27.08.12

WDR-Sportchef

Steffen Simon: "Ich nehme konstruktive Kritik sehr ernst"

Ein Nachmittag im Stadion mit Steffen Simon, dem WDR-Sportchef und bei Fans derzeit wohl umstrittensten deutschen Fußballkommentator.

Foto: Röhrbein ( ingo-roehrbein.de )/Roe
Aus der Kommentatorenkabine hat Steffen Simon den besten Blick auf das Spielfeld. Hier sind es noch einige Minuten, bis das Spiel Hamburger SV gegen den FC Nürnberg beginnt
Aus der Kommentatorenkabine hat Steffen Simon den besten Blick auf das Spielfeld. Hier sind es noch einige Minuten, bis das Spiel Hamburger SV gegen den FC Nürnberg beginnt

Hamburg. Selbst unter Sportreportern kursiert offenbar eine imaginäre Negativtabelle der Fußballkommentatoren, und Steffen Simon ("Da stelle ich doch sofort den Ton ab!"), nimmt darauf einen der vorderen Plätze ein. In diversen Fan-Blogs ("arrogant, eitel, keine Ahnung!") sowie bei Facebook ("blutleer, keine Ahnung!") erhält man die gleiche Antwort, und am Bratwurststand vorm Stadion heißt es: "Das sind doch alles Flachpfeifen!"

Steffen Simon ist der wohl umstrittenste deutsche Fußballkommentator, immer wieder sind es merkwürdige, selbstherrliche Feststellungen, die für irritierte Reaktionen sorgen. Etwa bei der WM 2006, als Kanzlerin Angela Merkel beim Vorrundenspiel Deutschland gegen Polen ohne Begleitung im Stadion erschien und Simon feststellte: "Die könnte wenigstens mal ihren Mann mitbringen." Bei keinem anderen Moderator laufen die Twitter-Konten so heiß, kaum dass die Übertragung aus dem Stadion begonnen hat. Keine Frage: Kommentator sein ist ein Deutschland mindestens so schwer wie Kanzler sein.

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Als Steffen Simon zwei Stunden vor dem Anpfiff am Stadion im Volkspark eintrifft, sind längst viele Hundert Meter Kabel ausgerollt, Funk- und Satellitenstrecken sowie insgesamt neun feste Kameras eingerichtet. "Hallo, Tach zusammen", sagt Steffen Simon leise, als er das Produktionsbüro betritt, ein stickiger Container, der vor allem wegen der Kaffeemaschine gebraucht wird, oder falls es regnet. Als Sportchef des WDR ist Simon, Jahrgang 1965, verantwortlich für die "Sportschau" und damit ein Enkel der Fernsehlegende Ernst Huberty, dem Erfinder der verschmitzten Sachlichkeit im Sportjournalismus. "Huberty ist mein Mentor", wird Simon später sagen, "er ist zwar schon 85 Jahre alt, aber er hat eine unglaubliche Kompetenz." Die "Sportschau" wird seit dem 4. Juni 1961 ausgestrahlt.

Da es nicht regnet, konferiert die ARD-Mannschaft unter freiem Himmel. Simon ist jetzt nicht Chef, sondern Kommentator, Mitglied eines Teams, das um Punkt 19.01 Uhr eine neunminütige Zusammenfassung des Spiels aus Hamburg live in die Sendung einspielen muss, die in Köln produziert wird. Er weiß bereits genau, welche Geschichte er erzählen will: dass beim HSV unbedingt etwas passieren muss. Und er weiß auch, dass er polarisiert, sobald er ins Mikrofon spricht. Seinen Namen googelt er schon lange nicht mehr. "Ich nehme konstruktive Kritik sehr ernst", wird er später ebenso ernsthaft sagen. "Aber ich kann es niemals allen Zuschauern recht machen, und das will ich ja auch nicht."

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Dann wird Simon mit verblüffender Offenheit erzählen, wie er mit 25 total frustriert seinen Job beim Radio geschmissen hat, um für drei Monate auf einer österreichischen Alm Ziegenkäse zu produzieren. "Danach wusste ich, wie leicht ich bis dahin mein Geld verdient hatte. Das Melken hat mich demütig werden lassen." Er wird durchscheinen lassen, dass für ihn immer alles etwas zu früh kam: Der Kinderreporterjob beim Rias in Berlin mit gerade mal 13 Jahren neben der Schule, das anschließende Volontariat, die steile Radiokarriere, die Beziehung zu einer sechs Jahre älteren Frau, aus der seine heute 25-jährige Tochter hervorging (inzwischen ist er mit einer neun Jahre jüngeren Frau verheiratet). Dann der Bruch, gefolgt von der Entscheidung, sich zukünftig nur noch aufs Fernsehen zu konzentrieren. Immer akribisch vorbereitet und vollgestopft mit Wissen über Vereine, Spieler, Trainer und Schiedsrichter. "Bis der Bremer Radioreporter Helmut Poppen zu mir sagte: 'Du brauchst drei Jahre, um dir dein Image aufzubauen. Und du brauchst 15 Jahre, um es wieder loszuwerden.'" Simon lächelt verlegen, fast wie ein Bub in Lederhosen, der mit dem Fußball eine Fensterscheibe zerschossen hat. "Anfangs habe ich die Zuschauer wohl tatsächlich manchmal belästigt", sagt Simon, "aber ich arbeite daran, mit meinen Reportagen niemandem mehr auf die Nerven zu gehen."

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Doch Fußballfans sind nun mal grausam. "Einige Leute können kochen, einige können backen, aber alle können Fußball", sagt auch Dustin Wagner, der junge Techniker, der mit Simon regelmäßig in den Stadien unterwegs ist. Er versteht die teils hämische Kritik an Steffen nicht. Keiner am Set tut das, nicht mal hinter vorgehaltener Hand. "Arrogant? Selbst wenn etwas schiefläuft, ich kann mich nicht daran erinnern, dass Steffen jemals ausgeflippt wäre. Da kenne ich ganz andere ..."

Beide müssen während des Spiels in der Kommentatorenkabine mehrere Informationsquellen gleichzeitig im Auge behalten und im Sekundentakt Entscheidungen über Szenenbilder fällen. Denn der Beitrag muss bereits während des laufenden Spiels zusammengeschnitten werden, sonst wird die Zeit zu knapp. Nebenbei schreibt Simon seine Texte in eine Kladde, während gleichzeitig krächzende Kommandosignale durch die Kabine wabern und draußen 50 000 Zuschauer brüllen.

Sie diskutieren viel, ruhig, konzentriert und auf Augenhöhe; der große Simon und der kleine Techniker Dustin. Um 19.01 Uhr sitzt Simon im schallgedämmten Führerhaus des Ü-Wagens. "Die Uhren für Trainer Thorsten Fink und Sportdirektor Frank Arnesen könnten bald rückwärts laufen", sagt er am Ende seines 442. Berichts. Und hat alles richtig gemacht.

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