Meinung
Hamburger Kritiken

Platz da, Vasco da Gama!

Foto: Reto Klar

In Hamburg sind die Umbenenner und Neudeuter los. Die Geschichte soll umgeschrieben werden – zumindest auf Straßenschildern

Vor Briefpapier sei gewarnt! Vor Stempeln mit Anschrift und Adressaufklebern. Wohnen Sie etwa Am Kamerunkai, in der Bismarckstraße, der Hagenbeckallee, am Schlossgarten oder Woermannsweg? Dann könnte es bald eng werden. Nachdem die Hindenburgstraße jüngst politisch korrekt gekürzt wurde, geht es nun der Kolonialgeschichte an den Kragen. Die Geschichte soll neu geschrieben werden – zumindest auf Straßenschildern. Die Umbennener und Neudeuter sind los. Geschichte wird nicht mehr aus ihrer Zeit erklärt, und die Handelnden werden nicht länger nach der Gesetzen ihrer Zeit beurteilt, sondern nach den Maßstäben der Moral von 2013 vermessen und verurteilt.

Um nicht missverstanden zu werden: Es ist so legitim wie notwendig, sich mit den dunklen Kapiteln deutscher Kolonialgeschichte zu befassen. Aber die Verve einiger Protagonisten droht eher in einer Säuberung auszuarten. Politisch ist die Forderung nach Umbenennungen längst ein Konsensthema, umstritten ist nur noch die Dimension. Alle Parteien in der Bürgerschaft etwa forderten im Mai den Senat zur Aufarbeitung des kolonialen Erbes auf. Die Grünen gehen da weiter und wollen "die Neugestaltung von Erinnerungsorten, die noch immer für Kolonialgeist und kolonialen Herrschaftskult stehen". "Mit den Partnern in Daressalam, der Black Community in Hamburg und den postkolonialen Initiativen haben wir die Möglichkeit, den eurozentristischen Blick auf die Kolonialgeschichte aufzuarbeiten."

Da gibt es richtig was zu tun. Dafür genügt ein Blick in die Ausstellung "freedom roads" im Kunsthaus, natürlich gefördert vom Steuerzahler. Auf der dazugehörigen Webseite werden akribisch deutschlandweit koloniale Straßennamen gesammelt, die umbenannt oder mit erklärenden Zusatzschildern versehen werden. "Diese Straßennamen erinnern nicht nur an besondere Orte der deutschen Kolonialgeschichte und an unfair erworbene oder geraubte ,Kolonialwaren'", heißt es da. "Bis heute ehren sie neben Profiteuren des Sklavenhandels und der Sklaverei auch Akteure und Symbolfiguren des deutschen Kolonialismus in Afrika, Asien und Ozeanien." Pfui!

Raten Sie mal, wie viele Straßen in Hamburg unter Beobachtung stehen. Auf der Liste finden sich nicht nur wirklich grenzwertige Straßennamen wie etwa die Walderseestraße, benannt nach dem Generalfeldmarschall, der brutal den Boxeraufstand niederschlug, sondern 109 weitere Straßen, Wege und Plätze, die in den Augen der verspäteten Entkolonialisierer Hautgout haben. Einige Aufarbeiter halten es offenbar wie Wilhelm II.: "Pardon wird nicht gegeben." Kritik gibt es am Vasco-da-Gama-Platz genauso wie an der Kolumbusstraße oder den Marco-Polo-Terrassen. An Forschern wie Amalie Dietrich, an Orten wie der Reismühle und Valparaiso. An Politikern wie Bismarck oder Kaufleuten wie Godeffroy, Laeisz oder O'Swald. Und natürlich ist der Schoß deutschen Kolonialismus fruchtbar noch. "Auch die HafenCity gibt sich neokolonial", empörte sich jüngst eine Afrikanistin. Wohin man schaut, Männer, die Kontinente entdeckt haben; Länder, die von deutschen Kolonialherren unterworfen wurden. Und dann veranstaltet der Bezirk Mitte auch noch einen Kolonialwaren-Wochenmarkt! Empörend. Wäre Richard Wagner nicht politisch so unkorrekt, würde man ihn zitieren: "Deutsch sein heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun."

Wohin das führen wird, lässt sich in Wandsbek besichtigen. Hier hat die Bezirksversammlung kürzlich einstimmig die Umbenennung von Wißmannstraße und Dominikweg beschlossen. Nun sind die Wandsbeker Bezirksabgeordneten für ihre besonderen Kenntnisse der Kolonialgeschichte bekannt, da möchte man sich von Experten nicht durcheinanderbringen lassen. Dass der afrikanische Philosoph und Autor Mubabinge Bilolo Wißmann aber beispielsweise als "großen Afrikaner" bezeichnet, ficht die Wandsbeker nicht an.

Längst kämpfen Aktivisten vor Ort schon "für eine umfassende Dekolonisierung des öffentlichen Raums unter aktiver Einbeziehung von Afrikaner_innen und Menschen der Afrikanischen Diaspora". Auf Deutsch möchte man "Wißmannstraße" und "Dominikweg" nach kamerunischen oder tansanischen Widerstandskämpfern benennen als "symbolische Wiedergutmachung". Exotisch ist dieser Antrag nicht: Im März 2012 hatten auch die Bundestagsfraktionen der SPD und der Grünen dazu aufgerufen, "Straßennamen und Denkmäler von Kolonialverbrechern durch die Würdigung afrikanischer Persönlichkeiten zu ersetzen". Gesagt, getan: In Berlin haben Bezirkspolitiker das Gröbenufer kürzlich in May-Ayim-Ufer umbenannt – eine afrodeutsche Lyrikerin gegen "Alltagsrassismus".

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