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Themenabend: Je suis Charlie, je suis Paris

Am Place de la République versammeln sich am 11. Januar 2015 Tausende Menschen, um gegen Terrorismus und Fremdenhass zu demonstrieren.

Foto: dpa

Am Place de la République versammeln sich am 11. Januar 2015 Tausende Menschen, um gegen Terrorismus und Fremdenhass zu demonstrieren.

Der Terror, der die französische Hauptstadt zu Beginn und gegen Ende des zu Ende gehenden Jahres überzogen hat, ist unvergessen. Ein Gesellschaftsmodell wurde erschüttert, sagt ein Dokumentarfilmer.

Berlin. Die Bilanz ist grauenerregend. Am 7. Januar 2015 haben zwei maskierte Terroristen die Redaktion des französischen Satire-Magazins "Charlie Hebdo" überfallen und dabei elf Mitarbeiter getötet. Am 13. November haben insgesamt sechs unmaskierte Terroristen mehrere öffentliche Plätze in Paris gestürmt und dabei 130 Menschen getötet und 352 Leute verletzt, davon 97 schwer.

Die Dokumentation "Je suis Charlie, je suis Paris" befasst sich ausführlich mit diesen Ereignissen und versucht eine Aufarbeitung. Arte zeigt sie am kommenden Dienstag um 20.15 Uhr. Es folgen im Anschluss drei weitere Dokumentationen und eine Gesprächsrunde.

Beide Terrorangriffe waren kalt koordinierte und eindeutig islamistisch motivierte Attentate - zu ihnen hat sich später die terroristische Vereinigung "Islamischer Staat" (IS) bekannt. Zunächst ging es um ein Satire-Magazin und um die Pressefreiheit, dann ging es um das freie Leben an einem schönen Freitagabend in einer Stadt, die wie es kaum eine sonst versteht, das Leben zu feiern.

Der französische Staatspräsident François Hollande, der ansonsten oft keine ausgesprochen glückliche Figur abgegeben hatte, fand in den schweren Stunden die richtigen Worte für sein verzweifeltes Volk: "Paris ist das Ziel, das ist der blanke Horror. Frankreich ist in einem Ausnahmezustand, aber es wird sich nicht bezwingen lassen. Wir werden unsere Freiheit verteidigen!"

Das mag pathetisch klingen, verfehlte aber seine Wirkung nicht: eine Welle der Solidarität und des Mitgefühls ging durch Europa und die ganze Welt, es gab eindrucksvolle Schweigemärsche und würdige Gedenkfeiern; und es gab viele Zeichen der Betroffenheit in den sozialen Medien (die französischen Nationalfarben blau-weiß-rot waren überall zu sehen) und den TV-Sendern - auch bei Arte wurde, zumindest für eine kleine Weile, das Zeichen "Je suis Charlie/Paris" eingeblendet.

Im Film kommen unter anderem der französische Innenminister Bernard Cazeneuve zu Wort, ferner Laurent Sourisseau alias Riss (Geschäftsführer von "Charlie Hebdo"), Gérard Biard (der jetzige Chefredakteur), Kurt Westergaard (Zeichner der Mohammed-Karikaturen 2005 in Dänemark), dazu einige Soziologen, Philosophen und Journalisten.

Breiter Raum wird der Philosophin Élisabeth Badinter eingeräumt, die der Meinung ist, dass das Satire-Magazin schon länger ein Fanal der Blasphemie gewesen sei, aber eben auch ein starker Ausdruck der Meinungsfreiheit. Damit habe das Magazin für auch für viele gläubige Menschen in Frankreich ein Problem dargestellt, insbesondere natürlich für Fanatiker, die ihre Religion beschmutzt sahen. Badinter spricht ferner von positiven Folgen der Terrorangriffe, die eine große Einheit und Einigkeit im Lande ausgelöst hätten, die sich wiederum positiv auf die französische Gesellschaft ausgewirkt habe.

Der Autor des Arte-Films, Benoît Bertrand-Cadi, betrachtet dieses Jahr des Terrors aus rein französischer Sicht. Er sagt im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa: "Wir wollten auch zeigen, inwiefern der französische Militäreinsatz in Mali dazu beigetragen hat, dass Paris als Anschlagsziel ausgewählt wurde. Die Anschläge auf "Charlie Hebdo" hatten gewissermaßen dasselbe "Motiv" wie die Attentate in Dänemark einen Monat darauf. Sie richteten sich gegen Symbole: gegen die Meinungsfreiheit und die jüdischen, französischen und dänischen Gemeinschaften. Im November wurden ein Gesellschaftsmodell und eine symbolträchtige Stadt in ihren Grundfesten erschüttert."

Das Medienecho der Anschläge im November sei mit denen vom Januar nicht zu vergleichen, sagt Bertrand-Cadi. "Die Attentate in Paris hinterließen tiefere und schmerzhaftere Wunden, die sicher viel später verheilen werden und das politische Schicksal des Landes, aber auch die französischen und europäischen Regierungen schwer belasten könnten. Die französischen Medien haben gelernt, wie man über ein solches Thema angemessen berichtet. Die - gelinde gesagt - "Ausrutscher" vom Januar wurden im November nicht wiederholt. Darf man sich darüber freuen? Ich weiß es nicht."