Meinung
Deutschstunde

Rechtschreibreform hat Erleichterungen gebracht

Der Verfasser, 73, ist „Hamburgisch“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprach-Kolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

Der Verfasser, 73, ist „Hamburgisch“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprach-Kolumne erscheint dienstags

Wie war sie doch so klar und schön, die gute alte Rechtschreibung! Doch drei gleiche Konsonanten hintereinander gab es auch früher.

Nachdem die Bewegung "Rettet das Eszett!" unter den Lesern abzuebben beginnt und ich es am Sonntag sogar geschafft habe, kurz mit dem Hund an die frische Luft zu gehen, werde ich mich hüten, andere Proteststürme anzustoßen. Ich werde mich nicht zur historischen oder aktuellen Chronologie äußern, nicht zum sechsten Wochentag und nicht zur Datierung der ersten Dekade des dritten Jahrtausends, ich werde Altona nicht als "früher dänisch" bezeichnen, und ich werde die Rechtschreibreform nicht erläutern und verteidigen, weil ich das seit 20 Jahren bis zum Abwinken getan habe.

Wer immer noch nicht verstehen will oder verstehen kann, welche Erleichterungen die Reform gebracht hat, bei dem ist es eh egal, ob er die alte oder die neue Rechtschreibung nicht beherrscht.

Allerdings juckt es in den Fingern und die Nerven in der Magenspitze kräuseln sich, wenn ein Leser, offensichtlich firm in sämtlichen Variationen der Orthografie, in seiner Mail erklärt, er nehme "sich die Freiheit", einige Elemente der alten Rechtschreibung beizubehalten, und dann ein "daß" und eine "Schiffahrt" präsentiert.

Leider darf das Abendblatt sich nicht die Freiheit nehmen, anders zu schreiben, als es in der Schule gelehrt wird. Ich fühle mich bei solchen gezielten Herausforderungen immer wie ein katholischer Priester, der gefragt wird, wann er endlich heirate.

Dabei ist die Erinnerung an die gute, alte, klassische Rechtschreibung, die jeder fehlerfrei beherrschte, häufig genauso falsch wie die Erinnerung an die gute alte Zeit, in der immer die Sonne schien. Ein ehemaliger Moderator der "Tagesthemen" erklärte seinen Zuschauern stets bei jedem neuen Diskussionsbeitrag, drei gleiche Buchstaben hintereinander habe es früher nicht gegeben. Das war, wie der Hamburger sagt, natürlich "dumm Tüüch".

Selbstverständlich hat es damals, amtlich und laut Duden, drei gleiche Buchstaben hintereinander gegeben, sogar drei gleiche Konsonanten hintereinander. Oder wie haben Sie seinerzeit "fetttriefend", "Auspuffflamme" oder "Pappplakat" geschrieben?

Sogar die "Schiffahrt" besaß im Verborgenen ein drittes "f", das zum Leben erweckt wurde, wenn das Wort getrennt werden musste: Schiff-fahrt wie auch Brenn-nessel ("Brennessel") oder hell-lila ("hellila").

Die alte Regel war äußerst kompliziert (Vorsicht! Das Folgende gilt nicht mehr!). Sie lautete: Folgte auf die drei Konsonanten ein vierter Konsonant, so blieben alle Konsonanten erhalten, folgte aber ein Vokal, dann setzte man nur zwei – also "Balletttruppe" wegen des folgenden Konsonanten "r", aber "Ballettanz" wegen des folgenden Vokals "a". Demnach hätte es auch "Balletttheater" heißen müssen. Schließlich folgte der Konsonant "h". Doch das war falsch. Das "th" galt als ein Buchstabe, weil es sich um die Transkription des griechischen Buchstabens Theta handelte, was ein humanistisch gebildeter Grundschüler selbstverständlich von Geburt an parat hatte – damals also "Ballettheater".

Heute ist die Regel ganz einfach: Treffen bei der Wortbildung drei gleiche Buchstaben zusammen, fällt keiner von ihnen weg. Wer bestreiten wollte, dass die Rechtschreibreform zumindest an dieser Stelle eine deutliche Erleichterung gebracht hat, der belügt sich selbst.

Trafen drei gleiche Vokale zusammen, so wurde schon zu Großvaters Zeiten keiner von ihnen eingespart. Einen "Kaffeersatz", der wie ein Tippfehler beim Kaffeesatz daherkommt, wollte selbst der alte Konrad Duden niemandem zumuten. Daher wurde dringend empfohlen, mit Bindestrichen zu arbeiten: Kaffee-Ersatz, Tee-Ernte, Hawaii-Inseln. Das ist noch heute so. Allerdings galt und gilt diese Möglichkeit nur für substantivierte Zusammensetzungen, nicht jedoch für zusammengesetzte Adjektive und Partizipien: seeerfahren, schneeerhellt.

Kein Bindestrich steht, wenn verschiedene Vokale oder nur zwei gleiche Vokale zusammentreffen: Seeufer, Energieeinsparung, blauäugig, polizeiintern, Klimaanlage oder Bauausstellung. Einen Bindestrich kann man setzen, um Missverständnisse zu vermeiden. Zwischen einem Druck-Erzeugnis (Erzeugnis einer Druckerei) und einem Drucker-Zeugnis (Zeugnis eines Druckers) besteht ein erheblicher Unterschied.

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