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Politik

Weitere Details über den Ohnesorg-Schützen

Über Kurras gibt es eine zweite Stasi-Akte

In der Birthler-Behörde ist offenbar eine zweite Stasi-Akte über den früheren West-Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras gefunden worden, der den Studenten Benno Ohnesorg 1967 erschossen hatte. Offenbar hatten die Unterlagen vernichtet werden sollen, doch die Stasi kam in der Wendezeit nicht mehr dazu.

Der als Stasi-Spion enttarnte ehemalige Polizist Karl-Heinz Kurras. Ein Zufallsfund in der Birthler-Behörde hatte vor wenigen Tagen ergeben, dass Kurras seit 1955 mit dem DDR-Ministerium für Staatssicherheit zusammengearbeitet hatte und seine Auftraggeber über Jahre hinweg mit Interna der West-Berliner Polizei versorgt haben soll. Kurras hatte den Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 am Rande einer Demonstration gegen den persischen Schah erschossen.
Foto: DDP

Berlin. Über den früheren West-Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, gibt es eine zweite Stasi-Akte. Das sagte ein Sprecher der Stasi-Unterlagenbehörde am Samstag und bestätigte einen Bericht des Magazin „Spiegel“. Dem Bericht zufolge sollten die bisher verborgen gebliebenen Unterlagen kurz nach der Wende 1989 vernichtet werden. In den Wirren der damaligen Zeit sei es nicht mehr dazu gekommen.

An diesem Dienstag wollen Opferverbände von SED-Verfolgten in der DDR am Todestag Ohnesorgs Kränze vor der Deutschen Oper Berlin niederlegen. Die Opferverbände treten nach den jüngsten Erkenntnissen über die Stasi-Tätigkeit von Kurras dafür ein, dass die bisherige Inschrift an dem dortigen Ohnesorg-Denkmal „den historischen Erkenntnissen des Jahres 2009 angepasst wird“.

Der Sprecher der Stasi-Unterlagenbehörde sagte, dass durch eine Vielzahl von Anträgen von Medien auf Einsicht mit weiteren Veröffentlichungen in der „Großgeschichte“ zu rechnen sei. Vonseiten der Behörde gehe die Aufarbeitung „Schritt für Schritt weiter“.

 

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Ohnesorgs Tod

Durch einen Fund in der Birthler-Behörde war bekanntgeworden, dass Kurras SED-Mitglied und Stasi-Spitzel war. Auf dieser Grundlage galt als gesichert, dass die Stasi nach dem Tod Ohnesorgs die Verbindung zu Kurras „abgeschaltet“ hatte. Durch die nun dem „Spiegel“ nach eigenen Angaben exklusiv vorliegende zweite Stasi-Akte sei klar, dass Kurras noch lange nach dem tödlichen Schuss auf Ohnesorg während des Schah-Besuchs von starkem Interesse für die Stasi gewesen sei.

Bis 1989 seien hohe Stasi-Stellen bis zum Stellvertreter von Stasi-Chef Erich Mielke, Gerhard Neiber, eingeschaltet gewesen. Sogar noch nach dem Mauerfall sei der ganze Vorgang Chefsache gewesen. Der Stasi-Oberstleutnant Werner Eiserbeck habe Ende November 1989 angeordnet: „Der Vorgang ist zu vernichten.“ Die Stasi habe offenkundig die Stasi-Vergangenheit von Kurras vollständig tilgen wollen. Das zunächst aus der Birthler-Behörde bekanntgewordene 17- bändige Dossier dokumentierte die Verbindung zu Kurras nur bis 1976. Mordanzeige gegen Kurras – Kranzniederlegung am Denkmal

Die Veranstalter der Gedenkfeier für Ohnesorg teilten mit, dass der Vorsitzende des Opferverbandes „Vereinigung 17. Juni“ Anzeige wegen Mordes gegen Kurras erstattet hat. Nach Angaben der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) vom Sonntag wollten die Verbände an diesem Dienstag mit der „demonstrativen Verneigung vor dem Opfer eines schießwütigen Agenten der DDR-Staatssicherheit für die geschichtliche Wahrheit einsetzen“.

Dort befindet sich seit 1990 eine von dem österreichischen Bildhauer Alfred Hrdlicka gestaltete Gedenktafel mit der Inschrift: „Am 2. Juni 1967 wurde der Student Benno Ohnesorg im Hof des Hauses Krumme Straße 66 während einer Demonstration gegen den tyrannischen Schah des Iran von einem Polizisten erschossen. Sein Tod war ein Signal für die beginnende studentische und außerparlamentarische Bewegung, die ihren Protest gegen Ausbeutung und Unterdrückung besonders in den Ländern der Dritten Welt mit dem Kampf um radikale Demokratisierung im eignen Land verband.“

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) sagte in einem Interview mit der „Berliner Morgenpost“ (Sonntag), es sei lange bekannt, dass einige zehntausend Westdeutsche und West-Berliner für die Stasi gearbeitet hätten. „Da ist es nicht unnormal, dass es Spitzel auch bei der Polizei gegeben hat. Dass deshalb die Geschichte der letzten Jahrzehnte neu geschrieben werden muss, glaube ich aber nicht. Da ist mir zu viel Verschwörungstheorie dabei.“

Vor dem Hintergrund der Kurras-Enthüllungen sollte das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke am 11. April 1968 nach Ansicht seines Sohnes Marek neu untersucht werden. Das gelte auch für mögliche Geheimdienst-Verwicklungen oder Stasi-Verstrickungen, sagte Marek Dutschke in einem dpa-Gespräch. Auch Rudi Dutschkes Witwe spricht in diesem Zusammenhang von Ungereimtheiten. Dutschke war von dem Attentäter Josef Bachmann niedergeschossen worden.

Die Birthler-Behörde sollte nach Ansicht Marek Dutschkes weiter nach möglichen Stasi-Verstrickungen in das Attentat forschen und überprüfen, „ob wirklich alle Erkenntnisse in diesem Fall schon ans Tageslicht gekommen sind, auch wenn man im Moment meint, man habe nichts gefunden“. Wie man im Fall Kurras gesehen habe, seien Überraschungen auch nach langer Zeit noch möglich.

 

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