Staatsoper
"La Cenerentola": Tanz den Rossini
Neue Staatsopern-Inszenierung von Rossinis "Cenerentola" setzt voll und ganz auf putzige Ausstattung, die Regie macht unterdessen Pause.
Die Schauspieler (v. l.) Viktor Rud als "Dandini", Maxim Mironov als "Don Ramiro", Maite Beaumont als "Angelina", Tigran Martirossian als "Alidoro", Gabriele Rossmanith als "Clorinde", Enzo Capuano als "Don Magnifico" und Renate Spingler als "Tisbe"
Foto: dpa
Hamburg. Die direkten Vorgesetzten sind zwei fiese Jungfern, knalldumme, überdrehte Schreckschrauben mit betonfesten Beehive-Frisuren. Der Boss der bienenfleißigen Büromaus ist ein geldgieriger Angeber, der in einem Sparschwein-Safe haust. Das ganze Elend wird abgerundet durch sinnfreie Schreibtischarbeit, und nie gibt es ein Wort des Dankes.
Sind wir herzensguten Lohnknechte, so gesehen, nicht alle ein bisschen "Cenerentola"? Hoffen wir nicht alle, dass die Tür zum Großraumbüro unseres Daseins sich öffnet und ein Blaublut mit Blendamed-Lächeln uns aus diesem Jammertal dämlicher Fremdbestimmung entführt? Happy End, für mich soll's rote Rosen regnen, Geld wie Heu, Applausapplausapplaus und so weiter?
Mag ja sein. Aber so niedlich und schnell erzählt das Märchen von Aschenputtel auch ist, ein bisschen Substanz unter der vielen Oberfläche hätte es schon sein dürfen, wenn man Rossinis Märchen-Oper in den Spielplan nimmt, so wie es die Hamburgische Staatsoper jetzt tat.
In ihre Bühnenbild-Gestaltung, eine unbestreitbare Meisterleistung der Staatsoper-Werkstätten und offenbar vollständiger Ersatz für ein belastbares Regie-Konzept, haben André Barbe und Renaud Doucet jedenfalls eine Menge Gedankenarbeit gesteckt und mit Liebe zu Details eine Unmenge an Verweisen und Zitaten aufgehäuft. Die expressionistischen Moloch-Visionen aus "Metropolis". Die lustigen Allzweck-Roboter aus 50er-Jahre-B-Filmen, die aussehen wie rumpelnde Werkzeugkästen auf Rädern. Den Kindergarten-Optimismus der "Jetsons", den zukünftigen Verwandten von Fred Feuersteins Zeichentrick-Sippe und eine Prise der skurrilen Bildsprache aus "Futurama". Alles ganz doll bunt und ständig was Neues auf die Augen, bis einer oder besser noch der ganze Saal lacht und vergisst, dass es neben der Dekoration auch noch eine Handlung geben könnte. Und all das, den ganzen schönen Rossini in eine historische Retro-Utopie der späten 1920er-Jahre gewürfelt, die sich mit Anspielungen auf Geld vernichtende Wirtschaftskrisen, säftelnde Castingshows und grenzdebile Herrschergestalten allerliebst ins boulevardeske Italien-Klischee von heute fügt.
Bunga-Bunga-Kandidatinnensuche mit versteckter Kamera also statt einer Opera buffa über die Suche nach der großen Liebe, spektakuläre Wimmelbilder statt einer Dramaturgie, die den Figuren zumindest einen Hauch von Tiefe verleiht. Am Ende, nach tollkühnen Rollschuhballett-Einlagen, Showtreppen-Panoramen und einem witzigen Holzhammer-Happy-End für "Tim und Struppi"-Leser kam eine gern auch mal klamaukige Mischung aus der Augsburger Puppenkiste und "Flash Gordon" heraus, derart grell und comichaft überzeichnet, dass man anstelle von deutschen Übertiteln auch gleich mit Sprechblasen hätte arbeiten können.
Oder, um einen ernsthafteren Wunsch ans Haus anzubringen, mit einem Dirigenten, der tatsächlich genügend von dem versteht, wofür man ihn als Einspringer für Andrés Orozco-Estrada doch wohl hoffentlich engagiert hat. Antonello Allemandi, gebürtiger Mailänder, muss bei seiner musikalischen Sozialisation weite Bögen um das heimische Kulturgut Oper und dessen filigrane Schönheiten gemacht haben. Allemandis Rossini-Verfehlungen fingen - berüchtigte Premieren-Tradition im hiesigen Opernhaus - wackelnd an, wechselten dann über weite Strecken ins Behäbige, erinnerten in den unpolierten Rezitativen an abgestandenen Spumante, übertönten oft die wie Handpuppen an der Rampe aufgereihten Sänger und endeten im rumpelnden Mittelmaß. Belcanto, die schöne Kunst der geschmeidigen Linienführung, der ständigen Überraschungsmomente, war da vielleicht theoretische Absicht, aber in der Praxis eher seltener Glücksfall. Man ahnt, was aus diesem Rossini-Geniestreich noch so alles nicht werden kann, wenn es im Repertoirebetrieb-Modus auf Touristenbus-Inhalte losgelassen wird.
Die Philharmoniker, Kummer gewohnt, fügten sich, was sollten sie auch machen, der Macht des Schicksals, das ihnen diesen unbeholfenen Gast-Maestro als Lückenfüller am Chefpult beschert hatte. Wo, bitte, ist Klaus von Dohnanyi ("Das ist doch ein anständiges Stück, das muss man nicht so spielen!"), wenn man ihn mal braucht?
Leidtragende dieser Misere waren der Chor und die Solisten, die sich mal mehr, mal weniger inspiriert durch Rossinis kurzweilige Konfektionsware sangen, bis Maite Beaumont, der Star des Abends, bei ihren Auftritten nicht nur Abziehbilder lieferte, sondern Format, Charme, Seele und sanft fließenden, leicht eingedunkelten Wohlklang.
Renate Spingler und Gabriele Rossmanith, beides bewährte Hauskräfte, alberten sich unterdessen hinreißend irr durch ihre Rollen als Stiefschwestern, Viktor Rud brezelte seine Bravour-Partie als Diener Dandini mächtig auf, ebenso Enzo Capuano, der als Don Magnifico eine pralle Padrone-Karikatur lieferte, während Maxim Mironov als Prinz Ramiro zu unelegant und unflexibel durch seine Partie marschierte. Mag aber auch sein, dass er ständig von der Angst gepeinigt war, endgültig von der Orchesterbegleitung aus dem Konzept gebracht zu werden.
Dem Happy End auf der Bühne folgte eines für das künstlerische Personal - bis auf die obligatorischen Prinzip-Buhrufe für Barbe/Doucet war alles eitel Freude und Jubel.
Termine: 11., 15., 20., 22., 29. Mai, 11. Juni. www.hamburgische-staatsoper.de . Am 18. Mai singt Beaumont in einem Laeiszhallen-Konzert des Ensembles Resonanz, auf dem Programm: u. a. Mahlers "Lied von der Erde". www.ensembleresonanz.de





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