Konzertante "Dreigroschenoper" in der Laeiszhalle
Weill wirkt, Brecht bringt’s
Klassik-Stars wie Ian Bostridge und Dorothea Röschmann gönnten sich den Spaß, das bissige Stück anders zu interpretieren.
Der Tenor Ian Bostridge sang den Mackie Messer.
Foto: Simon Fowler / Laeiszhalle
Hamburg. Ohne den Wiener Küchentisch von Generalintendant Christoph Lieben-Seutter, von dem er im Brahms-Foyer erzählte, hätte es dieses reichlich außergewöhnliche Konzert wohl nicht gegeben. Am Küchentisch nämlich habe er mit dem als Mozart- und Britten-Tenor, aber garantiert nicht als Weill-Kandidaten bekannten Tenor Ian Bostridge die Idee ausbaldowert, eine „Dreigroschenoper“ einmal drastisch anders zu machen. Gesungen von klassisch ausgebildeten Stimmen, nicht von mehr oder weniger deutlich dilettierenden Schauspielern. Vielleicht hatte es Bostridge aber auch ganz einfach nur satt, immer nur auf die ätherischen Gentleman-Rollen abonniert zu sein. Mackies Kleingangster-Spaßfaktor ist ein ganz anderer.
Die Küchen-Idee von damals hat ganz offensichtlich den aktuellen Geschmack des Hamburger Publikums getroffen. Denn das war am Freitag bei der konzertanten Aufführung in der Laeiszhalle mit einer stellenweise illustren Besetzung komplett aus dem Häuschen. Ovationen, mehrere Zugaben. Das zeitlose Stück, das auch zur aktuellen Krise passt, traf einen Nerv.
Der klassische Verfremdungseffekt wirkte und mache sich erstaunlich gut, auch wenn stur und reichlich steif vom jeweiligen Notenblatt gesungen wurde und man sich als Zuhörer den szenischen Spaß denken musste. Einzige Ausnahme dabei war (neben Christoph Bantzer als Erzähler mit einer Vorliebe fürs dramatisch rollende R) der österreichische Multitasker HK Gruber, der das Klangforum Wien und den stimmstarken „Chorus sine nomine“ auch dann noch mit bestechender Stilsicherheit dirigierte, als er selbst den liebenswerten Fiesling Peachum wegwienerte.
Obwohl der Mackie dieses Abends immer wieder mit kleinen „stiff upper lip“-Manierismen aufwartete, die vielleicht besser zu den gelackten Songs eines Noel Coward als zu den rotzfrechen Balladen und Moritaten Kurt Weills gepasst hätten – es machte Spaß, zu erleben, wie diese Musik wirkt, wenn sie aus einer anderen Perspektive losgelassen wird. Denn Grubers Version war eine straßenköterhaft freche Gassenhauer-Show. Noch adretter als Bostridge sang Dorothea Röschmann ihre Polly, ein bisschen zu viel höhere Tochter womöglich. Angelika Kirchschlager war dagegen als Spelunkenjenny geradezu erotisierend aufgeheizt und voll und toll in dieser Rolle.
Mit diesem unkonventionellen Konzert endete die acht Jahre währende Ära der „m-Konzerte“ in der Laeiszhalle. Ab Herbst heißt alles, was hier oder woanders in der Stadt von Lieben-Seutter angeboten wird, „Elbphilharmonie-Konzerte“.
Die Verhältnisse, sie ändern sich.




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