Deutschstunde

Das Ganze ist belämmert, aber bitte mit "ä"

Foto: Andreas Laible / HA

Nicht die Rechtschreibreform war fragwürdig, sondern die Reform der Reform. Es kommt immer auf die Systematik der Regeln an

Vor drei Wochen schrieb ich an dieser Stelle, der "Un"-Rat für deutsche Rechtschreibung habe sich im Jahre 2006 mit Eifer bemüht, größeren "Flurschaden" im Regelwerk der Orthografie anzurichten. Ich konnte mir diese Bemerkung nach jahrzehntelangem Einsatz an der Rechtschreibfront nicht verkneifen, ahnte aber sofort, was kommen würde, nämlich Beifall von der falschen Seite. Es gibt immer noch Leute, die lesen, ohne auf den Zusammenhang zu achten, nur das Wort "Rechtschreibreform" und eröffnen sofort das Feuer. Vielen Dank für die Mails. Ich korrigiere Briefe an mich weder mit der Maus noch mit roter Tinte, da muss niemand Bedenken haben, wenn aber so ein Angriff auf die neue Schreibweise in drei Sätzen 15 Fehler aufweist, so hege ich doch schon einmal die Vermutung, dass es bei dem Absender letztendlich egal ist, ob er die alte oder die neue Rechtschreibung nicht beherrscht. Nein, es ging mir beim "Flurschaden" nicht um die Reform von 1998 bzw. um die von den ernst zu nehmenden Medien 1999 umgesetzte Agenturschreibweise, sondern um die Reform der Reform von 2006.

Die ursprünglichen Reformer hatten nach 1996 versucht, die inzwischen arg verwucherte Norm von 1901 in knappe und eindeutige Regeln zu fassen. Das war dringend nötig, nachdem der Duden 1955 von den überforderten Kultusministern die alleinige Regelhoheit (West) bekommen hatte und danach jede Wortspielerei des "Spiegels" und jeder Druckfehler des "Mannheimer Morgens" zu einem neuen Stichwort zu werden drohte. Es gab zwei oder drei Konrektoren in Deutschland, die leuchtende Augen bekamen, wenn sie "in bezug" und mit Bezug auf die Unlogik den Zeigestock auf seinem Platz "plazierten", die Klassenarbeiten mit Nummern "numerierten" und wussten, dass sie den Hintern ihrer Schüler nicht mehr "verbleuen", den Nagel im Chemieunterricht aber verbläuen durften. Selbstverständlich gehörte es zur Allgemeinbildung, den "Tolpatsch" mit einem "l" zu schreiben, weil jeder Abc-Schütze wusste, dass dieses Wort eigentlich "ungeschickt gehen wie ein talpas" bedeutete, also durch die Gegend wanken wie ein breitfüßiger ungarischer Fußsoldat.

Irgendwie war alles ein "bißchen belemmert" (von mittelniederd. belemmen – lähmen). Ich hatte im Abendblatt zum Abschied von der alten Rechtschreibung 40 Rechtschreibfragen gestellt und hinter jedem Beispiel zwei Kästchen drucken lassen, in denen man "richtig" oder "falsch" ankreuzen sollte. Andere Möglichkeiten gab es nicht. Wer lange genug gewürfelt hätte, wäre auf wenigstens 20 Richtige gekommen. Die Beste war eine Kollegin alter Schule mit acht Treffern. Übrigens waren alle 40 Beispiele richtig, nur hat's niemand geglaubt. So viel zur angeblich "klassischen" Rechtschreibung.

Eine Leserin schickt mir einen Artikel aus ihrer Firmenzeitschrift, mit dem sie vor 15 Jahren ihren Kolleginnen und Kollegen die neue Rechtschreibung zu erklären versucht hat. Der Inhalt ist so weit richtig, trotzdem wird keiner ihrer Mitarbeiter die Regeln verstanden haben. Sie macht den Kardinalfehler, die Schreibweise einzelner Wörter zu zeigen, etwa Fuß mit "ß" und Fluss mit "ss", aber nicht die Systematik, die dahintersteckt. Niemand möchte Tausende Schreibweisen wie Vokabeln lernen. Mit einer einfachen Erklärung der ss/ß-Regel hätte sie alle s-Laute abräumen können.

Und damit sind wir zurück beim "Flurschaden". Die Reformer hatten die klare Regel aufgestellt, dass zwei Verben, die zusammentreffen, getrennt geschrieben werden. Es heißt also baden gehen, lesen lernen und damals auch ausschließlich sitzen bleiben, liegen lassen und kennen lernen. Doch dann führten die Umformer 2006 bei bleiben und lassen wieder die Unterscheidung nach Bedeutung ein und machten kennenlernen gar zu einem Wort. Manche Leute sind nicht glücklich, wenn sie nicht jede Regel mit Ausnahmen und Unterregeln verwässern können. Diese Leute sollte man nicht an die deutsche Sprache lassen, sondern sie nach Brüssel schicken, damit sie die Verordnung über die Watt-Begrenzung bei Staubsaugern noch mit dem Zusatz versehen, dass diese Geräte am Weltfrauentag nicht benutzt werden dürfen.

Das Ganze ist belämmert, ich weiß, allerdings diesmal mit "ä".

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