Tief in der Seele graben
Ole Christian Madsens Dogma-Film Kira ist ein starkes Beziehungsdrama
Sie war lange weg. Sehr lange. Kira (Stine Stengade) kehrt aus einer psychiatrischen Klinik zurück. Zu Hause trifft sie auf eine Situation voller Spannung: Zwar freut sich ihre Familie auf sie, aber Ehemann Mads (Lars Mikkelsen) hat erst kurz zuvor eine Affäre mit ihrer Schwester beendet. Ein hübsches Kindermädchen kümmert sich mittlerweile um die beiden Söhne - doch sie wissen nicht so recht, wie sie ihrer Mutter begegnen sollen. Alle Seiten bemühen sich, aber das Eis ist dünn; vorsichtigen Annäherungen folgen Rückschläge. In der vertrauten Umgebung brechen alte Wunden auf. Kira verhält sich wieder unkonventionell - manchmal liebenswert verrückt, manchmal schwer verständlich. Sie entzieht sich dem Zwang zur Konformität, Mads' Toleranz wird die Grenze aufgezeigt. Kira feuert das Kindermädchen, baggert einen fremden Mann an, wacht morgens in dessen Bett auf - und bittet Mads, sie aus der Wohnung abzuholen. Im Schwimmbad rastet sie aus und wird von der Polizei abgeführt. Aber Mads und Kira wollen nicht voneinander lassen. Die Gefühle fahren Achterbahn in Ole Christian Madsens "Kira". Geschickt öffnet der dänische Regisseur in seinem Dogma-Film den Eingang zu dem privaten Schlachtfeld. Beständig wie der Gezeitenwechsel folgt auf Anlehnung wieder Abstoßung. Spaß und Beklemmung sind nah beieinander. Der Film, den Madsen in langen Improvisationen mit seinen Schauspielern erarbeitete, zeigt eindringlich, wie zerbrechlich Beziehungen und die menschliche Psyche sind. Das liegt an der überzeugenden Dramaturgie, vor allem aber an zwei herausragenden Darstellern. Besonders Stine Stengade scheint tief in ihrer Seele gegraben zu haben - sie spielt beängstigend und verstörend, zärtlich, wild und verrückt. Madsen bringt mit "Kira" vier Jahre nach den Erfolgen von Thomas Vinterberg ("Das Fest") und Lars von Trier ("Die Idioten") einen weiteren Film gemäß der Dogma-Regeln in die Kinos. Die Handkamera unterstützt die Intimität der Situationen, aber sonst fällt die Andersartigkeit dieses Films kaum auf. Aus der Dogma-Revolte ist eine Konvention geworden. Das liegt auch an der Qualität dieses Films, der einfach ein starkes Beziehungsdrama ist.
Kira DK 2001, 92 Min., ab 16 J., R: Ole Christian Madsen, D: Stine Stengade, Lars Mikkelsen, Sven Wollter, täglich im Abaton



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