteljahr werden die Rebellen in ihrem Kampf gegen Gaddafi von der Nato aus der Luft unterstützt. Inzwischen kontrollieren sie das östlichen Drittel Libyens, einen Großteil des westlichen Gebirges entlang der Grenze zu Tunesien sowie die strategisch wichtige Hafenstadt Misrata am Mittelmeer. Auf Gaddafis Machtbasis Tripolis haben sie jedoch nicht entscheidend vorstoßen können. Am Sonntag mussten sie bei ihrem Versuch, von Misrata aus in Richtung Hauptstadt voranzukommen, schwere Verluste hinnehmen, als sie unter Beschuss von Gaddafi-Truppen gerieten.

Der Vorsitzende des Nationalen Übergangsrates der libyschen Rebellen soll nach Angaben des Außenministeriums in Peking China besuchen. Mahmud Dschibril werde am Dienstag und Mittwoch im Land sein, hieß es in einer knappen Erklärung des Ministeriums am Montag. Auf die im Februar aufgeflammten Proteste gegen das Regime von Gaddafi hatte China zunächst verhalten reagiert. In jüngster Zeit hat Peking jedoch seine Vermittlungsbemühungen zwischen den libyschen Konfliktparteien verstärkt und angekündigt auch Vertreter der Rebellen in China empfangen zu wollen. Der chinesische Botschafter in Katar war bereits Anfang Juni mit Dschibril zusammengetroffen. (dpa/rtr/abendblatt.de)


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