31.10.12

US-Serien

"Girls" und "New Girl" - Die neuen Anti-Heldinnen

Die Serien "Girls" und "New Girl", die mittwochs im deutschen Fernsehen laufen, zeigen komplexe und zugleich komische Frauentypen.

Von Birgit Reuther
Foto: © 20th Century Fox
Serie "New Girl" auf Pro Sieben
Niedlicher Nerd: Zooey Deschanel lebt als "New Girl" in einer Männer-WG

"Prekär" ist ein derzeit inflationär gebrauchtes Wort. Es ist das Adjektiv, das nicht lange auf sich warten lässt, wenn von der Krise die Rede ist. Häufig ist damit eine finanziell klamme Lage gemeint. Insofern passt die Vokabel bestens, um zwei neue US-Serien über junge Frauen zu beschreiben, die beide am Mittwoch im deutschen Fernsehen laufen: "Girls" und "New Girl".

Traf sich die Damenwelt dem Klischee zufolge um die Jahrtausendwende einmal pro Woche, um mit Flaschen von Prosecco die süffisanten (Bett-)Geschichten aus "Sex And The City" aufzusaugen, sind bei den Frauenformaten der 2010er-Jahre eher Bier oder auch ein amtlicher Schnaps angebracht. Die neuen Anti-Heldinnen glauben längst nicht mehr an das utopische Versprechen, mit dem Verfassen einer wöchentlichen Kolumne in einer westlichen Metropole über die Runden zu kommen, geschweige denn einen mondänen Lifestyle führen zu können, wie 90er-Ikone Carrie Bradshaw es im TV vorlebte. Das Glamour-Feuerwerk ist vorbei. Was nicht bedeutet, dass mit ihm Herz und Humor verpufft sind.

"New Girl" Jess (Zooey Deschanel) zieht, nachdem ihr Verlobter sie betrogen hat, in eine Männer-WG in Los Angeles. Die Endzwanzigerin arbeitet als Grundschullehrerin, wird diesen Job im Laufe der Handlung aber wieder verlieren. Auch ihre Mitbewohner sind als Barkeeper oder Nanny nicht gerade oben angesiedelt auf der Karriereleiter. Hannah (Lena Dunham) wiederum lebt in "Girls" in der Wohnung einer Freundin im New Yorker Stadtteil Brooklyn, ist aber lediglich geduldet. Zum einen kann sie die Miete nicht zahlen, weil ihre Eltern ihr den Zuschuss gestrichen haben und sie sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt. Zum anderen plant sie, Schriftstellerin zu werden und analysiert für ihre Prosaversuche auch schon mal ausführlich, wie schlappschwänzig der Freund ihrer Mitbewohnerin ist. Das kommt nicht so gut an. Jess und Hannah sind zwei Extreme auf der Skala weiblicher (Über-)Lebenskunst. Die Westküstenvariante ist die niedliche. Mit schönen Klimperaugen hinter der dicken Retrobrille, stets wunderbar gewelltem Haar und süßen Kleidchen. Optimismus paart sich bei Jess mit einem unstillbaren Hang zur Schrulligkeit. Sie ist eine, die vor ihrer Klasse einen selbst komponierten Anti-Mobbing-Song singt, um damit kurze Zeit später auf YouTube selbst zum Gespött zu werden.

Hannah hingegen tendiert eher in Richtung intellektueller Proll. Ihre Kleidung sitzt immer leicht unvorteilhaft, was sie mit großer Selbstverständlichkeit trägt. Während Carrie in "Sex And The City" noch stets züchtig mit Bügel-BH schlief (welche Frau tut das schon?), zeigt "Girls" die fülligen Hüften und Tattoos ihrer Protagonistin ganz nackt und offen. Beide Serien sind weit entfernt vom Hochglanz-Eskapismus, der die (Körper der) Schönen und Reichen protegiert. Und man möchte ausrufen: zum Glück!

