10.06.11

Kritik am westlichen Bündnis

Udo Steinbach: "Der Angriff auf Libyen war falsch"

Der Islamwissenschaftler Udo Steinbach kritisiert die Libyen-Politik des westlichen Bündnisses. Der Angriff war falsch, so der 68-Jährige.

Foto: Michael_Rauhe
Der Islamwissenschaftler Udo Steinbach, 68, leitete von 1976 bis 2007 das Orient-Institut in Hamburg
Der Islamwissenschaftler Udo Steinbach, 68, leitete von 1976 bis 2007 das Orient-Institut in Hamburg

Der Islamwissenschaftler Udo Steinbach, 68, leitete von 1976 bis 2007 das Orient-Institut in Hamburg.

1. Hamburger Abendblatt: Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi steht im Verdacht, Massenvergewaltigungen befohlen zu haben. Ist dies ein letztes Mittel der Verzweiflung?

Udo Steinbach: Solche Vorwürfe müssen von einer unabhängigen Kommission untersucht und bestätigt werden. Ich habe da meine Zweifel. Das Bild des libyschen Regimes, das in der Tat nicht gut aussieht, wird derzeit noch düsterer gemalt, als es tatsächlich ist.

2. Ist der Weg, den der Westen mit den Bombardements beschreitet, richtig?

Steinbach: Nein, das ist der falsche Weg. Die Revolten im arabischen Raum müssen aus sich heraus erfolgreich sein. Das impliziert auch, dass sie zunächst hier und da blutig niedergeschlagen werden, aber früher oder später werden die Menschen wieder aufstehen und vollenden, was derzeit verhindert wird.

3. Wohin entwickelt sich die arabische Revolution, in Ägypten herrscht Enttäuschung im Volk?

Steinbach: Die Entwicklung ist offen, mit Ausnahme von Tunesien, da kommen wir einer stabilen Demokratie nahe. In Ägypten gibt es Unsicherheitsfaktoren - wie eine unzureichende Parteienbildung, mangelnde Demokratie-Tradition oder Machtansprüche der Muslimbrüder bis hin zu einer äußerst angespannten wirtschaftlichen Situation. Vor allem Letzteres könnte ein Motiv sein für die Menschen, sich nach anfänglicher Begeisterung Rattenfängern in die Arme zu werfen.

4. Libyen wird bombardiert, Syrien nicht, Saudi-Arabien gehätschelt - misst der Westen mit zweierlei Maß?

Steinbach: Gewiss! Der Angriff auf Libyen war falsch; wenn sich der Westen schon einmischt, wäre es in Syrien jetzt angemessen. Doch man nimmt davon Abstand. Das deutet darauf hin, dass die Einmischung nicht um der Menschen willen geschieht, sondern aus ökonomischen und politischen Interessen.

5. Verwundete Syrer werden in die Türkei geschafft und dort versorgt. Welche Rolle spielt die Türkei in der arabischen Revolte?

Steinbach:Die Türkei spielt allenfalls eine humanitäre Rolle. Ministerpräsident Erdogan hat Potentaten wie Gaddafi und Assad aufgefordert, auf die Menschen zu hören, man hat dies ignoriert. Es zeigt sich, dass der große Anspruch der türkischen Außenpolitik im Gegensatz steht zu ihren Möglichkeiten, zu einer Veränderung beizutragen.

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