Gruner + Jahr

Verbrechen lohnt sich doch – in Zeitschriftenform

Felix Bringmann,
Christian Krug,
Wibke Bruns und
Giuseppe Di Grazia
(v. l.) sind die
Köpfe hinter
„Stern Crime“

Foto: Gruner + Jahr

Felix Bringmann, Christian Krug, Wibke Bruns und Giuseppe Di Grazia (v. l.) sind die Köpfe hinter „Stern Crime“

Von der Begeisterung für das Böse erhofft sich der Hamburger Verlag Gruner + Jahr Leser für sein neues Heft "Stern Crime".

Hamburg.  Verbrechen fasziniert. Nicht umsonst haben Krimireihen wie der sonntägliche "Tatort" immer noch Einschaltquoten, von denen andere Formate nur träumen können, führen Thriller und Krimis regelmäßig die Bestsellerlisten des Buchhandels an. Die Abgründe der menschlichen Seele, nur allzu gern wirft man einen Blick hin­ein – aus sicherer Entfernung, versteht sich. Von dieser ausdauernden Begeisterung für das Böse erhofft sich auch der Hamburger Verlag Gruner + Jahr Kundschaft für den neuesten Ableger der "Stern"-Familie: "Stern Crime" heißt das Heft, und schon das Cover verspricht Mysterien und Rechercheleistung: Die Schreibmaschinenschrift, die Assoziationen an verrauchte Büros von Ermittlern und Journalisten weckt – samt kunstvoll verdrecktem kleinen e –, das Bild einer leeren Schnellstraße im Nebel und der Untertitel "Wahre Verbrechen", sie sollen die Neugier wecken.

Im Editorial legen der "Stern"- Chefredakteur Christian Krug und sein Vize Giuseppe Di Grazia, die als Herausgeber respektive Redaktionsleiter von "Stern Crime" fungieren, nach: "Verbrechen berühren etwas ganz tief in uns, weil sie Grenzerfahrungen sind", erfährt der Leser. Was folgt, ist eine bunte Tüte Strafgesetzbuch, natürlich mit speziellem Fokus auf dem schlimmsten aller Verbrechen, Mord. Dem Teil des kanadischen Highways 16, auf dem seit 1970 je nach Zählung zwischen 18 und 43 Frauen verschwunden sind, gebührt die Titelgeschichte. Daneben wird von den Einwohnern eines Dorfes erzählt, die zum Lynchmob wurden, von Erpressern und Bankräubern, von Stalkern, Betrügern und von Polizisten. Und immer wieder von Mördern und ihren Werkzeugen.

Mord und Totschlag zum Nachlesen – und als praktischer Überblick. Denn die Gifte werden nicht anhand eines speziellen Falls geschildert, ihnen widmet "Stern Crime" einen kleinen Rundumschlag: Arsen, Insulin, Zyankali, Rattengift, Tollkirsche, Rizinus, Quecksilber und Giftpilze, alle fein säuberlich aufgereiht und optisch ansprechend präsentiert. Samt Beschreibung des Wirkstoffs, der Symptome und einem Verweis auf einen Fall, bei dem zu diesem Toxin gegriffen wurde. Im Begleittext zur Bilderserie, der man den Titel "Schöner sterben" geben möchte, orakelt die Autorin, dass es unter Umständen deshalb mehr Giftmörderinnen als -mörder gibt, weil frau den Tod gleichsam nur vermitteln würde, und nicht – wie die grobschlächtigen Männer – direkt zur Tatwaffe griffe. Sie schließt mit einem Fazit, dass man sich küchenpsychologischer kaum vorstellen kann: "So wie Gift schon immer beides war, Heilmittel und Todestrank, galt auch die Frau schon immer zugleich als Heilige und Hexe. In beidem zeigt sich die Ambivalenz, die in jedem Menschen steckt: zu lieben und zu töten." Hach, was romantisch, der Griff zum Schierlingsbecher als Sinnbild der fundamentalen Gegensätze, die frau in sich vereint.

Es geht glücklicherweise auch interessanter und weniger verschwurbelt: Das Interview mit dem Verhörspezialisten Dieter Bindig liest sich beispielsweise tatsächlich ziemlich spannend, genau wie die Geschichte der Amerikanerin Frances Glessner Lee, die in den 30er-Jahren das erste gerichtsmedizinische Institut der USA gründete. Und die mit akribischer Detailversessenheit Modelle von Tatorten baute, Puppenstuben des Todes, an denen amerikanische Ermittler in der "The Wire"-Stadt Baltimore bis heute ihre Beobachtungsgabe schulen.

"Stern Crime" kommt mit einer Startauflage von 150.000 Exemplaren auf den Markt, ein Erscheinungsrhythmus von zwei Monaten ist geplant. Die Zeitschrift dürfte sowohl bei kriminalistisch Interessierten als auch bei Freunden der Reportage, die etwas näher an ihren Protagonisten ist, als es die journalistische Distanz eigentlich gebietet, ihre Käufer finden. Schließlich gilt für Mord dasselbe wie für Sex: Er verkauft sich gut.

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