TV-Tipp
"Polizeiruf 110": Unter die Räder gekommen
Der sechste Fall des Rostocker "Polizeiruf 110"-Teams ist eine elegant ruppige Milieustudie um einen fahnenflüchtigen Rocker-Häuptling.
Ein Mord mit allem Drum und Dran muss eigentlich gar nicht sein. Es wäre bestimmt kaum weniger langweilig, wenn das sechste Drehbuch dem Rostocker "Polizeiruf"-Team einen verschnarchten, stinknormalen Büro-Mittwoch ins Sonntagabend-Format verordnet hätte. Keine frische Leiche, die beim Kantinenessen stört. Keinerlei Fortschritt bei der Ursachensuche für die gut abgehangenen Fälle. Kein Vorgesetzter, der quengelt, wann endlich jemand verhaftet wird, weil ihm die Pinscher von der Lokalpresse auf die Nerven gehen. Mehr als laues Herumtelefonieren und gepflegtes Kollegenveräppeln gäbe es 90 Minuten lang nicht zu sehen von Katrin König und Alexander Bukow. Ein Täter fiele leider aus, wegen ist nicht. Für so etwas bekäme eines der besten, aber nicht populärsten Bullen-Duos der ARD garantiert sofort einen Grimme-Preis.
Nächstes Mal vielleicht. Die LKA-Herbe aus dem Westen und das Zonen-Biest mit der Hau-rein-is-Tango-Mentalität haben es auch in ihrem neuen Charakter-Duell nicht eilig mit dem Ausplaudern von Dienst- oder anderen Geheimnissen. Es ist schon der dritte ihrer sechs Abendtermine, bei dem Eoin Moore für Buch und Regie verantwortlich ist. Er kennt seine Pappenheimer gut.
Diesmal, in "Stillschweigen", beginnt es eher amtlich, mit gleich zwei Toten, einer Frau und einem Mann. Eine harmlose Hebamme in ihrem Auto und mehr so aus Versehen tot, der andere ein Rostocker Rocker neben einer Landstraße, der ganz und gar nicht freiwillig vor seinen Schöpfer trat. Das erste, was man von Anneke Kim Sarnau zu hören bekommt, ist ein genervtes "Fuck, ey ..." Und schon ist der von Herzen bissige Grundton klar für diesen Fall, der wunderbar unkonstruiert konstruiert wurde.
Rostock ist nicht Hannover, sonst wären die Parallelen in die Schlagzeilen-Realität der letzten Wochen noch deutlicher. Aber dass kürzlich das Privathaus eines Hells Angels-Fürsten gestürmt wurde, als ginge es um eine Al-Qaida-Kommandozentrale, und dass bei dieser Aktion, sicher ist sicher, dessen Hund erschossen wurde, ist eine schöne Stimmungsgrundlage für die Einblicke, die König ins Rostocker Kutten-Milieu und seinen vermeintlichen Moralkodex bekommt, nach dem es für altgediente Kriminelle gerade noch okay ist, Leute zu vermöbeln, Drogen verkaufen aber geht schon nicht mehr in Ordnung. Die Hells Angels heißen hier Satanic Riders, es gibt lokale Konkurrenz, die ebenfalls gern in den miesen Rumpelbordellen der Stadt das Sagen hätte und Ladenbesitzern das Schutzgeld aus der Kasse zöge. Aus dieser Konstellation entwickelt sich ein Konflikt, in dem alle klassischen Zutaten enthalten sind: Liebe, Eifersucht, Gier, Frust, Dummheit, Gerissenheit.
Für die Äußerlichkeiten der Ermittlungen ist in diesem Fall vor allem Bukow zuständig. Er ist mal hier, mal da unterwegs und wird von Charlie Hübner so zuverlässig als harter Hund mit weichem Kern gezeichnet, dass auch dieser Anblick im offiziellen Nebenrollen-Modus eine Freude ist.
Die größere Freude beschert das atmosphärisch dichte Kammerspiel, das berührungslose Armdrücken, das sich Kollegin König mit einem fahnenflüchtigen Rocker-Häuptling liefert. Die beiden, weggeschlossen in ein geheim gehaltenes Waldhäuschen, umkreisen einander wie Ringer, die auf einen verräterischen Abfall der Körperspannung beim Gegenüber warten. Der eine, von Thomas Sarbacher mit phlegmatischem Tommy-Lee-Jones-Blick gespielt, ist bis an die Halskrause zutätowiert und mit echsenledrigem Pokerface unter der Rocker-Matte. Die andere weiß, dass sie nur etwas Brauchbares von ihrem Gegenüber bekommt, wenn sie dafür etwas von sich preisgibt und sich angreifbar macht.
An dieser Stelle verabschiedet sich das Drehbuch wahrscheinlich aus dem Bereich polizeitaktischer Wirklichkeiten ins Reich der TV-Krimi-Fantasien. Aber was macht das schon, wenn man dafür das eine oder andere weitere Puzzlesteinchen erhält, um sich ein Gesamtbild der ach so unnahbaren LKA-Perfektionistin zu machen.
Wer wen warum und wie umgebracht hat, wird dagegen schnell egal, das ist hier nur der Pflichtanteil an der elegant ruppigen Milieustudie, den es braucht, um am Ende einige Handschellen an den Richtigen klicken zu lassen. Eigentlicher Anlass für 90 Minuten bester Unterhaltung ist die Besichtigung eines total ungleichen Paars, das sich immer näher kommt. Morde sind dabei, wie so oft, nur Mittel zum Zweck.
Update: Mit 7,39 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von 21,3 Prozent konnte "Stillschweigen" den Tagessieg in den TV-Quoten für sich verbuchen.















