03.02.13

Plagiats-Vorwürfe

Schavans Dissertation vergilbt in der Uni-Bibliothek

Wissenschaftsministerin Schavan spricht von Flüchtigkeitsfehlern, Plagiatsjäger von Täuschung. Die Uni Düsseldorf treibt das Verfahren voran.

Von Von Dorothea Hülsmeier
Foto: dpa
Dissertation von Annette Schavan
Eine Kopie der Dissertation von Bundesbildungsministerin Annette Schavan

Düsseldorf. Während ein Gremium aus Professoren, Mitarbeitern und Studenten die Doktorarbeit von Annette Schavan akribisch prüft, ist außerhalb dieses Kreises das Interesse an der Lektüre der umstrittenen Schrift offensichtlich gering. "Ich bin noch nie danach gefragt worden", sagt Werner Lonsky, Bibliothekar der Verbundbibliothek Geisteswissenschaften, über das Buch "Person und Gewissen" aus dem Jahr 1980.

Das Buch mit grün-weißem, etwas scheckigen Einband kann jeder in der Präsenzbibliothek ausleihen. Ein weiteres Exemplar der 335 Seiten langen Dissertation lagert normalerweise in der Zentralbibliothek, ist aber gerade beim Buchbinder. Ein drittes Exemplar des 33 Jahre alten Werks sei "storniert" worden, sagt Lonsky. Das bedeutet: Altpapier, eingestampft. Auch an anderen Universitäten kann man noch Ausgaben der Doktorarbeit finden, die Schavan einst in wohl mindest hundertfacher Auflage drucken ließ, wie es bei Dissertationen die Regel ist.

An diesem Dienstag berät der Fakultätsrat der Uni Düsseldorf erneut über die Plagiatsvorwürfe gegen Schavan und die drohende Aberkennung des Titels. Das Gremium lässt sich nicht in die Karten schauen. Eine Frist für eine Entscheidung gibt es nicht. Schlampiges, unkorrektes Zitieren und das Verschleiern von Quellen wird Schavan von anonymen Plagiatsjägern vorgeworfen.

Ihre Dissertation tippte sie einst mit der Schreibmaschine ab, für jede Fußnote musste sie die Papierwalze drehen. Der Text ist nicht elegant bündig, sondern im sogenannten Flattersatz gedruckt – die Zeilen laufen ungleichmäßig aus. Kleine Fehler korrigierte die Doktorandin, die ihre Promotion 1980 noch im Direktstudium erlangte, handschriftlich. Mal ist es eine fehlende Seitenzahl, mal ein fehlendes "s" im Wort "konsensfähig". "Ich habe Flüchtigkeitsfehler gemacht, aber ich habe nicht plagiiert", betonte Schavan im "Zeitmagazin". Ihre Dissertation teilte sie in Kapitel wie "Verstehenshoriziont" sowie Theorien über das Gewissen von Luhmann über Freud bis Piaget und Kant ein. Plagiatsjäger werfen ihr auf der Seite "Schavanplag" unter anderem vor, Inhalte aus Arbeiten zu verwenden, die sie an keiner Stelle erwähnt habe. Sie habe sogar Primärquellen aus der Sekundärliteratur zitiert – und die Fehler gleich mit übernommen.

Der "Doktor" gilt heutzutage immer noch als Ausweis von Qualität, Durchhaltevermögen und Zuverlässigkeit. Von seinen ehemaligen Prüflingen höre er, es sei ein großer Unterschied, ob man den Titel habe oder nicht, sagt der Althistoriker Professor Martin Zimmermann von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Der Doktor werde als "Türöffner von der Notaufnahme im Krankenhaus bis zum Abschluss von Mietverträgen" gesehen. "Ich glaube, dass ganz allgemein die Karrierechancen mit dem Doktortitel besser sind", sagt Zimmermann (53), der auch Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Gerda-Henkel-Stiftung (Düsseldorf) ist, die geisteswissenschaftliche Forschung unterstützt. Die Zahl der Promotionen ist kontinuierlich von gut 21 000 im Jahr 1993 auf fast 27 000 vergangenes Jahr gestiegen, wie aus einer Erhebung des Statistischen Bundesamts hervorgeht. Doch die Plagiatsverfahren gegen prominente Politiker wie Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), Silvana Koch-Mehrin (FDP) und jetzt Schavan schaden nach Ansicht von Wissenschaftlern dem Ruf des Doktortitels.

Heutzutage gehört es für Professoren zum universitären Alltag, internetgestützte Plagiatfinder-Programme einzusetzen, die schon bei 15 Seiten langen Hausarbeiten eingesetzt werden. Müsste man jetzt nicht auch angesichts des Verfahrens um die Schavan-Arbeit tausende Dissertationen vergangener Jahrzehnte unter die Lupe nehmen? "Das könnte man durchaus tun und man würde dann sicherlich die eine oder andere Arbeit finden, die nicht ganz sauber gearbeitet ist", sagt Zimmermann. "Am Gesamtbild – dass nämlich in der Regel auf höchstem Niveau gearbeitet wird – würde das nichts ändern", versichert er.

dpa
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