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Durchgecheckt: Wirtschaftsmotor Zuwanderung?

Flüchtlinge auf dem Weg zu einem Verteilerpunkt.

Foto: dpa

Flüchtlinge auf dem Weg zu einem Verteilerpunkt.

Kein Thema ist derzeit so aktuell wie das Thema der Flüchtlinge, die nach Europa strömen. Zeit für eine gründliche Bestandsaufnahme.

Berlin. Die Welt ist in Bewegung geraten: Von den sieben Milliarden Menschen auf dieser Erde leben 232 Millionen außerhalb ihres Heimatlandes, 70% davon stammen aus Entwicklungsländern.

Fast die Hälfte der 72 Millionen Migranten in der EU sind Europäer, die von einem Mitgliedsland in ein anderes ziehen. Das und vieles andere erfährt das Publikum in der Dokumentation "Durchgecheckt: Wirtschaftsmotor Zuwanderung?", die an diesem Dienstag (22.50 Uhr) auf Arte zu sehen ist.

Der Film beginnt mit einem Cartoon und dem Kommentar: "Nicht die Wirtschaft ist kompliziert, sondern ihr ABC. Der Mensch hat überall und zu allen Zeiten viele Codes erfunden, die seine eigentlichen Vorhaben verschleiern. Das Wesen der Immigration hat sich in den letzten 50 Jahren stark verändert, wird aber immer noch als Problem wahrgenommen." Soll wohl heißen: Die Einwanderer wollen ein großes Stück von unserem Kuchen abhaben. Wäre es daher nicht endlich an der Zeit, Begriffe und Sichtweisen zu ändern? Es ist, wie fast alles, eine Frage der Definition und der Perspektive.

Der britische Ökonom Ian Preston erläutert sehr anschaulich, warum wir mit vielen Begriffen wie Ausländer, Einwanderer, Flüchtling, Illegaler und so weiter umgehen, ohne überhaupt genau zu wissen, wofür sie stehen - oder was das Wort "Immigrant" überhaupt bedeutet: "Es handelt sich um eine Person, die im Ausland geboren wurde und nicht um jemanden, der kein britischer Staatsbürger ist. Das sorgt für Verwirrung in der politischen Debatte. Das Wort Migrant hat keine juristische Bedeutung, da die meisten Migranten mittlerweile Einheimische sind; das Wort Ausländer hingegen schon", so Preston.

Etwa 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung in Deutschland haben mindestens ein Elternteil ausländischer Herkunft. Der Historiker Klaus J. Bade (Osnabrück) weist darauf und auf die Situation in den USA hin, wo es eine ganz andere Kultur gibt. "Dort kennt man Citizens (Bürger), Immigrants (Einwanderer) und Foreigners (Ausländer). Ein Einwanderer ist dort durchaus willkommen, wenn er Amerikaner werden will, während der Begriff Immigrant bei uns negativ besetzt ist und als Unwort eigentlich abgeschafft werden sollte", sagt Bade.

Die Filmautoren Bruno Masi und Jacques Goldstein liefern einen historischen Abriss seit dem Zweiten Weltkrieg, mit vielen Stellungnahmen und Standpunkten von Politologen, Ökonomen und Historikern (darunter Befürwortern und Gegnern der Zuwanderung), aber auch mit kleinen Filmausschnitten, zum Beispiel aus Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele auf". Zu Wort kommen auch Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, meist aus Gründen wie Krieg und Vertreibung - so wie ein junger Mann aus Stockholm, wo er sich zumindest sprachlich perfekt integriert hat, der aber nicht genau sagen kann, ob er sich immer noch mehr als Iraner fühlt oder als Schwede.

Die Erzählungen von weiteren Einwanderern in den USA oder in Italien zeigen, dass sich die Lebensbedingungen in einer globalen Welt stark verändert haben: Arbeiten kann man nahezu überall, und den Kontakt in die Heimat kann man via Internet und sozialen Medien sehr gut halten. Die Erweiterung der EU zum Schengen-Raum wird ebenso thematisiert wie deren Bedrohung in Zeiten zunehmender Völkerwanderungen, wo offene Grenzen immer mehr durch verstärkte Grenzkontrollen - nicht mehr nur an den EU-Außengrenzen - oder gar durch die Errichtung von Zäunen abgeschafft werden sollen.

So manches Vorurteil ist indes noch immer nicht abgeschafft - viele Menschen hierzulande glauben weiterhin, dass Einwanderer ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen und das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Die Erkenntnis, dass vor allem junge Menschen, die nun verstärkt nach Deutschland kommen und hier bleiben und arbeiten oder studieren möchten, nicht nur eine wirtschaftliche und kulturelle, sondern auch eine große demografische Chance für ein stark alterndes Land wie Deutschland sein können, setzt sich nur ganz allmählich durch.

Deutschland ist nicht erst seit der Süd- und Osterweiterung der EU ein Einwanderungsland und wird es auch bleiben, und es wäre zu hoffen, dass ein zunehmend unverkrampfter Umgang mit dieser Tatsache möglich ist. Das zunehmende Verlangen, sich wieder verstärkt abzuschotten, sollte gerade in einer Welt, die so massiv in Bewegung geraten ist, nicht den Blick auf das Menschliche verstellen.