Meinung
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Gegen die Vereinfacher

Wir müssen die politische und historische Bildung an den Schulen wieder stärken

Wer wählt die Bundeskanzlerin oder den Bundeskanzler? Und wer den Bundespräsidenten? Und was ist eigentlich die Aufgabe des Bundesrates? Wer mit manchen jungen Menschen heute über Politik spricht, weiß bisweilen nicht, worüber er mehr erstaunt sein soll – die Ahnungslosigkeit oder das Desinteresse.

Es gibt wunderbare Gegenbeispiele politisch und historisch sehr gut informierter und engagierter Jugendlicher. Nur: Die Faszination an der Debatte in der Demokratie und die Leidenschaft für den fair ausgetragenen Streit in der offenen Gesellschaft ist nicht mehr Allgemeingut. Lange vorbei sind die Zeiten, als sich alle Schüler gespannt um den (einzigen) Fernseher in der Aula versammelten, um eine wichtige Entscheidung des Bundestages wie etwa die Abstimmung über das Misstrauensvotum gegen den Kanzler live zu verfolgen.

Heute gibt es andere Wege der politischen Information und Kommunikation. Dabei ist Wissen insgesamt viel leichter zugänglich als in den vordigitalen Zeiten, die Quellen müssen nur auch genutzt werden. Sicher: Seit dem Ende des Ost-West-Konflikts haben weltanschauliche Debatten über Sozialismus und Kapitalismus, die lange zur Politisierung junger Menschen beitrugen, weitgehend an Bedeutung verloren.

Heute sind die radikalen Vereinfacher, die mit platten Sprüchen Eindruck machen wollen, die große Gefahr. Weil Demokratie, Frieden und Freiheit vielen als zu selbstverständlich erscheinen, weil sie nichts anderes mehr kennen, müssen die Schulen die politische und historische Bildung stärker ins Zentrum rücken. Zusätzliche Unterrichtsstunden können ein Weg sein. Aber die Politik selbst muss auch verständlicher und nachvollziehbarer werden.

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