23.10.12

Konzertkritik Lizz Wright: Eine mächtige Predigerin

Von Heinrich Oehmsen

Foto: Universal

Das Konzert von US-Sängerin Lizz Wright in den Fliegenden Bauten, das wie ein Gottesdienst beginnt, gehört zu den Besten des Jahres.

Hamburg. Es beginnt wie ein Gottesdienst. "Walk with me, Lord", singt Lizz Wright, "Gott, begleite mich!" Die beschwörende Formel erklingt so oder so ähnlich in vielen afroamerikanischen Kirchengemeinden überall in den USA. Mit inbrünstigem Gesang preisen die Kirchgänger und Chorsänger den Herrn. Lizz Wright, Predigertochter aus einem kleinen Ort in Georgia im amerikanischen Süden, hat diese religiösen Lieder von Kind auf gesungen.

Als "ihre mächtigsten Wurzeln" beschreibt die 32 Jahre alte Künstlerin den klassischen Gospelsong. Und mit diesem mächtigen Gesang verwandelt sie den Zeltbau der Fliegenden Bauten am Sonntagabend in ein Gotteshaus. Ihre Stimme füllt den hohen Raum völlig aus, nur die Scheinwerfer über der Bühne irritieren sie. "Kann die mal jemand ausschalten, bitte?", fragt sie, "ich fühle mich, als würde ich frittiert werden."

Den Rest des 100 Minuten langen Konzerts dürfen sie und ihre vierköpfige Band in gedimmtem Scheinwerferlicht spielen, sehr passend zu den vielen Balladen ihres Programms. Alles, was sie singt, fühlt sich leicht und selbstverständlich an. Sie gehört zu den Sängerinnen, die nicht darüber nachdenken müssen, welche Phrasierung sie als Nächstes benutzen. Der Gesang kommt als etwas völlig Natürliches aus ihrem Stimmorgan, jeder Song ist Ausdruck tiefer Empfindungen, und es spielt nicht mal eine Rolle, ob sie den Song selbst geschrieben hat oder ihn nur interpretiert.

Im Repertoire an diesem Abend hat sie nicht nur Gospel und Soulnummern wie "A Lover Is Forever" von Etta James, sondern auch Rocksongs, die sie mit ihrer elastischen und kräftigen Stimme neu interpretiert. "Old Man" von Neil Young wird bei ihr zu einer abgründigen Zukunftswarnung, "Thank You" vom zweiten Led-Zeppelin-Album zu einer betörenden Liebeserklärung. Angesichts ihrer außergewöhnlichen Stimme und ihrer Ausdrucksstärke ist es erstaunlich, dass Lizz Wright in den USA noch nicht als eine der absoluten Top-Sängerinnen in Soul und Jazz anerkannt worden ist.

Dass ihr Konzert in den Fliegenden Bauten zu den stärksten des Jahres gehört, liegt auch an der Band mit der fantastischen Rhythmusgruppe Brannen Temple (Schlagzeug) und Nicholas D'Amato (Bass) sowie den beiden Gitarristen Robin Macatangay und Marvin Sewell. Einfühlsam und aufmerksam begleiten sie die Bandleaderin.

Am Ende trampeln die Zuhörer begeistert mit den Füßen, Lizz bekommt einen großen Blumenstrauß überreicht und von hinten ruft eine Stimme aus der Menge "I love you, Lizz!". Sie bedankt sich auf ihre Art. Mit einem Gospel. "Amazing Grace", im 18. Jahrhundert vom Kapitän eines Sklavenschiffes als Dank an Gott geschrieben, singt sie mit der gleichen Intensität, mit der sie den Abend begonnen hat.