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Live & Digital

Der Avatar ist der Star

NETZKULTUR: Von Lara Croft bis Tony Hawk: Die virtuellen Persönlichkeiten werden real und umgekehrt. Ihren Avataren sei Dank

Yo, DJ Doomsday, bring that shit in!", befiehlt eine Sprachsoftware in abgehacktem Duktus. Ein grundierter Loop mit Referenz zu N.W.A. startet. Im Videoclip pumpt ein Gehirn mit 126 Beats per minute. Ein Sportwagen startet mit qualmendem Auspuff. "Straight outta Oxford, the H to the A to the W-King", rappt der Star dieses Videos, ein Avatar namens MC Hawking, ein fiktiver Old-School-Rapper, der in Aussehen und Biografie an einen prominenten, am Lou-Gehrig-Syndrom leidenden Astrophysiker erinnert, der textlich zwischen Schwarzen Löchern, String-Theorien und Motherfuckers oszilliert, sein zweites Album "E= mchawking²" und seinen Rapstil "Nerdcore" nennt: "Kicking science like no one else can. My dick is twice as long as my attention span."

MC Hawking ist ein Star, den man nicht anfassen kann und der dennoch nach denselben medialen Mustern wie Ice-T oder P.Diddy funktioniert: Startum entsteht durch Intimität auf Distanz, durch die Illusion, sich dem Unnahbaren durch den medialen Guckkasten zu nähern. Es entsteht durch Akkumulation von Aufmerksamkeit, durch mediale Zuwendung, die aus sich selbst heraus weitere Zuwendung generiert. Ein Star-Image ist immer auch ein Kunstprodukt, ein Trugbild aus gelenkten Diskursen, Skandalen, Biografie-Notizen. Ein Star-Avatar ist das unverdünnte Konzentrat dieser Medienmuster: ein körperloses Aufmerksamkeits-Aggregat, ein Produkt aus der Traumfabrik, das selbst sein eigenes Trugbild ist.

Die ersten Star-Avatare entstanden Anfang der 90er-Jahre. Pixelmann E-Cyas wurde damals erst zum Aushängeschild der virtuellen Welt Cycosmos, einer Art Steinzeit-Second-Life, und dann zum multimedial verwertbaren Star: Er präsentierte seine eigene Mode, versuchte sich mit der Single "Are U Real" als Popstar und parlierte, gesteuert von einem Schauspieler im Motion-Capture-Anzug, mit den Moderatoren von "Focus TV". Der erste Avatar von Star-Format war jedoch Lara Croft: Nach zahllosen Auftritten in Männermagazinen, Talkshows, Ärzte-Musikvideos ("Männer sind Schweine") und Seat-Werbespots sowie nach den bisher zwei Hollywood-Verfilmungen ihres fiktiven Lebens mit Angelina Jolie in der Hauptrolle kannte jeder die Croft - auch die, die keine Computerspiele spielen. Sie wurde auch zum Beweis dafür, dass Popkultur zwischen real und virtuell kaum Unterschiede macht, dass unser Bezugsuniversum neben realen längst auch virtuelle Stars umfasst. Und dass Stars zwar viel und gerne mit ihrer Menschlichkeit kokettieren, Startum an sich indes ein vom Menschen losgelöster Prozess ist, der sich auch auf nicht menschliche Kunstprodukte anwenden lässt.

Reale Stars wie Tony Hawk oder Michael Schumacher wissen dies wiederum für sich selbst zu nutzen, indem sie über Computerspiele die Sphäre ihres Startums ins Virtuelle ausdehnen. Bands wie U2 oder Duran Duran tun dasselbe, indem sie in Second Life Konzerte spielen. Die Initiative, den Cyberspace zu erobern, geht dabei nicht zwangsläufig vom Star aus: Im Falle U2 verhalfen einige Fans der Band zu virtuellem Ruhm - und das wohl auch aus ganz egoistischen Motiven: Denn schlüpft ein Star in eine virtuelle Hülle, können seine Fan wieder dieses Kribbeln spüren, wenn sie selbst eine virtuelle Hülle überstreifen und ihrem Idol in einer Second-Life-Bar begegnen.

Ob es sich beim Star ihrer Wahl um eine virtuelle Person wie Lara Croft oder um die virtuelle Verlängerung einer - prominenten oder nicht prominenten - realen Person handelt, ist dann letztendlich nur noch zweitrangig.

 

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