Nerds sind sowohl Hannah als auch Jess. Und auch in Bezug auf Männer läuft es bei beiden ziemlich unrund. Jess bandelt mit ihrem Kollegen Paul (Justin Long) an, der sich als Heulsuse entpuppt. Hannah hat immer mal wieder Sex mit dem Schauspieler Adam (Adam Driver), von dem sie zwischendurch ein Foto von dessen Penis auf dem Handy erhält. Mit der nachfolgenden SMS: "War nicht für dich." Romantisch geht anders. Und natürlich ließe sich dieses postmodern verzettelte Beziehungsverhalten paarungswilliger Großstädter als Zerfall so ziemlich aller Werte interpretieren. Aber das wäre zu einfach. Denn die Jugend verlängert sich permanent. Und mit ihr dehnt sich auch das Suchen, Finden und Ausprobieren aus. Die eigene Identität, sie wird zum fortwährenden Rollenspiel. Und "New Girl" und "Girls" dürfen als sehr zeitgemäße Antworten auf diese Realität schlichtweg genossen und bewundert werden. Denn der Begriff "prekär" bezieht sich ja nicht allein auf den Kontostand der Fräuleins, sondern bedeutet auch so viel wie "unsicher", "schwierig" und "peinlich".

Jess und Hannah sind zwei Frauentypen, die skurril und unbeholfen sein dürfen und dabei unglaublich liebenswürdig sein können. Die dem Leben mal einen Rest Würde abtrotzen, mal aber auch einfach keine Lust dazu haben. Die dann manchmal so wirken, als sei die Welt um sie herum entweder zu groß oder zu klein. Als würden sie in dieses Puzzle namens Existenz nicht ganz hineinpassen. Kurzum: Sie sind komplex.

Das soziale Auffangbecken für diese Charaktere ist in beiden Fällen nicht mehr die Familie, sondern die Freundesclique. Und wie bei der richtigen Verwandtschaft gehen sich die, die sich nahestehen, zwischenzeitig gehörig auf die Nerven, um sich später wieder in den Armen zu liegen oder gemeinsam vor den Fernseher zu sitzen.

Bindungen und Halt sind also nicht verschwunden, sondern haben sich verlagert. Und für diese geänderten Gefüge haben die Macher beider Formate eine angemessene Sprache gefunden. In "New Girl" ist diese mehr mit Gags gespickt. In der WG steht ein "Douchebag-Jar" als Regulativ: eine Chauvi-Kasse, in die die Männer bei allzu markigen Sprüchen einzahlen müssen. Bei "Girls" reichen sich Zynismus und Desillusion die Hand, doch nicht ohne immer wieder in den Freundinnen-Kosmos zurückzufinden. Dass die Serie als besonders authentisch gelobt wird, überrascht nicht, stammt von der 1986 geborenen Hauptdarstellerin Dunham doch auch die Vorlage zu dem Stoff. Deschanel wiederum, die ebenfalls als Musikerin erfolgreich ist, singt zudem den Titelsong zu "New Girl", eine Art Selbstermächtigungshymne für Jess.

Kein Wunder also, dass diese beiden Mehrfachtalente befreundet sind. Für die diesjährige Emmy-Verleihung planten die zwei vorab ausführlich, welchen Nagellack sie zur Gala tragen werden. Dunham entschied sich für einen eleganten Grauton, Deschanel wählte ein blasses Orange mit Glitzer und applizierte Minifernseher auf ihren Daumennägeln. Die Töchter des Feminismus, sie wollen sich selbst gefallen. Auch wenn es manchmal schwerfällt.

"Girls" Mi 21.10 Uhr, Glitz

"New Girl" Mi 21.15 Uhr, ProSieben

Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Alles über Ihre Straße

Top-Videos
Mexiko
Der rätselhafte Schatz von Teotihuacán

Archäologen sind in der Ruinenstadt Teotihuacán tief in einen rund 1800 Jahre alten Tunnel vorgedrungen. Dabei haben sie rund 50.000 Artefa…mehr »

Top Bildergalerien mehr
DFB-Pokal

HSV-Fan attackiert Franck Ribéry

Hamburger Sprayer

Diese "Oz"-Bilder sind noch zu verkaufen

Architektur

Das sind Hamburgs "Bauwerke des Jahres"

Winterhude

Stanislawski und Laas eröffnen Supermarkt

Hamburg Guide mehr
Weitere Dienste alle Dienste
Highlights
tb_hh_mahjong100.jpg
Mahjong

Spielen Sie mit!mehr

rb_wetter_926045a.jpg
Wetter in Hamburg

Der aktuelle Wetterbericht mit Karte und Vorhersagemehr

rb_stadtplan_926042a.jpg
Stadtplan Hamburg

Mit dem Hamburger Stadtplan Adresse und Orte findenmehr