Nachbetrachtung

"extra 3"-Redaktionsleiter über Böhmermanns Erdogan-Satire

Andreas Lange, Redaktionsleiter der NDR-Satiresendung "extra 3", bereut nichts.

Foto: dpa

Andreas Lange, Redaktionsleiter der NDR-Satiresendung "extra 3", bereut nichts.

Der Beitrag ist kurz, aber folgenreich. Die Satiresendung "extra 3" nimmt mit einem Lied den türkischen Präsidenten aufs Korn. Dieser findet das gar nicht lustig. Das ist schon wieder ein Jahr her.

Hamburg. Als die Sendung "extra 3" ihren satirischen Beitrag "Erdowie, Erdowo, Erdogan" zeigt, waren die deutsch-türkischen Beziehungen noch deutlich entspannter. Dennoch löste das kurze Video einen Eklat aus, der deutsche Botschafter wurde einbestellt. Das ist inzwischen ein Jahr her.

Heute sei die Situation in der Türkei deutlich schlimmer als damals, sagte der beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) zuständige Redaktionsleiter Andreas Lange im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. "Das macht mich als Satiriker - aber auch als Mensch - nicht gerade glücklicher. Das ist traurig." Den Satire-Film über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan würde die Redaktion wieder so machen.

Frage: Wenn Sie zurückblicken, wie sehen Sie die Entwicklungen in der Türkei in dem Jahr, seitdem Sie Ihren Beitrag gezeigt haben?

Antwort: Die Situation damals im März 2016 war im Vergleich zu heute fast noch harmlos. Da hatte die Türkei mit der EU über die Flüchtlinge verhandelt. Wenn man sich anguckt, was danach alles passiert ist, wie zum Beispiel der türkische Wahlkampf gerade nach Deutschland gezogen wird. Oder nach dem Putsch, als die ganzen Verhaftungswellen kamen. Es ist ja alles noch viel schlimmer geworden in der Türkei. Das macht mich als Satiriker - aber auch als Mensch - nicht gerade glücklicher. Das ist traurig. Die Lage in Deutschland ist traumhaft im Vergleich dazu. Da leben wir auf der Insel der Seligen, was Presse- und Meinungsfreiheit angeht. Insofern bin ich total froh, dass wir eine Sendung wie "extra 3" hier in Deutschland so frei machen können.

Frage: War der Beitrag damals in der Redaktionskonferenz umstritten?

Antwort: Nein, überhaupt nicht. Wir haben so etwas wirklich nicht zum ersten Mal gemacht, Kritik an Staatsoberhäuptern ist bei uns ja regelmäßig im Programm. Es ist uns aber wirklich nicht klar gewesen, dass der Beitrag eine solche Auswirkung haben würde. Und er hätte ja auch nie solche Auswirkungen gehabt, wenn der deutsche Botschafter nicht in Ankara einbestellt worden wäre. Da nahm das so richtig Fahrt auf. Erst wurde ja nur darüber getwittert, aber dann haben die Medien weltweit das Thema aufgenommen, und es ging Schlag auf Schlag und war dann zwei Wochen lang in den Schlagzeilen. Wir haben uns nur angeguckt und mit dem Kopf geschüttelt und gedacht "Das kann doch nicht wahr sein". Das Lied an sich, das war ja überhaupt nicht überzogen, das war klassische Satire.

Frage: Nach den Reaktionen von türkischer Seite auf Ihren Beitrag, wenn Sie noch einmal entscheiden müssten, würden Sie Ihr Stück wieder so machen?

Antwort: Ja, auf jeden Fall. Wenn sich Herr Erdogan auf den Schlips getreten fühlt, dann ist das ja eigentlich ein Traum für Satiriker. Das spornt einen ja noch an - wenn es inhaltlich begründet ist. Und wir haben ja nie juristische Auseinandersetzungen gehabt, auch im Sender nie Probleme bekommen, der Rundfunkrat hat sich nicht damit beschäftigt. Das war alles im Rahmen von Artikel 5 Grundgesetz, also von der Meinungsfreiheit gedeckt. Das war keine Beleidigung, es war nichts, was nicht rechtens wäre. Deswegen haben wir uns nicht vorher, nicht währenddessen und nicht danach gefragt, ob wir da was falsch gemacht haben. Die Vorwürfe aus Ankara haben uns deswegen ziemlich kalt gelassen. Wenn man sich als Satiriker in Deutschland von der Kritik einer Regierung einschüchtern lässt, dann hätte man hier Verhältnisse wie in der Türkei.

Frage: Wie haben Sie denn Jan Böhmermanns Beitrag zwei Wochen später empfunden, der auf Ihr Lied reagiert hat?

Antwort: Er hat einfach ein anderes Konzept, wir würden das in der Form nicht machen. Es ist ja gut, dass es in Deutschland die verschiedensten Formen von Satire gibt. Das war ja lange Jahre anders. Aber uns geht es nicht um den größtmöglichen Aufmerksamkeitserfolg, wir planen eher nach journalistischen Gesichtspunkten: Welchen Missstand gibt es da, was gibt es da zu kritisieren? Und welche Person ist dafür verantwortlich? Eine Provokation, um einen größtmöglichen Aufschrei zu erzeugen, das ist zwar auch eine Form der Satire, aber nicht in erster Linie, wie "extra 3" es machen würde. Wir haben auch regelmäßig Beiträge, bei denen sich Leute beschweren, aber das ist nicht der Grund, warum wir die Beiträge machen. Ich glaube, das war damals bei Böhmermann anders. Die haben sich hingesetzt, pass mal auf, wir gucken jetzt mal, wie wir den größten Knalleffekt hinkriegen, und das haben sie ja perfekt geschafft. Aber das ist nicht der Stil von "extra 3".

ZUR PERSON: Andreas Lange (46) wurde in Pinneberg (Schleswig-Holstein) geboren. Er studierte Kulturwissenschaften in Lüneburg, volontierte beim NDR und arbeitete anschließend als freier TV-Journalist unter anderem für das Politmagazin "Panorama" und "extra 3". Seit 2007 ist er Redaktionsleiter der NDR-Satiresendung.