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Movimentos 2010

Auftaktveranstaltung: Gelungene Eröffnung in Wolfsburg

Starker Start beim 8. Festival "Movimentos" in Wolfsburg: Die Kibbutz Contemporary Dance Company aus Israel sorgte für Gesprächsstoff.

Tanzkunst aus Israel: Die Kibbutz Contemporary Dance Company.
Foto: dpa/DPA

Wolfsburg. Starker Auftakt am Donnerstagabend beim 8. Festival „Movimentos“ in Wolfsburg mit der Kibbutz Contemporary Dance Company aus dem Kibutz Ga’aton in Israel. Deren Gründerin Yehudit Arnon hat als junges Mädchen den Massenmord an den Juden im KZ Theresienstadt überlebt. Nun tritt die seit 1996 von Rami Be’er geleitete Weltklasse-Company ausgerechnet im Volkswagen Kraftwerk auf, in einem Ort, der in seinen Gründungsjahren eng mit dem NS-Regime verwoben war – eine große Geste der Versöhnung und Freundschaft.

Zwei Stücke zur Eröffnung des Festivals der Autostadt, und zwei Grundstimmungen, in denen man über die Menschen in Israel, über ihren Staat und ihre Aussichten nachdenken kann. Das düstere zuerst: die Welturaufführung von „In the Black Garden“, eine tänzerische Reflexion der Gedanken eines Soldaten nach einem Gedicht des Choreographen.

Von Gewalt ist die Rede, von gestörter Kommunikation und von Misstrauen, von den mentalen Deformationen der Menschen im Krieg, von Lügen und Schmerzen, von dem Wunsch nach Verstehen, friedvollem Miteinander und der Idee der großen Einigkeit.

Rami Be’er und seine 15 Tänzerinnen und Tänzer bringen das in extrem verrätselten Bildern auf die Bühne im KraftWerk am Mittellandkanal. Es sind getanzte Schreie, zu akustischen Störgeräuschen – Knistern, Pfeifen, Schüssen, Kratzen, industriell wirkendes Stampfen und Klopfen – die jeden Ansatz zu größerer Harmonie konterkarieren. Fabelwesen queren den Bühnenraum, als seien sie auf dem Weg aus einem Bild von Hieronymus Bosch ins nächste: eine Mischung aus Affe und Mensch auf vier Beinen, die Hände nach hinten eingedreht, als sei die Richtung unentschieden; Zwillingspärchen im Kontrast zu den geschlechtslos kostümierten Tänzern, andere deformierte Kreaturen. Knallige Grundfarben – Rot, Gelb, Blau – markieren konkurrierende Parteien; in einem bewegenden Bild gegen Ende wird auf der Bühne ein roter Belag ausgerollt, auf dem dann rotgekleidete Menschen demonstrative Einigkeit tanzen – ein Bild, in dem doch die anderen Farben gnadenlos unter dem Rot begraben wurden und die Frage zurücklassen: Was ist der Preis der Einheit? Immer wieder fallen Menschen, mitten aus ihrer Bewegung gerissen.

Rami Be’er setzt, darin fast John Neumeier ähnlich, auf stark stilisierte, künstlich anmutende Gesten, immer ein wenig eckig, ein bisschen gewaltsam wirkend, Momente der Anmut sind kleine Inseln, die bald wieder gestört werden, auch in der Musik, wo Bach sich nicht gegen die Störungen durchsetzen kann. Am Ende sitzt der Soldat, dessen Kopfgeburt diese Bilder waren, wieder vor einer Lampe, in die er ratlos schaut – geblendet. Der Text sagt lapidar: „Ein Soldat wundert sich. Ein Soldat irrt.“

Eine abgrundtief pessimistischer Blick auf die menschlichen Beziehungen in und um Israel; Versöhnung bleibt ein nicht greifbarer Schatten, tiefe Melancholie macht sich breit.

Den zweiten Teil des Abends bestritten die Kibbutz-Tänzer mit der etwas gerafften Produktion, die sie zum 60. Jahrestag der Gründung ihres Landes 2008 geschaffen hatten: „60 Hz“. Sie wirkt auf den ersten Blick freundlicher, fröhlicher, ja fast ein bisschen satirisch im Blick auf Israel: Wie findet das Land zu Selbstbewusstsein, zu Identität, zu Frieden und Freude?

Auf den zweiten Blick werden Brüche und Selbstinszenierungen sichtbar: Man tanzt – aber nach strikten Kommandos. Man macht sich davon frei, und wird doch immer wieder davon eingeholt. Ein stupide wiederholter Text, der Zwänge in den Raum stellt, an Kreuzverhöre denken lässt, an schlimmeres. Immer wieder blenden Scheinwerfer für Sekunden ins Publikum, senden das Signal „Gefahr“ aus, verunsichern. Vor diesem Hintergrund wirken die bewusst naiven Tanzszenen, die solche Gefahren ignorieren, wie der Tanz auf einem Vulkan, der jederzeit ausbrechen kann. Lebensgefühl eines Landes, das immer wieder um den nächsten Tag fürchten muss und in der verklemmter oder alberner Verdrängung Atempausen sucht.

Gesprächsstoff genug also für die Premierenfeier im Metropolis-Ambiente des KraftWerks, und ein wunderbarer Start in das „Movimentos“-Festival, das noch bis zum 13. Juni in 80 Veranstaltungen Tanz mit Compagnien aus Brasilien, den USA, Großbritannien und den Niederlanden auf dem programm hat, dazu Konzerte, Lesungen und Akademie-Veranstaltungen.

Infos: www.movimentos.de, Tickets unter 0800-288 678 238

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