TV-Kritik zu "X-Factor"
H.P. Baxxter verlor nur einmal seine Freundlichkeit
Die Castingshow "X-Factor" ist bei RTL in die dritte Staffel gestartet. Zum Auftakt sahen nur knapp zwei Millionen Zuschauer übliche Emotionen.
Hamburg. Wie so oft im Leben passieren die spannenden Dinge hinter der Bühne. Backstage wird gelästert ("Das ist doch keine Frau, die da singt!" - doch, es ist eine); ein Gesangstalent, Typ irischer Singer-Song-Writer mit Weltschmerz, weint beim Telefonat mit der Ehefrau vor Rührung ins Handy. Ein Teenager im Malerkittel hat gerade noch der Kamera gestanden, dass er im Job vorrangig Asbest von den Wänden kratzt, wenig später rockt er mit seiner ebenfalls ganz in weiß gekleideten Band die Halle.
Dieser Blick hinter die große Bühnenshow ist natürlich kein Zufall. Die Castingshow "X Faktor" , deren dritte Staffel am Sonnabend startete, setzt ganz bewusst auf Emotionen. Sendungen, in denen Gesangstalente gesucht werden, gibt es im Fernsehen schließlich so viele wie Regentage in Hamburg - und dass man mit "Du Depp singst wie ein überfahrener Maulwurf"-Sprüchen à la Bohlen keine Zuschauermengen mehr vor den Bildschirm lockt, ist den Machern längst klar. Gänsehautmomente sind gefragt. Und von denen hatte die zweistündige Vox-Castingshow, die ihre Premiere beim Schwesternsender RTL feiern durfte (und dort mit nur 1,93 Millionen Zuschauern die Erwartungen enttäuschte), reichlich im Angebot.
Neben Stammjurorin Sarah Connor nahmen dieses Mal die "Guano Apes"-Frontfrau Sandra Nasic, Produzent Moses Pelham und der Hamburger H.P. Baxxter, besser bekannt als Scooter, der in seiner Karriere sagenhafte 30 Millionen Platten verkauft hat, in der Jury Platz. Eine grundsympathische Truppe - auch wenn Sarah Connor manchmal während einer Gesangsdarbietung den von Heidi Klum perfektionierten Dominablick auflegte. Meistens aber konnte es den Juroren gar nicht schnell genug gehen, den leuchtenden X-Buchstaben auf das Tischchen vor ihnen zu knallen. X wie X-Faktor natürlich. Aber auch X wie: Du bist in der nächsten Runde. Im Bootcamp, wie es hier so schön heißt.
H.P. Baxxter und Moses Pelham teilen sich Lieblingsgwort
Dieses Etappenziel erreichten unter anderem eine 16-Jährige mit einer schlüpfrigen Kate-Perry-Imitation (und "Pornoschuhen", wie ein Konkurrent lästerte), jener eingangs erwähnte Gitarrenklimperer mit der Samtstimme, der eine U2-Nummer ins Mikro hauchte, sowie eine blinde Schülerin, die nicht nur ihre Eltern und den halben Zuschauerraum zum Weinen brachte, sondern auch Moses Pelham. Etwas verlegen wischte sich der Produzent, der mit H.P. Baxxter das Lieblingswort "Hammer" teilt, sich ein Tränchen aus dem Augenwinkel. "Nicht weinen, sonst fange ich auch noch an", sagte Sarah Connor, bevor sie auf die Bühne eilte, um das Mädchen in die Arme zu schließen. Unnötig zu sagen, dass man sich im Bootcamp wiedersieht.
+++ Nicole Scherzinger wird Jurorin bei X-Factor +++
Nur ein Schönling, den jeder Manager im Auge behalten sollte, der eine neue deutsche Boy Group zu gründen gedenkt, konnte mit seinen Verrenkerposen und den vor dem Spiegel eintrainierten "Take That"-Gesten nicht bei der Jury landen. "So läuft das nicht", sagte der sonst dauerfreundliche H.P. Baxxter. "Aber hübsch war er", sagte Connor zu Kollegin Sandra Nasic. Die Botschaft: Kalkül funktioniert nicht, das Herz muss dabei sein.
Dass die Kölner Band "Mrs Greenbird" es in die nächste Runde schaffen würde, war aus diesem Grund klar, bevor der bärtige Gitarrist überhaupt eine Seite gezupft hatte. "Herz", sagte seine Frau, "Herz, sei ein bisschen nett, bitte. Nicht so verschroben." Hat er dann auch gemacht, die Ehefrau war glücklich. "X Faktor" hat in der Auftaktfolge ein paar wenige gute Sänger präsentiert - und sehr viele richtig nette Leute. Deretwegen schaltete man schließlich ein.
















