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ONLINE-RECHERCHE: Mit "Polar Rose" geht Anfang 2007 die erste Gesichter-Suchmaschine in Betrieb
Letzte Woche hat Carsten die tolle Trisha kennengelernt. Zusammen feierten sie bis spät in die Nacht. Irgendwann ging Trisha dann nach Hause - leider ohne ihre Telefonnummer zu hinterlassen. Auf www.polarrose.com findet Carsten später einige Fotos, die Trisha zeigen, wie sie in einem Cafe nahe dem Hamburger Portugiesenviertel sitzt. Und dann fährt er dort vorbei, um ihr "zufällig" zu begegnen.
Was wie ein Szenario aus George Orwells "1984" klingt, könnte Wirklichkeit werden, wenn Anfang des Jahres die erste Suchmaschine für Gesichter online geht. Die Software mit dem Namen "Polar Rose" scannt Bilder und erzeugt ein biometrisches Profil der darauf abgebildeten Gesichter. Dieses kombiniert sie mit anderen auf den Bildern gespeicherten Informationen wie Orts-, Zeit- und Namensangaben zu einer Datenbank.
Findet "Polar Rose" ein Bild, auf dem keine Zusatzinformationen gespeichert sind, auf dem jedoch ein Gesicht abgebildet ist, dessen Biometrie die Maschine kennt, beschriftet die Software das Foto selbstständig mit dem Namen der dazugehörigen Person. Die Suchmaschine lernt also, Gesichter zu identifizieren - und sie wird immer besser, je mehr Bilder sie analysiert hat. Internet-User können bei der Datenerfassung mithelfen, indem sie alle Fotos, die sie ins Netz stellen, fleißig taggen, also beschriften.
Die Recherche auf polarrose.com funktioniert nach dem typischen Suchmaschinen-Prinzip: einfach den Namen einer Person in die Maske eingeben - schon spuckt das Programm alle Bilder aus, die deren biometrischem Profil zugeordnet sind. Angeblich soll die Software dabei so präzise arbeiten, dass sie sogar Zwillinge auseinanderhalten kann.
Es ist kaum absehbar, welch weitreichende Folgen dies für das Verhältnis zwischen Privatem und Öffentlichem haben wird: In jedem Handy steckt heute eine Fotokamera; etwa zehn Millionen Bilder werden täglich rund um den Globus auf irgendwelche Server hochgeladen; und schon heute kann ein Durchschnittsmensch kaum kontrollieren, wer ihn alles fotografiert und ungefragt Fotos von ihm auf irgendwelchen Websites veröffentlicht.
Szenarien wie das von Trisha und Carsten - oder von Schwiegereltern, die zufällig ein Bild vom Bräutigam ihrer Tochter in der lokalen Schwulenbar finden - sind da noch harmlose Vorstellungen. Mit der "Polar Rose" dürfte es kein Problem sein, herauszufinden, wo sich jemand gern aufhält und mit wem er sich trifft. In den Händen von Stalkern, eifersüchtigen Ehemännern oder Versicherungsinspektoren könnte das zu Problemen führen. Ein Blogger im "Netzbuch" nennt "Polar Rose" deshalb abfällig die "Schily-Schäuble-Beckstein-Variante von Flickr und Photobucket".
Jan Erik Solem, der Erfinder und Gründer von "Polar Rose", ist entspannter: Schon heute könne der Durchschnitts-User mit Google ganz ähnliche Resultate erzielen; seine Software mache die Suche nach Gesichtern nur bequemer.
Auch ist anzumerken, dass die Übernahme von Polizei- und Militärtechnologie in die Alltagskultur durchaus medienhistorischer Usus ist - man denke nur an GPS, Stimmerkennung oder das Internet selbst. Dennoch bleibt die Vorstellung einer biometrischen Suchmaschine für den Hausgebrauch faszinierend und gruselig zugleich. Jennifer Granick, Redakteurin beim Internet-Magazin "Wired", brachte es auf den Punkt: "Suchen ist klasse, gefunden werden problematisch."




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